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Der Lesben- und Schwulenverband in Berlin-Brandenburg sucht Mentorinnen und Mentoren für homosexuelle und transgeschlechtliche Flüchtlinge.
Der Lesben- und Schwulenverband in Berlin-Brandenburg sucht Mentorinnen und Mentoren für homosexuelle und transgeschlechtliche Flüchtlinge.(Foto: twitter.com/lsvd)

Unterkunft für Homosexuelle: Berlin eröffnet buntes Flüchtlingsheim

Viele Flüchtlinge werden in ihren Herkunftsländern wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt. Doch oft geht ihr Martyrium in Deutschland in Sammelunterkünften mit eigenen Landsleuten weiter. In Berlin versucht jetzt ein buntes Haus dem entgegenzuwirken.

Berlins buntestes Haus versteckt sich hinter einer weißgrauen Fassade, doch das Bunte daran ist im Inneren zu finden. "Dies ist ein besonderer Tag für die Regenbogenstadt Berlin", sagt Senatorin Dilek Kolat bei der Eröffnung der bundesweit ersten größeren Gemeinschaftsunterkunft für schwule, lesbische, bi-, trans- und intersexuelle Flüchtlinge. Die SPD-Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen ist sichtlich stolz auf die Einrichtung für Menschen, die auch unter dem Adjektiv "queer" zusammengefasst werden.

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Am Dienstag, drei Tage nach der offiziellen Eröffnung, sollen 15 von insgesamt 124 Flüchtlingen in den Neubau im Südosten Berlins einziehen. Während Kolat, Medienvertreter und Anwohner den Bau besichtigen, richten Freiwillige noch die Zimmer ein. Eilig bauen sie Stockbetten zusammen, tragen Möbel ins Haus. Viele Freiwillige unterstützen die Schwulenberatung Berlin, die das Haus betreibt.

Noch ist die Einrichtung karg, doch verglichen mit den zahlreichen Massenunterkünften, in denen derzeit die meisten Flüchtlinge in Berlin ausharren, erwarten die Bewohner geradezu traumhafte Zustände. Denn was sie vor allem suchen, ist Akzeptanz und Sicherheit. Mehr als hundert gewalttätige Übergriffe gegen homosexuelle und transgeschlechtliche Flüchtlinge in den Unterkünften zählte allein der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg seit August.

Sexuelle Vielfalt im Deutschunterricht

Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein. "Die Flüchtlinge, die aus anderen Ländern hierherkommen, bringen auch ihre homophobe Einstellung mit", sagt Kolat. Sie berichtet über verschiedene Maßnahmen des Senats, um die Neuankömmlinge auf die deutsche Toleranzkultur einzustimmen. So soll die sexuelle Vielfalt künftig schon möglichst früh im Deutschunterricht thematisiert werden.

Die Unterkunftsbetreiber zählen auf das Verständnis der Anwohner in dem migrantisch geprägten Kiez an der Grenze zum Bezirk Neukölln. Arabisch aussehende Homo- und Transsexuelle sind auch in der Hauptstadt bedroht. Wenn sie sich in Berlin offen bewegen, werden sie zuweilen Opfer homophober Attacken arabischer Männer, die in Deutschland groß geworden sind.

Anlässlich der Eröffnung hängen Zettel an den Wänden, die Schicksale der Flüchtlinge erzählen: Ein Serbe, den Nachbarn verprügelten, nur weil er eine pinkfarbene Hose trug. Ein schwuler Afrikaner, der von seiner Familie verstoßen wurde. Ein schwuler Osteuropäer, der vor den Todesdrohungen seines Vaters nach Berlin floh, wo er in einer Unterkunft beinahe zu Tode gewürgt wurde.

Probleme mit homophoben Übersetzern

"Die Heimleitungen sind damit überfordert, die wenigen Homosexuellen unter hunderten Bewohnern angemessen zu betreuen", sagt Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin. Seit 35 Jahren kümmert sich sein Verein um die Sorgen und Nöte nicht nur homosexueller Männer. Auch in der Flüchtlingsarbeit ist der Verein schon länger aktiv.

De Groot kennt die besonderen Probleme seiner Klientel: Viele Homo- und Transsexuelle trauen sich nicht, sich vor den deutschen Behörden zu outen. Andere werden von den eingesetzten Sprachmittlern nicht korrekt übersetzt, weil die Übersetzer selbst homophob sind. Viele "queere" Flüchtlinge sind in ihrer Heimat, auf der Flucht und auch in Deutschland Opfer sexuellen Missbrauchs geworden.

In dem neuen Heim können de Groot und seine Helfer auf all diese Bedürfnisse eingehen. Sie wissen, dass die Bewohner mit unifomierten Menschen oft schlechte Erfahrungen gemacht haben. Der Wachschutz bleibt deshalb in zivil. Es gibt auch einen höheren Betreuungsschlüssel sowie speziell geschulte Mitarbeiter.

Das Land Berlin hatte im August die besondere Schutzbedürftigkeit "queerer" Flüchtlinge gesetzlich verankert hat. Kolat und de Groot verhandeln über ein zweite Unterkunft, doch der Bedarf ist schwer abzuschätzen. De Groot sagt: "Es kommt darauf an, wie viele den Mut finden, sich zu outen."

Quelle: n-tv.de

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