Panorama
Das Bild zeigt einen Auszug aus dem Genom des EHEC-Erregers O104.
Das Bild zeigt einen Auszug aus dem Genom des EHEC-Erregers O104.(Foto: dpa)

Niedersachsen: "Indizienlage ist eindeutig": EHEC-Spur führt nach Uelzen

Niedersächsische Behörden haben eine "heiße Spur" bei der Suche nach dem Ursprung des EHEC-Keims gefunden. Demnach könnten Sprossen aus einem Betrieb im Kreis Uelzen die Ursache für die Epidemie sein. "Zu allen Hauptausbruchsstellen lässt sich die Verbindung herstellen", heißt es. Vom Verzehr von Sprossen wird abgeraten. Laut RKI gibt es bisher 21 EHEC-Todesfälle, viele Patienten schwebten in Lebensgefahr.

Sprossen aus Niedersachsen könnten eine Ursache für den Ausbruch der schweren EHEC-Epidemie mit 18 Toten in Deutschland sein. Das teilte das Landwirtschaftsministerium in Hannover mit. Ein definitiver Labornachweis dafür fehlt aber bisher. "Die Indizienlage ist jedoch so eindeutig, dass das Ministerium empfiehlt, derzeit auf den Verzehr von Sprossen zu verzichten", hieß es in einer Mitteilung des Ministeriums. "Zu allen Hauptausbruchsstellen lässt sich die Verbindung herstellen." Definitive Aussagen könnten bis Montagmittag möglich sein, sagte Landwirtschaftsminister Gert Lindemann.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Lindemann informiert über die Ergebnisse.
Niedersachsens Landwirtschaftsminister Lindemann informiert über die Ergebnisse.(Foto: dapd)

"Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die mit dem EHEC-Erreger kontaminierte Ware bereits vollständig verarbeitet und verkauft wurde", hieß es aus dem Ministerium. Der Betrieb wurde nach Ministeriumsangaben inzwischen gesperrt, die Ware wurde zurückgerufen. Der Geschäftsführer sei kooperativ und habe keinen Anwalt eingeschaltet, hieß es.

"Keine tierischen Dünger verwendet"

Geschäftsführer Klaus Verbeck kann sich allerdings keinen Reim auf die Vorgänge machen. Er sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", dass die Salatsprossen überhaupt nicht gedüngt würden. Auch in anderen Geschäftsbereichen des Hofes werde kein tierischer Dünger verwendet. Lindemann sagte, eine Mitarbeiterin aus dem betroffenen Betrieb sei nachweislich an EHEC erkrankt. Eine weitere leide an einer Durchfallerkrankung. "Das ist für uns die plausibelste Erkrankungsursache", sagte der Minister. Die Erkenntnisse wurden von Experten in Hannover als "ziemlich heiße Spur" bewertet.

Schild des Betriebes, aus dem die mutmaßlich verseuchten Sprossen kommen sollen.
Schild des Betriebes, aus dem die mutmaßlich verseuchten Sprossen kommen sollen.(Foto: dpa)

Von dem Hof in Bienenbüttel im Kreis Uelzen stehen 18 Sprossenmischungen unter Verdacht. Unter anderem handelt es sich um Bohnenkeimlinge, Brokkolisprossen, Erbsen- und Kichererbsensprossen, Knoblauchsprossen, Linsensprossen, Mungobohnenkeimlinge, Radieschen- und Rettichsprossen. "Die Sprossen wurden direkt oder über Zwischenhändler an Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen geliefert", sagte Minister Lindemann.

Die Temperatur von 38 Grad bei der Zucht begünstige die Vermehrung von Bakterien, sagte Lindemann. Der EHEC-Erreger könne aber auch über das versprühte warme Wasser auf die Sprossen gelangt sein. Einige Sprossenmischungen, die als EHEC-Quelle infrage kommen, stammen auch aus dem Ausland. Aus welchem Land genau Sprossenkeimlinge nach Niedersachsen importiert wurden, sagte Lindemann nicht. Sprossen waren vor Jahren in Asien Ursache für eine schwere EHEC-Epidemie. Lindemann nahm den Betrieb allerdings auch in Schutz: "Wir können nicht erkennen, dass der Betriebsinhaber ein Verschulden an der Entwicklung trägt."

"Bei der Krankenversorgung eine angespannte Lage"

Wegen der Versorgung der vielen EHEC-Patienten stoßen unterdessen einige Krankenhäuser nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr an ihre Grenzen. "Wir haben bei der Krankenversorgung eine angespannte Lage", sagte der Minister der "Bild am Sonntag". Bei der Suche nach der Quelle der EHEC-Infektionen gehen die Experten derzeit Hinweisen in mehreren Bundesländern nach, eine Spur führte zu einem Restaurant in Lübeck.

Gesundheitsminister Bahr besucht ein Hamburger Klinikum - mit entsprechender Schutzkleidung.
Gesundheitsminister Bahr besucht ein Hamburger Klinikum - mit entsprechender Schutzkleidung.(Foto: dapd)

In manchen Krankenhäusern seien Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung entstanden, die Situation könne aber bewältigt werden, indem fehlende Kapazitäten - etwa in Hamburg und Bremen - durch freie Plätze in umliegenden Krankenhäusern ausgeglichen würden, sagte Bahr. Der Gesundheitsminister verschaffte sich im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf einen Eindruck von der Versorgung der EHEC-Patienten. Dabei wies Bahr Kritik am Krisenmanagement der Länder und Behörden zurück. Er sagte, er könne nicht erkennen, dass die Länder und ihre zuständigen Behörden "nicht das Nötigste getan hätten". Er habe erlebt, wie die Mitarbeiter in den Behörden mit Hochdruck gearbeitet und frühzeitig und transparent die Bevölkerung informiert hätten.

Restaurant-Besitzer äußert sich

Der Besitzer der Lübecker Gaststätte "Kartoffelkeller", Joachim Berger, sagte im ZDF, am 13. Mai seien eine Gewerkschafts-Gruppe, eine dänische Reisegruppe und eine Familie zu Gast gewesen. Serviert worden seien Steaks und Salat. In allen Gruppen gab es dem Bericht zufolge anschließend EHEC-Erkrankungen, eine 47-jährige Frau starb, zwei weitere erkrankten schwer. Der Mikrobiologe Werner Solbach sagte, das Restaurant treffe keine Schuld. "Allerdings kann die Lieferantenkette möglicherweise den entscheidenden Hinweis geben, wie der Erreger in Umlauf gekommen ist."

Das Lübecker Restaurant "Kartoffelkeller" trifft nach Experten-Aussagen keine Schuld.
Das Lübecker Restaurant "Kartoffelkeller" trifft nach Experten-Aussagen keine Schuld.(Foto: dpa)

Berger sagte, er schließe nicht aus, dass eine Charge seines Lieferanten mit EHEC-Keimen belastet gewesen sein könnte. Er bezieht die Waren für den "Kartoffelkeller" und zwei weitere Lübecker Lokale den Angaben zufolge von einem Zwischenhändler aus Mölln, der von einem Großhändler aus Hamburg beliefert wird. Bei einer Untersuchung in seinem Lokal hätten die Behörden nichts gefunden. "Unsere Leute essen ja dasselbe. Und keiner von unseren Mitarbeitern ist krank." Sie äßen auch Salate und litten nicht unter Durchfall. Von allen seinen Mitarbeitern wurden Stuhlproben genommen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) wies einen Bericht des "Focus" zurück, wonach der Hamburger Hafengeburtstag Anfang Mai als möglicher Ursprung der EHEC-Infektionen in Frage kommen könnte. Dies decke sich nicht mit den Erkenntnissen des RKI, hieß es.

Mehr als 100 Fälle außerhalb Deutschlands

Die Zahl der HUS-Todesfälle ist auf 21 gestiegen. Das berichtete der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Prof. Reinhard Burger, bei einem Besuch im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Demnach sind bundesweit 1526 EHEC-Fälle bekannt, bei 627 Patienten wurde das gefährliche hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) diagnostiziert. Zahlreiche Patienten schwebten in Lebensgefahr. Die Zahl der EHEC-Infektionen stieg zwar weiter - allerdings etwas langsamer als zuvor, wie etwa die Behörden der schwer betroffenen Länder Hamburg und Niedersachsen mitteilten.

Diese elektronenmikroskopische Aufnahme des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zeigt EHEC-Bakterien.
Diese elektronenmikroskopische Aufnahme des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zeigt EHEC-Bakterien.(Foto: dpa)

Außerhalb Deutschlands gibt es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits über 100 EHEC- und HUS-Fälle. Bis auf einen Patienten seien alle gemeldeten während der Inkubationszeit in Deutschland gewesen, berichtete das WHO-Europabüro in Kopenhagen. Mit Stand Samstagabend seien 31 HUS-Fälle und weitere 71 EHEC-Infektionen aus elf europäischen Ländern außer Deutschland gemeldet worden. Eine Frau in Schweden starb. Zusätzlich habe die Seuchenkontrollbehörde der USA über zwei HUS-Fälle in Amerika berichtet.

Bericht über Ursprung in Biogasanlagen

EU-Gesundheitskommissar John Dalli erklärte sich bereit, ein Expertenteam nach Deutschland zu entsenden, das bei der Suche nach dem Ursprung für den EHEC-Erreger helfen könne. Es könnte die deutschen Behörden bei den aktuellen epidemiologischen Ermittlungen unterstützten und sich an den Analysen beteiligen, "um die Identifizierung des Ursprungs zu beschleunigen", erklärte der Kommissar.

Das Thema EHEC wurde auch auf die Tagesordnung eines Treffens der EU-Gesundheitsminister am Montag in Luxemburg gesetzt. Am Mittwoch findet in Berlin zudem erneut ein Koordinierungstreffen von Bahr sowie Verbraucherschutz- und Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner mit den Gesundheits- und Verbraucherschutzministern der betroffenen Bundesländer statt.

In Biogasanlagen werden meist tierische Exkremente vergärt, um dadurch Biogas zu erzeugen.
In Biogasanlagen werden meist tierische Exkremente vergärt, um dadurch Biogas zu erzeugen.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Sprecher Aigners bezeichnete einen Bericht der "Welt am Sonntag" über Vermutungen von Veterinär- und Labormedizinern, wonach die EHEC-Erreger ihren Ursprung im Gärsubstrat von Biogasanlagen haben könnten, als "pure Spekulation". Die Fachbehörden hätten dafür keinerlei Anhaltspunkte. In den Gärbehältern der Biogasanlagen entstünden Bakterien, die es zuvor noch nie gegeben habe, hatte Bernd Schottdorf, Gründer des Medizinlabors Schottdorf MVZ in Augsburg, gesagt. Die Bakterien kreuzen sich ihm zufolge in den Anlagen und verschmelzen miteinander. "Was da genau passiert, ist weitgehend unerforscht." Diese Mischung aus Krankheitserregern werde als Düngemittel auf Felder gebracht.

Kritik an föderalen Strukturen

In Tschechien wird derweil Kritik am deutschen Krisenmanagement laut. Von einem "Versagen" der Behörden sprach die Mikrobiologin Blanka Rihova in einer Talkshow des tschechischen Fernsehens. Man hätte längst herausfinden müssen, woher die gefährliche Bakterienmutation stamme, sagte die emeritierte Professorin. Rihova mahnte die Verbraucher zu Wachsamkeit. "Es ist eine unangenehme Nachricht, dass die Deutschen nicht wissen, was die Infektionsquelle ist", sagte Agrarminister Ivan Fuksa. Der konservative Politiker bemängelte die föderale Struktur des Gesundheitsdienstes in Deutschland.

Bei Epidemien wie der aktuellen EHEC-Welle sind die dezentralen Strukturen in Deutschland auch aus Sicht eines führenden Mediziners ungeeignet. Es sei nicht sinnvoll, in einer solchen Situation mit "landesbezogenen Gesundheitsbehörden und Gesundheitsämtern" zu arbeiten, sagte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Reinhard Brunkhorst, der "Ärzte Zeitung". Für Ausnahmefälle wie der gegenwärtigen Epidemie schlug der Nierenarzt eine einheitliche Struktur in Händen des Robert Koch-Institutes (RKI) vor.

Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen