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Donnerstag, 10. August 2017

Google-Mann gibt Interviews: Alt-Right mag James Damore

Von Nora Schareika

Er will angeblich nur Vorschläge machen, die Google voranbringen. Deshalb kritisiert James Damore die Frauenförderung des Konzerns, die Biologie spreche dagegen. Es folgt der Rauswurf. Und nun rechtfertigt Damore sich ausgerechnet bei rechten Youtubern.

Erstmals hat sich der von Google entlassene Softwareentwickler James Damore zu den Sexismusvorwürfen gegen ihn geäußert. Trotz mutmaßlich zahlreicher Anfragen sagte er jedoch ausgerechnet zwei Gesprächspartnern aus Kanada zu, die bei der amerikanischen Alt-Right-Bewegung beliebte und erklärtermaßen antifeministische Youtube-Kanäle betreiben: der Radiomoderator Stefan Molyneux und der Psychologe Jordan B. Peterson. Beiden gab der ehemalige Google-Mitarbeiter 45 beziehungsweise 51 Minuten lange Interviews. Anschließend stellte sich Damore noch bei Bloomberg für mehrere Minuten den Fragen einer Moderatorin.

Stefan Molyneux betreibt einen eigenen Youtube-Kanal, bloggt und moderiert die Podcasts des Freedomain Radios, das sich selbst als die "größte Philosophieunterhaltung der Welt" beschreibt. Molyneux bezeichnet sich als Libertären, gerade in Nordamerika sind die Schnittmengen mit Rechten und Ultrakonservativen groß. Peterson ist ein Psychologe an der Universität von Toronto. Er machte im vergangenen Jahr in Kanada Schlagzeilen mit seiner Weigerung, sich in Vorlesungen einer genderneutralen Sprache zu bedienen, wie von der kanadischen Regierung vorgeschrieben. Er veranstaltete in diesem Sommer eine Art Ringvorlesung zur Bibel, die ausverkauft war. Die Bibel bezeichnet Peterson als Grundlage für die westliche Kultur und grundlegend für die psychologische Gesundheit der Menschen. Peterson, der fast 380.000 Abonnenten bei Youtube hat, gilt als scharfer Anti-Linker und Kritiker von Genderthemen.

Es ist verständlich und erstaunlich zugleich, dass James Damore sich ausgerechnet diese Foren ausgesucht hat. Einerseits boten die Youtuber dem US-Amerikaner eine breite Plattform, sich zu seinem umstrittenen Memo zur Gender- und Minderheitenpolitik innerhalb des Unternehmens Google zu äußern. Andererseits will Damore den Vorwurf entkräften, er sei ein Rechter, Antifeminist oder Rassist. Im Gegenteil versucht er in seinen Erklärungen Distanz zu diesen Lagern und begründet seine Überlegungen ausschließlich mit wissenschaftlicher Evidenz.

Seine Interviews mit diesen Stars der Alt-Right-Bewegung bringen Damore unterdessen eher Spott als Verständnis ein bei denen, die seine Äußerungen kritisch sehen. Damore kritisiert, 95 Prozent der Wissenschaft und Medien seien "links" und unwillens, ihre Standpunkte zu hinterfragen. Sie lebten genauso in einer ideologischen Echokammer wie die von ihnen verlachten Rechten, welche sie als grundsätzlich dumm und anti-wissenschaftlich brandmarkten.

Wütend über ein internes Seminar

In seinem Memo hatte der Harvard-Absolvent zum Thema Männer und Frauen geschrieben, unterschiedliche Talente und Interessen seien zum Teil biologisch begründet und dies sei ein Grund für die Unterrepräsentation von Frauen in der Technologiebranche und in Führungspositionen. Damore versucht in seinem zehnseitigen Memo immer wieder, seine eigenen Aussagen zu relativieren. So schreibt er nach der Auflistung der biologischen Unterschiede von Männern und Frauen, dass er natürlich nicht meine, alle Männer unterschieden sich von allen Frauen in dieser Weise. Mehrfach betont er, wie sehr er für Vielfalt und die Beseitigung von Ungerechtigkeiten sei.

In den beiden Interviews mit Molyneux und Peterson erklärt er, dass ein Google-internes Seminar ihn aufgebracht habe. Dort wären unter Geheimhaltungsgebot Praktiken vorgestellt worden, wie mehr Frauen und Minderheiten ins Unternehmen geholt werden sollten. Er bezeichnet die Methoden als positiven Rassismus, denn die genannten Gruppen hätten bei Einstellungen bevorzugt werden sollen. Er argumentiert in seinem Memo, so etwas schade letztendlich dem Unternehmen, weil im Zweifel nicht die besten Köpfe eingestellt würden. Damore beklagt einen hohen Druck im Unternehmen, dass Mitarbeiter für Vielfalt zu sein hätten.

Der nun arbeitslose Google-Mann schlägt in seinem Memo andere Wege vor, mit denen Vielfalt erreicht werden soll. Als "nicht-diskriminierende" Maßnahmen der Frauenförderung schlägt er mehr Teilzeitstellen und ein stressreduziertes Arbeitsklima vor, da Frauen Angst vor Stress hätten. Ihrer höheren Fixiertheit auf Personen (statt, wie bei Männern, auf Dinge) solle durch mehr Teamarbeit Rechnung getragen werden, ihrer Kooperationsbereitschaft durch weniger Konkurrenz. Gleichzeitig meint Damore, dass kompetitives Verhalten nicht benachteiligt werden dürfe - damit meint er wohl vor allem die Männer, die dies seinen Aussagen zufolge von Natur aus mitbringen.

Skandalisierung der Kritiker mit mächtigem Rückenwind

Diverse konservative Kanäle haben das Schriftstück von Damore inzwischen als harmlos bezeichnet und werfen Kritikern vor, selbst intolerant zu sein. Innerhalb der Google-Belegschaft ist die Haltung zu Damore etwa 60 Prozent Kritiker zu 40 Prozent Unterstützer beziehungsweise Kritiker des Rauswurfs. Der Youtuber Gavin McInnes mit seinem Kanal "Rebel Media" nennt Damore gar einen Märtyrer, der für seine Überzeugung nun abgestraft worden sei. Das Kalkül hinter Damores Medienwahl könnte also ein ganz einfaches sein: viel Aufmerksamkeit und Unterstützung durch die in den USA mittlerweile mächtige Gegenbewegung gegen einen vermeintlichen linken Mainstream, wodurch er seine Thesen weiter gesellschaftsfähig machen und diejenigen, die ihn ablehnen und gefeuert haben, als Idioten dastehen lassen kann.

Den Konzern Google hat der entlassene Mitarbeiter in eine unangenehme Situation gebracht. Schließlich bewahrheitet sich mit der Kündigung, dass vom Mainstream abweichende Meinungen nicht nur unerwünscht sind, sondern auch bestraft werden. Auch die angeblichen geheimen Seminare, in denen auch bestimmte Redewendungen als politisch inkorrekt verdammt worden sein sollen, werfen eine Problematik auf.

James Damore hingegen hat es nicht geschafft, seine Kritik so zu formulieren, dass sie von einer breiteren Öffentlichkeit ernst genommen wird. Mit biologischen Unterschieden zu argumentieren, während ein großer Teil der Unterrepräsentation von Frauen und Minderheiten eben doch noch komplexere Ursachen hat, ist einfach zu simpel. Ähnlich simpel ist es, die eigenen Kritiker abzukanzeln, indem man ihnen linke Scheuklappen andichtet. Seine Glaubwürdigkeit unterstreicht nicht gerade, dass nun mehrere US-Medien, so zum Beispiel das New York Magazine, berichten, Damore hätte schon als Student in Harvard mit einem frauenfeindlichen Sketch für einen Eklat in seiner Fakultät gesorgt. Damals entschuldigten sich noch die Professoren für ihn bei den Mitstudenten.

Quelle: n-tv.de

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