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Zur Lage in Haiti: "Es werden falsche Prioritäten gesetzt"

Die medizinische Hilfe kommt nur langsam bei den Menschen an.
Die medizinische Hilfe kommt nur langsam bei den Menschen an.(Foto: REUTERS)

Nach Angaben der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" wurden bei der Hilfe für Haiti falsche Prioritäten gesetzt. "Aus unserer Sicht ist nicht von Anfang an ausreichend Priorität auf die dringend notwendige medizinische Hilfe gelegt worden", kritisiert Frank Dörner, Geschäftsführer der deutschen Sektion. Im Interview mit n-tv.de erzählt er von den Schwierigkeiten der Ärzte, unter schwierigen Bedingungen Operationen durchzuführen und warum die Hilfe nicht schnell genug bei den Menschen ankommt.

"Falsche Prioritäten": Soldaten bei ihrem Einsatz in Haiti.
"Falsche Prioritäten": Soldaten bei ihrem Einsatz in Haiti.(Foto: AP)

n-tv.de: "Ärzte ohne Grenzen" verfügt über eine große Erfahrung beim Einsatz in Krisengebieten. Nach dem Erdbeben in Haiti gibt es die Vorwürfe, dass die Hilfe nur schleppend anläuft und nicht ankommt bei den Betroffenen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Frank Dörner: Das kann man so nicht sagen, man muss sich einfach das Ausmaß der Katastrophe vor Augen führen. Es hat in den vergangenen Jahren kein ähnlich großes Unglück gegeben, das so massiv die Infrastruktur eines Landes zerstört hat. Es ist allerdings richtig, dass die Koordination schleppend angelaufen ist und dass die logistischen Probleme vorhersehbar hätten sein können. Wobei das im Nachhinein immer leichter gesagt ist. Aus unserer Sicht ist jedenfalls nicht von Anfang an ausreichend Priorität auf die dringend notwendige medizinische Hilfe gelegt worden. Stattdessen wurden viele Dinge bevorzugt, die erst später nötig gewesen wären. Deshalb haben viele Menschen, die akut medizinische Hilfe brauchen, diese nicht bekommen.

"Unter schwierigen Bedingungen improvisieren": Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" in Haiti.
"Unter schwierigen Bedingungen improvisieren": Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" in Haiti.(Foto: dpa)

Was wurde denn zum Beispiel verhindert?

Dreimal musste etwa ein Flug mit wichtigen Materialien zum Aufbau unseres mobilen Krankenhauses wieder umkehren, obwohl er eine Landeerlaubnis in Port-au-Prince hatte. Erst wurde die Größe des Flugzeugs bemängelt und wir mussten in die Dominkanische Republik fliegen, um Teile der Lieferung dort auszuladen. Trotzdem wurde uns aus unbekannten Gründen danach wieder die Landung in Haiti verweigert. Das zeigt, dass dort falsche Prioritäten gesetzt werden, die zum jetzigen Zeitpunkt nicht richtig sein können, weil viele tausend Menschen dringend unsere Hilfe brauchen. Zudem sind viele unserer Materialien nicht angekommen, sodass unsere Ärzte und Schwestern unter schwierigen Bedingungen improvisieren müssen: Es kann kein Zustand sein, dass Amputationen mit normalen Sägen vom lokalen Markt durchgeführt werden müssen, weil die chirurgischen Instrumente fehlen. Und wir haben etwa nicht genug Schmerzmittel für Menschen vor und während einer Operation. Das darf und muss so nicht sein.

Setzen die USA, die den Flughafen von Port-au-Prince kontrollieren, falsche Schwerpunkte?

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Das kann natürliche eine Rolle spielen, es ist aber zu spekulativ, jetzt über die genauen Ursachen dafür zu sprechen. Die Vereinten Nationen und die USA führen bereits Gespräche darüber, wie sich die Koordination der zivilen und militärischen Hilfe für Haiti verbessern lässt.

Wer koordiniert denn die Hilfe?

Mittlerweile spielt das Welternährungsprogramm der UN bei der Koordination eine wichtige Rolle, auch bei den Hilfsflügen. Wir hoffen, dass dadurch ein größeres Augenmerk auf die humanitäre Hilfe gelegt wird. Ansonsten koordinieren wir unsere Arbeit mit den verschiedenen Abteilungen der Vereinten Nationen, die für die Hilfe vor Ort zuständig sind. Es gibt etwa eine UN-Organisation, die sich nur mit Wasser und sanitären Anlagen beschäftigt oder eine andere, die sich um die medizinische Hilfe kümmert. Diese Organisationen achten auch darauf, dass nicht Hilfe doppelt durchgeführt wird und dass sie dort ankommt, wo sie auch gebraucht wird.

Das heißt aber, dass die haitianischen Strukturen vollständig zerstört sind und der Staat selbst keinerlei Hilfe anbieten kann?

Der Staat Haiti spielt derzeit überhaupt keine Rolle. Das zumindest ist unsere Erfahrung und die von anderen Hilfsorganisationen. Bei einem Koordinierungstreffen der deutschen Organisationen im Auswärtigen Amt wurde erst kürzlich bestätigt, dass die Hilfe komplett von den US-Amerikanern organisiert wird und die haitianischen Behörden keinerlei Rolle spielen.

Inwieweit lässt sich das Ausmaß der Katastrophe und die Probleme bei der Hilfe mit anderen schweren Unglücken vergleichen, etwa dem Tsunami in Asien Ende 2004?

Ein Vergleich macht wenig Sinn, weil die Unterschiede zu groß sind, etwa was die Größe der Katastrophe betrifft oder die Anzahl der Toten. Durch den Tsunami wurden innerhalb kürzester Zeit ganze Küstenregionen zerstört, aber die dahinterliegende Infrastruktur der Länder wurde nicht beschädigt. Deshalb war die Hilfe relativ schnell und koordiniert möglich. Dagegen ist Haiti ein Land, das durch das Erdbeben komplett zerstört ist: Die Infrastruktur existiert nicht mehr, es gibt nur einen Flugplatz, nur eine Straße ins Nachbarland Dominikanische Republik. Container mit Hilfsgütern können kaum ins Land gebracht werden. Es existiert nur ein enges Nadelöhr für Materialien und Mitarbeiter, von denen wir ja auch immer wieder neue schicken müssen. Sie können sich vorstellen, dass unsere Mitarbeiter nach der ganzen Arbeit und dem Stress der vergangenen Tage komplett fertig sind. Aus diesen Schwierigkeiten bei der akuten Hilfe müssen wir lernen und für die Zukunft überlegen, wie man so etwas im Vorfeld durch entsprechende Vorbereitungen verhindern kann, indem man etwa entsprechende Notfallpläne entwickelt.

Wie viele Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" sind derzeit in Haiti?

Auflbasbares Krankenhaus: Der Aufbau der mobilen Klinik in Haiti läuft.
Auflbasbares Krankenhaus: Der Aufbau der mobilen Klinik in Haiti läuft.(Foto: Benoit Finck / MSF)

Zum jetzigen Zeitpunkt sind es 240 internationale Mitarbeiter, wir erwarten in den nächsten Tagen noch 30 weitere. Zudem beschäftigen wir etwa 600 haitianische Mitarbeiter. Und der Aufbau unseres mobilen, aufblasbaren Krankenhauses in Port-au-Prince hat nach den geschilderten Verzögerungen endlich begonnen, so dass es nun einsetzbar ist. Das Krankenhaus verfügt über zwei Operationssäle, eine Intensivstation und eine Kapazität von 100 Betten. Aber wir konnten bislang auch in teilweise zerstörten Krankenhäusern Operationssäle wieder in Gang bringen. Insgesamt haben wir bereits über 5000 Patienten behandelt und mehr als 900 Operationen durchgeführt.

So sieht die Klinik dann in fertigem Zustand aus (Foto aus Pakistan 2005).
So sieht die Klinik dann in fertigem Zustand aus (Foto aus Pakistan 2005).(Foto: Remi Vallet / MSF)

Was ist ihre Aufgabe als deutsche Sektion?

Neben den zehn deutschen Kollegen, die derzeit in Haiti sind, koordinieren wir auch einen Teil des Einsatzes unserer internationalen Mitarbeiter. Zwar handelt es sich im Moment noch um eine kurzfristige Intervention, doch werden die Einsätze einige Jahre in Anspruch nehmen. Deshalb müssen wir den Einsatz unserer Mitarbeiter auch langfristig planen und daran arbeiten, dass wir regelmäßig neue Helfer als Ersatz für unsere Mitarbeiter bekommen. Zudem darf man nicht vergessen, dass wir in der Welt noch andere Einsätze als den in Haiti haben, die wir nicht vernachlässigen dürfen. Und wir kümmern uns um die Sammlung von Spenden.

Nach dem Tsunami 2004 hatte "Ärzte ohne Grenzen" das Problem, zu viele zweckgebundene Spenden bekommen zu haben, sodass Sie einige Spender bitten mussten, die Zweckbindung wieder aufzuheben oder im Einzelfall auch Geld zurück überweisen mussten. Besteht für Haiti eine ähnliche Gefahr der Überfinanzierung?

Es kann angesichts der großen Spendenbereitschaft sein, dass wir wieder in eine ähnliche Situation kommen. Wir werden das Geld natürlich für Haiti ausgeben, solange es geht und gebraucht wird. Falls wir aber mehr Geld einnehmen sollten, als dafür in den nächsten zwei Jahren ausgegeben werden kann, hoffen wir auf das Einverständnis der Spender, das Geld auch für andere Krisen in der Welt verwenden zu dürfen. Auf unserer Internetseite gibt es etwa einen deutlichen Hinweis neben dem Spendenaufruf, mit seiner Unterschrift dieses Einverständnis zu geben.

Wie viele Spenden haben sie bislang für Haiti bekommen?

Seit dem Erdbeben sind fünf Millionen Euro an Spenden bei uns eingegangen.

Wir erhalten immer wieder Anfragen von Menschen, die helfen wollen: Ist es möglich, derzeit als Helfer nach Haiti zu fliegen und die Arbeit der Hilfsorganisationen zu unterstützen?

Frank Dörner ist Geschäftsführer von "Ärzte ohne Grenzen" Deutschland.
Frank Dörner ist Geschäftsführer von "Ärzte ohne Grenzen" Deutschland.(Foto: Barbara Sigge/MSF)

Wir warnen Leute davor, privat nach Haiti zu fliegen. Die Ressourcen dort sind so knapp, dass jeder zusätzliche Mensch, der nicht weiß, was er tut, das Problem noch verschärft. Wir haben auch sehr viele Hilfsangebote von Fachkräften, aber in den meisten Fällen greifen wir trotzdem erst einmal auf Leute zurück, die bereits Erfahrung in dem Bereich haben und dafür ausgebildet sind – es sei denn, es handelt sich um ganz besondere Spezialisten. Aber natürlich freuen wir uns, wenn Leute diese Krise zum Anlass nehmen und sich für eine kontinuierliche, spätere Zusammenarbeit zur Verfügung stellen wollen. Zumal wir auch in Haiti noch über Jahre werden bleiben müssen.

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Quelle: n-tv.de

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