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Jenseits von Familiengrab und Urnenreihe: Der Friedhof verändert sich

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Im November ist es dort, wo die Toten liegen, am lebendigsten. Auf dem Friedhof herrscht Hochbetrieb. (Foto: picture alliance / dpa)

Im November ist es dort, wo die Toten liegen, am lebendigsten. Auf dem Friedhof herrscht Hochbetrieb.

Im November ist es dort, wo die Toten liegen, am lebendigsten. Auf dem Friedhof herrscht Hochbetrieb.

Zu Allerheiligen, Allerseelen, dem Volkstrauertag oder dem Totensonntag besuchen die Menschen ihre Toten.

Noch hält man sich an die oft jahrhundertealten Bräuche.

Doch die Bestattungs- und Trauerkultur hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt.

Die christlichen Kirchen haben ihr Monopol auf Beisetzungsfeiern abgegeben.

Kirchliche Rituale sind für viele Angehörige nicht mehr von so großer Bedeutung.

Neue Formen wurden entwickelt, die vor allem eines sein sollen: individuell.

Angehörige suchen den Sarg oder die Urne nicht nur aus, sie stellen sie selbst her oder gestalten sie zumindest gemeinsam.

Auf Trauerfeiern wird längst nicht mehr nur klassische Musik gespielt, stattdessen klingt aus den Einsegnungshallen Whitney Houston, Pink Floyd, Jazz oder Heavy Metal.

An den Gräbern steigen Luftballons auf, manchmal wird getanzt. Die Bestattung wird zum privaten Event für den Freundeskreis.

So ist das Bild der Grabstätten inzwischen zugleich auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung.

Kleine Engel, Fotografien, Stofftiere – vieles, was früher auf dem Friedhof verpönt oder gar verboten gewesen wäre, zählt heute zum Grabschmuck.

Grabsteine sind inzwischen häufig mit Utensilien gestaltet, die die Verstorbenen im Beruf oder Hobby ausmachten, etwa ein Instrument oder eine Staffelei mit Pinsel.

Das gebrannte Porträt des Toten, früher nur bei Migranten üblich und erlaubt, findet sich immer häufiger auf den Grabsteinen.

Lange Zeit bestimmten abgegrenzte Einzel- und Familiengrabstellen das Ordnungsmuster der Friedhöfe.

Noch in den 1990er-Jahren überwogen in Deutschland die Erdbestattungen.

Inzwischen haben Feuerbestattungen gleichgezogen.

Urnenbestattungen, der Trend zum anonymen Gemeinschaftgrab und der allgemeine Bevölkerungsrückgang machen den Friedhofsverwaltungen allerdings erhebliche Probleme.

Die Gräber werden kleiner, die Gebühreneinnahmen sinken. Auf Deutschlands Friedhöfen sind so bereits rund 15.000 Hektar nicht genutzter "Überhangsflächen" entstanden, für die aber Unterhaltskosten anfallen.

Erweiterungen oder neue Friedhöfe werden nicht mehr benötigt.

Neu entstehen allenfalls muslimische Friedhöfe, denn die Zeiten, als die Arbeitsmigranten im Alter oder spätestens im Tod in ihre Herkunftsländer zurückkehrten, gehen zu Ende.

Wer sein Leben in Deutschland verbracht hat und wessen Nachkommen hier leben, möchte auch hier beerdigt werden.

Auf den alten Friedhöfen verschwinden indes die großen Familiengrabstätten.

Stattdessen werden immer mehr Friedhofsflächen in Naturlandschaften und Gemeinschaftsanlagen umgestaltet.

Sie sind die Leitbilder einer neuen Trauer- und Erinnerungskultur.

Immer mehr Menschen fragen nach pflegeleichten Gräbern.

Die Menschen werden mobiler, Kinder leben nicht mehr dort, wo sich die Gräber der Eltern befinden.

So mancher möchte seinen Angehörigen nach dem Tod keinen Pflegeaufwand auflasten. Deshalb entscheiden sich viele für kostengünstigere Grabstätten, deren Pflege und Bepflanzung die Friedhofsgärtner übernehmen.

Die Bindung ans Familiengrab wird insgesamt schwächer.

Viele identifizieren sich stärker mit der sozialen Gruppe oder der gesellschaftlichen Nische, der sie sich zugehörig fühlten.

In dieses Bild passen spezielle Grabanlagen für Fußballfans, die in London für Arsenal- und in Amsterdam für Ajax-Fans entstanden - und auf dem Hauptfriedhof Altona für HSV-Fans.

Immer mehr Friedhöfe bauen auch Kolumbarien (nach dem Lateinischen so viel wie "Taubenschlag"). Bisher ist diese Art der Bestattung, bei der Särge, vor allem aber Urnen übereinander in einer Gedenkwand untergebracht werden, vor allem aus Südeuropa bekannt.

Die Grabstätten werden zunächst für 25 Jahre überlassen, je nach Friedhofsordnung können die einzelnen Nischen offen bleiben oder mit Glas- oder Mamorplatten verschlossen werden. Neben der Urne ist Platz für persönliche Gegenstände oder Fotos.

Ruheforste oder Friedwälder sind das vielleicht deutlichste Zeichen der gewandelten Bestattungskultur.

Noch vor zehn Jahren wurden mehr als 95 Prozent aller Verstorbenen in Deutschland auf einem Friedhof beigesetzt.

Inzwischen wünschen sich viele Menschen eine Bestattung außerhalb klassischer Friedhöfe, die Waldbestattung liegt dabei ganz vorn.

Die Idee kommt aus der Schweiz, wo 1999 im Kanton Thurgau der erste Friedwald eröffnet wurde.

Seit 2001 sind auch in Deutschland zwischen Rügen und Konstanz fast 100 solcher Bestattungswälder in Kooperation mit Friedhöfen und Forstverwaltungen entstanden.

Die Angehörigen suchen einen Baum aus, an dem die Urne des Verstorbenen beigesetzt wird.

Bis zu acht Urnengrabstellen gruppieren sich um jeden Baum. Auch ganze Familien oder Freundesgruppen können sich also unter "ihrem" Baum bestatten lassen.

Es gibt keinen Grabstein, keine spezielle Bepflanzung. Lediglich die Urne muss biologisch abbaubar sein. Für 99 Jahre erwirbt man diese Grabstätten, Zeiträume, die weit über denen eines Friedhofes liegen.

Allerdings entdecken auch viele Betreiber, dass Friedhöfe längst mehr sind als Orte für die letzte Ruhestätte.

In vielen Großstädten sind die alten Friedhöfe mit ihrem parkähnlichen Charakter auch Grünanlagen, die zur Erholung einladen.

Vielerorts sind Friedhöfe Rückzugsgebiete für gefährdete Pflanzen und Tiere. Spaziergänger und Nordic Walker sind kein seltener Anblick mehr, selbst Laufparcours führen durch manche Friedhöfe.

Totengedenken, innere Einkehr und stille Erholung liegen inzwischen nahe beieinander. Und die nächste Entwicklung steht schon vor der Tür.

Es werden bereits Grabsteine angeboten, in die ein QR-Code sandgestrahlt wird.

Über den lässt sich mit einem Smartphone oder Tablet die Lebensgeschichte des Toten aufrufen, samt Fotos und Videos mit Ton.

Oder man entscheidet sich gleich für die digitale Grabstelle.

Auf einem LCD-Bildschirm im Grabstein können sich Angehörige und Freunde eine Bilderschau oder andere digitale Dateien des Toten ansehen.

Vieles ist in der Trauer- und Beisetzungskultur im Umbruch. Und die Entwicklung ist längst noch nicht abgeschlossen.

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