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Polizisten durchsuchen auch die Wohnung des Tatverdächtigen Sergej W.
Polizisten durchsuchen auch die Wohnung des Tatverdächtigen Sergej W.(Foto: dpa)

Habgier als Motiv von Sergej W.?: Die Fakten zum Anschlag auf den BVB

Der mutmaßliche Attentäter will mit dem Anschlag auf Dortmunds Fußballer Geld verdienen. Er nimmt einen Kredit auf und setzt auf fallende Kurse der BVB-Aktie. Nach der Festnahme des 28-jährigen Sergej W. geben die Ermittler neue Erkenntnisse bekannt.

Um 5.16 Uhr steigt Sergej W. an diesem Freitagmorgen in Rottenburg am Neckar in sein Auto. Er ist auf dem Weg zum Dienst. Der 28-Jährige arbeitet als Elektriker in einem Heizkraftwerk in Tübingen. Drei Fahrzeuge des Bundeskriminalamtes verfolgen ihn. Zu diesem Zeitpunkt sind sich die Ermittler sicher: Sergej W. hat den Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund am 11. April verübt. Noch bevor der Deutsch-Russe an seinem Arbeitsplatz ankommt, greifen die Beamten zu und nehmen den Mann fest. Ihm wird 20-facher Mordversuch aus reiner Habgier vorgeworfen. Noch am Nachmittag soll er einem Richter vorgeführt werden. Was über dann Fall bekannt ist:

Welchen Plan verfolgte Sergej W. mit seinem Bombenangriff?

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Der Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund ist Ermittlern zufolge wohl aus reiner Geldgier verübt worden. Der mutmaßliche Attentäter habe mit dem Anschlag den Kurs der BVB-Aktien beeinflussen und von einem Kurssturz profitieren wollen. Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft erklärte: "Auf die Spur des Beschuldigten sind wir durch auffällige Optionsgeschäfte gekommen." Der Festgenommene habe sich sogenannte Verkaufsoptionen in Bezug auf die BVB-Aktie - insgesamt 15.000 Stück – gesichert. Den Großteil habe er am Tag des Anschlags erworben. Die Optionsscheine habe er über einen Computer innerhalb des Mannschaftshotels geordert - dort hatte sich der Verdächtige einquartiert.

Bei einem massiven Verfall der Aktie hätte der Gewinn ein Vielfaches des Einsatzes betragen. Mit einem erheblichen Kursminus des BVB-Wertpapiers wäre zu rechnen gewesen, wenn infolge des Anschlags Spieler schwer verletzt oder gar getötet worden wären, hieß es weiter. Darauf habe der Verdächtige offenbar gesetzt. "Wie hoch sein maximaler Gewinn gewesen wäre, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau sagen", sagte die Sprecherin. Nach Angaben von NRW-Innenminister Ralf Jäger nahm der Verdächtige rund 79.000 Euro auf, um die Optionsscheine zu finanzieren.

Seit wann ist Sergej W. im Visier der Ermittler?

Wie der "Spiegel" berichtet, soll der Verdächtige seit dem 13. April, also zwei Tage nach dem Anschlag, pausenlos von den Ermittlern observiert worden sein. Auf die Fährte hätte die Kriminalbeamten demnach ein Hinweis aus dem Finanzsektor sowie die Geldwäsche-Verdachtsanzeige der Comdirect-Bank gebracht.

Handelte Sergej W. alleine oder hatte er Komplizen?

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Die Bundesanwaltschaft geht von einem Einzeltäter aus. Bislang lägen den Ermittlern keine Hinweise vor, dass der Verdächtige Gehilfen oder Komplizen gehabt habe, sagte deren Sprecherin: "Nach unseren bisherigen Erkenntnissen haben wir keine Anhaltspunkte dafür." Der Verdächtige solle nun einem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden. Dieser werde über einen Haftbefehl entscheiden. Sergej W. werden 20-facher versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt. Der Verdächtige hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Die am Vormittag verbreitete Information, dass die Polizei nach zwei Komplizen von Sergej W. suche, war offenbar falsch.

Wie genau lief der Anschlag auf den Bus ab?

11. April 2017, gegen 19.16 Uhr: Kurz nach Abfahrt des BVB-Teambusses zum Champions-League-Hinspiel gegen den AS Monaco im heimischen Stadion explodierten drei Sprengsätze. Sie waren in einer Hecke in unmittelbarer Nähe des Hotels deponiert worden, in dem sich die Mannschaft getroffen hatte. Auch der Verdächtige war zu dieser Zeit im Hotel. Er hatte zuvor laut Bundesanwaltschaft bereits Mitte März ein Zimmer für den Zeitraum vom 9. bis 13. April sowie für den Zeitraum vom 16. bis 20. April im Dortmunder Teamhotel L'Arrivée gebucht. Zum Zeitpunkt der Buchung habe noch nicht festgestanden, an welchem Termin die Dortmunder gegen Monaco Heimrecht haben. Er habe lautet Bundesanwaltschaft am 9. April "ein Zimmer im Dachgeschoss des Hotels mit Blick auf den späteren Anschlagsort bezogen".

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Zwei der Sprengsätze befanden sich in Bodennähe, ein Dritter war in einer Höhe von etwa einem Meter platziert - zum Glück für die Mannschaft des BVB. "Damit war er zu hoch angebracht, um seine Wirkung voll entfalten zu können", hieß es aus Ermittlerkreisen. Die Zündung erfolgte nach derzeitigem Erkenntnisstand für jeden Sprengsatz separat über eine funkausgelöste elektrische Schaltung. "Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet", hieß es von der Bundesanwaltschaft. Sie waren demnach mit Metallstiften bestückt, die etwa 70 mm lang waren, einen Durchmesser von sechs mm und ein Gewicht von etwa 15 Gramm hatten. In der Kopfstütze des zweiten Sitzes in der hinteren Reihe des Busses wurde einer der in den Sprengsätzen verbauten Metallstifte gefunden, sogar in einer Entfernung von 250 Meter wurde noch ein Metallstift entdeckt. Über die Art des Sprengstoffs machte die Bundesanwaltschaft noch keine Angaben. "Da der verbaute Sprengstoff komplett umgesetzt wurde, gestalten sich die Untersuchungen aufwändiger", sagte Köhler. Bei dem Attentat war Verteidiger Marc Bartra am Handgelenk und Arm verletzt worden; der Spanier musste operiert werden. Ein Polizist, der den Bus auf dem Motorrad begleitete, erlitt ein Knalltrauma und einen Schock.

Der 28-Jährige Täter soll mehreren Medienberichten zufolge über "überdurchschnittliche Kenntnisse im Bereich Elektrotechnik" verfügen, deshalb habe er die Fernzünder konstruieren können. 2015 soll er einen Berufsschul-Preis im Bereich Elektronik und Betriebstechnik gewonnen haben. Seine Kenntnisse über den Umgang mit Sprengstoff könnte sich Sergej W. bei der Bundeswehr erworben haben. Nach "Spiegel"-Informationen war er von April bis Dezember 2008 Wehrdienstleistender im Lazarettregiment Dornstadt. Dort wurde er in einer Unterstützungseinheit für Sanitäter eingesetzt, die sich um Instandsetzung und Elektrotechnik kümmerte.

Was hat es mit den Bekennerschreiben auf sich?

Am Tatort waren bei den ersten Ermittlungen nach der Tat drei Bekennerschreiben gefunden worden, die auf radikalislamische Motive verwiesen. Daran bestünden aber "erhebliche Zweifel", hatte es bereits am Tag nach dem Anschlag geheißen. Kurz nach der Tat war allerdings ein 26-jähriger Iraker festgenommen worden. Ihm wirft der Generalbundesanwalt die Mitgliedschaft in der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) vor. Mit dem Anschlag hat er der Behörde zufolge aber nichts zu tun. Die Polizei geht indes davon aus, dass die drei Schreiben von Sergej W. stammen. Das berichtet die "Bild" unter Berufung auf Ermittlerkreise. Ein gefundenes Bekennerschreiben aus der antifaschistischen Szene wurde schnell als Fälschung enttarnt. Ob es auch vom Verdächtigen stammt, ist unklar.

Welche Reaktionen gibt es auf die Festnahme?

"Dass man offensichtlich versucht hat, durch den Anschlag Kurs-Gewinne zu realisieren - das ist natürlich Wahnsinn", sagte Dortmunds Klub-Chef Hans-Joachim Watzke der "Bild": "Wir werden jetzt im Rahmen unserer Möglichkeiten die Sicherheitsvorkehrungen noch mal dramatisch nach oben schrauben." Die Mannschaft habe indes mit großer Erleichterung auf die Nachricht reagiert, erklärte BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere sagte, wenn sich jemand dadurch bereichern wolle, dass er die Börsenkurse beeinflusse, indem er Menschen umbringe, sei dies eine "besonders widerwärtige Form der Habgier" und erfülle voll den Mordparagrafen.

Quelle: n-tv.de

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