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Viele haben ein veraltetes Friedhofsbild verinnerlicht.
Viele haben ein veraltetes Friedhofsbild verinnerlicht.(Foto: dpa)

Ein Gang über den Friedhof: "Der Gedanke an den Tod bleibt unbehaglich"

Thorsten Benkel und Matthias Meitzler haben Hunderte Friedhöfe besucht. Als Soziologen erforschen sie den Umgang einer Gesellschaft mit ihren Toten und finden sich an einer heiklen Schnittstelle zur sich rasant wandelnden Welt der Lebenden wieder. Ein Gespräch über den "Totenacker" von heute.

n-tv.de: Im November gibt es mehrere Tage, die an die Toten erinnern. Wie viel Raum haben Trauer und Tod inzwischen in unserem Leben?

Thorsten Benkel: Der Tod ist jedes Jahr für Millionen Menschen ein konkretes Problem, weil sie jemanden verlieren. Jede Minute stirbt in Deutschland ein Mensch. Wer in diesem oder im letzten Jahr jemanden verloren hat, für den ist die Trauer natürlich noch immer präsent. Aber für die große Masse ist es so, dass sie keinen konkreten Anlass hat, sich persönlich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Im November gibt es dann aber die institutionalisierten Tage - Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag - die gezielt dazu da sind, eine Erinnerungshaltung einzunehmen. Und natürlich tun die jahreszeittypische Melancholie, der Nebel und die düstere Stimmung ihr Übriges.

Wie leben die Menschen ihre Trauer- und Verlustgefühle heute aus?

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Matthias Meitzler: Wir beobachten eine Tendenz zur Privatisierung des Todes. Früher waren Konventionen wie das Trauerjahr noch stärker verbreitet und weitaus verbindlicher als heute. Da hat man seine Trauer in der Öffentlichkeit gezeigt, es war eine größere Gemeinschaft involviert. Das hat sich verändert. Während es früher noch häufiger vorkam, dass sich Familie und Nachbarschaft um den zu Hause aufgebahrten Verstorbenen versammelten, hat sich der leibhaftige Umgang mit sterbenden oder toten Menschen zunehmend auf die gesellschaftliche Hinterbühne verlagert. Das sieht man zum Beispiel auch daran, dass in der Traueranzeige steht: "Von Beileidsbekundungen bitten wir Abstand zu nehmen" oder: "Die Bestattung hat im engsten Kreis stattgefunden." Unsere Forschung hat ergeben, dass Menschen heute zunehmend eigene, persönliche Wege suchen und finden, um mit dem Tod und ihrer Trauer umzugehen.

Welche Rolle spielen darin Friedhöfe?

Benkel: Es gibt diejenigen, die jeden Tag den Friedhof besuchen, und es gibt auch das andere Extrem, Menschen, die gar nicht mehr auf den Friedhof gehen. Die sagen, diesen Ort brauche ich nicht, um zu trauern oder mich zu erinnern. Denn Gedenken ist letztlich "ortlos" möglich. Das Extremste, was wir diesbezüglich gesehen haben, war ein Grabstein, um den die Familie des Toten ein Laken gespannt hatte. Darauf stand mit schwarzem Edding: "Wir brauchen diesen Ort nicht mehr." Trauern macht sich bei vielen zunehmend an Fotos oder Artefakten fest, am Rasierer des Vaters zum Beispiel. Im Zentrum steht dann eher das "Trauerobjekt", weniger das Grab auf dem Friedhof, das vielen zu abstrakt ist und sie nicht mit der geliebten Person verbindet.

Meitzler: Interessant ist, dass so etwas heute möglich und sozial akzeptiert ist. Der Besuch der Grabstätte ist dabei eben nur eine von vielen Wegen der Trauerarbeit. Man könnte also von einer Pluralisierung der Trauer sprechen, die über die gewohnten Traditionen und Konventionen hinausgeht. Das spiegeln auch die Grabsteine auf dem Friedhof wider.

Woran erkennen Sie das?

Benkel: Die deutlichste Tendenz ist die Individualisierung der Gräber. Die Hinterbliebenen orientieren sich nicht mehr so sehr an dem, was alle anderen auch haben. Sie schauen, wie die verstorbene Person gelebt hat, was ihr wichtig war und was sie auszeichnet. Das versuchen sie dann auf dem Grab in kompakter Form darzustellen - mal symbolhaft und mal ganz direkt. Oft sind es das Hobby, Charaktereigenschaften, Beziehungsverhältnisse oder Einstellungen, früher war es eher der Beruf.

Mehr über Grabsteine auf deutschen Friedhöfen kann man in "Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe" nachlesen. Das Buch ist bei Kiwi erschienen und kostet 8,99 Euro.
Mehr über Grabsteine auf deutschen Friedhöfen kann man in "Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe" nachlesen. Das Buch ist bei Kiwi erschienen und kostet 8,99 Euro.

Meitzler: Der Friedhof wird bunter, das Trauern vielfältiger. Vor 15, 20 Jahren waren die Grabsteine noch relativ schlicht, vielleicht mit einem Kreuz und einem Bibelzitat versehen. Es gab eher die Vorausschau ins Jenseits. Heute wird der Blick dagegen verstärkt auf die zurückliegende Lebenswelt geworfen. Da gibt es einige überraschende, faszinierende, skurrile, ergreifende und erheiternde Ausbrüche aus der Tradition - und wir haben sehr interessante Funde gemacht.

Zum Beispiel?

Meitzler: Es gibt inzwischen viele individuelle Sprüche auf den Grabsteinen. Manche davon klingen ironisch: "Dein letztes Match hast du verloren" oder "Nur tiefergelegt" und sind wohl eher mit einem Augenzwinkern zu lesen. Andere bringen den Betrachter ins Grübeln: "Der Tag ist gerettet", "Viele Hunde sind des Hasen Tod" oder "Lasst uns die nächste Revolution in einem August beginnen". Neben tragischen Bekenntnissen ("Ich wollte das Beste für meine Familie, habe es aber nicht erreicht") und Racheschwüren haben wir aber auch viel Erheiterndes gelesen: "Lach doch mal" oder "Ich fühl mich wohl"). Darüber hinaus gibt es viele Songtexte von populären Bands oder auch Zitate, die nicht etwa aus der Bibel, sondern vom Verstorbenen selbst stammen. Wir sehen Figuren aus der Populärkultur, die Maus aus der "Sendung mit der Maus" oder die Spielfigur Super Mario. Nicht selten hat es uns die Sprache verschlagen, wenn wir zum Beispiel auf eingravierte Raumschiffe, Panzer, Computermäuse, Laptops, den Playboy-Bunny auf Grabsteinen trafen oder einen Grabstein, der die Form eines überdimensionalen Handys hatte. Gefallen hat uns unter anderem auch ein am Stein montierter Zapfhahn auf dem Grab eines Gastwirtes.

Das sind ja noch Darstellungen auf dem klassischen Grabstein. Wie sieht es denn aber mit der Digitalisierung des Friedhofs aus?

Das Internet wird zum Ort der Trauer.
Das Internet wird zum Ort der Trauer.(Foto: dpa)

Benkel: QR-Codes und Internetadressen finden wir mittlerweile auf Grabsteinen in ganz Deutschland, selbst auf kleinen, christlich geprägten Friedhöfen. Das hat den Vorteil für die Hinterbliebenen, dass das Trauern flexibler wird, denn der QR-Code lenkt auf eine Internetseite und die kann sehr viel schneller verändert werden, als eine Inschrift auf dem Grab. So kann das Gedenken mitwachsen, man kann die eigenen Erinnerungen justieren, außerdem kann man mit Musik und Bildern arbeiten. Das sind sinnliche Dimensionen, die der Grabstein nicht zulässt.

Meitzler: Der "virtuelle Friedhof" bietet also einen alternativen Raum, in dem Menschen einander begegnen, sich gegenseitig trösten, sich mit einer vergangenen Biografie befassen, Trauer und Gedenken ausdrücken können. Gerade in einer mobilen Gesellschaft, in der es für Angehörige tendenziell schwerer wird, das Grab ihrer Verstorbenen zu besuchen oder zu pflegen, ist die einfache Erreichbarkeit und Handhabung des virtuellen Friedhofs verführerisch. Insgesamt sehen wir solche digitalen Gedenkseiten aber nicht als Ersatz zum "herkömmlichen", sondern vielmehr als Ergänzung.

Auf der anderen Seite geht die Tendenz zum anonymen Grab oder der Beisetzung im Wald. Inwieweit ist das ein Widerspruch?

Benkel: Aus unserer Sicht nicht. Wir sehen die Wahl für eine anonyme Grabstelle als individuelle Entscheidung an. Damit entzieht man sich der Konvention. Über die Motive wissen wir einiges aus Gesprächen mit Hinterbliebenen oder auch mit Menschen, die das für sich selbst planen. Demnach ist die Entscheidung meist keine ideologische, sondern oft ökonomischer Natur. Man möchte ein Grab, das den Hinterbliebenen keine Arbeit mehr macht. Nach deutschem Recht müssen Letztere das Grab schließlich pflegen. Die Menschen, die das suchen, sind oft etwas säkularer eingestellt. Die sagen, wenn ich weg bin, bin ich weg. Und dann möchten sie auch nicht mehr repräsentiert sein.

Meitzler: Weil Grabsteine und Grabschmuck fehlen, kann man bei den Baumbestattungen auf den ersten Blick kaum Individualität erkennen. Aber die Identität kommt möglicherweise dadurch zum Ausdruck, dass der Verstorbene zu Lebzeiten gesagt hat, er findet diese Idee schön, wieder Teil des Naturkreislaufes zu werden. Oder es kommt hierdurch ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein zum Ausdruck. Insofern kann ein Grab Individualität widerspiegeln, ohne dies unmittelbar sichtbar zu machen.

Sie forschen sehr viel unmittelbar auf dem Friedhof, was machen die Leute dort?

Benkel: Überwiegend treffen wir auf Menschen, die das Grab pflegen, Unkraut jäten, Blumen pflanzen, harken, fegen. Von diesem Personenkreis werden wir durchaus angesprochen. Dass jemand in innerer Zwiesprache lange an einer Grabstätte verharrt, sehen wir zwar auch, aber es ist selten geworden. Die Gesellschaft hat sich mit dem Friedhof arrangiert, aber man muss nicht immerzu dort sein. Viele finden die Atmosphäre noch immer morbide, denn der Friedhof ist, in herkömmlicher Betrachtung, nicht unbedingt ein Ort, wo sie gern hingehen.

Meitzler: Inzwischen kann man auf dem Friedhof aber auch Sport machen. Sogenannte Parkfriedhöfe lassen das ausdrücklich zu. Manche Menschen benutzen den Friedhof bereits als grüne Lunge und joggen dort beispielsweise. Das ist eine spannende Tendenz.

Wie verträgt sich das mit unserer bisherigen Auffassung von Pietät?

Benkel: Mit der Pietät ist das so eine Sache. Das Verständnis, welche Rolle Trauer in der Gesellschaft spielen soll, wandelt sich. Wir haben einen Friedhof gesehen, auf dem gibt es einen Trimm-Dich-Pfad. Auf einem anderen wurde ein Spielplatz angelegt. Die Tendenzen in Richtung Parkfriedhof gibt es vor allem in den großen Städten bereits. Dort wird der Friedhof ein Ort, an dem man auch mal ausspannen kann. Das wäre früher nicht denkbar gewesen. Hier wird gezielt versucht, das düstere Image in ein lebensbejahendes umzuwandeln. Noch sind die großen Städte Vorreiter, aber das wird auch anderswo kommen. Denn der Friedhof wird ja früher oder später für die meisten von uns interessant. Es wird also Integrationsarbeit geleistet: Der Friedhof soll nicht aus dem Alltag verbannt sein, denn er ist der Ort, an dem die meisten Menschen irgendwann landen werden.

Sie forschen nun schon eine Weile über die Soziologie des Todes. Schreckt Sie das Gefühl der eigenen Sterblichkeit trotzdem?

Meitzler: Es ist in jedem Fall nicht so, dass durch unsere Arbeit der Tod für uns seinen Schrecken verloren hat. Wir sind von der enormen Vielfalt von Abschied, Trauer und Gedenken, wie sie sich heutzutage auf Friedhöfen äußert, sehr beeindruckt - der Gedanke an den eigenen Tod oder an den eines Angehörigen wird hierdurch allerdings nicht weniger unbehaglich. Natürlich denken wir manchmal auch daran, dass wir eines Tages nicht mehr als neugierige Forscher, und länger als einen Nachmittag auf dem Friedhof sein werden. Der Gedanke lässt sich bei aller wissenschaftlichen Sachlichkeit nicht immer ganz verdrängen.

Benkel: Da sieht man an uns auch einen gesellschaftlichen Prozess. Immer häufiger werden bewusste Vorsorgeentscheidungen getroffen. Heute stehen Menschen an ihrem eigenen Grab, das sie vorbereitet und mitgestaltet haben. Das ist eine Tendenz, die zunimmt. Viele Hinterbliebene wollen es dem Verstorbenen recht machen, wissen aber nicht, was der gewollt hätte. Deshalb wäre es besser beispielsweise darüber zu sprechen, ob jemand verbrannt werden möchte oder nicht. Es scheint so, dass das langsam besser gelingt. Aber noch ist es ein Tabu, den eigenen Tod oder den enger Angehöriger zu thematisieren.

Mit Thorsten Benkel und Matthias Meitzler sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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