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Vor dem Kanzleramt gab es am Wochenende eine Demonstration wegen des Falls Lisa.
Vor dem Kanzleramt gab es am Wochenende eine Demonstration wegen des Falls Lisa.(Foto: picture alliance / dpa)

Angeblich entführte 13-Jährige: Fall Lisa: Das sind die Fakten

Der Fall der 13-jährigen Russlanddeutschen Lisa ist zu einem Streitpunkt in den deutsch-russischen Beziehungen geworden. Russlands Außenminister Sergej Lawrow verdächtigt die deutschen Behörden, das Verschwinden und die Vergewaltigung des Mädchens vertuscht zu haben. Zuvor hatten russische Staatsmedien über den Fall berichtet. Auch Staatsanwaltschaft und Polizei haben sich dazu bereits geäußert. Doch was ist gesichert? Und was bloße Behauptung?

Das Verschwinden Lisas

Am 11. Januar verschwand das Mädchen in Berlin auf dem Weg zur Schule, die Eltern melden sie bei der Polizei als vermisst. Am folgenden Tag ist Lisa wieder da. Sie berichtet, sie sei von drei Unbekannten verschleppt worden. Es habe sich um "Südländer" gehandelt, die nicht richtig Deutsch sprachen. In einer Wohnung hätten sie sie immer wieder geschlagen und vergewaltigt.

Die Ermittlungsergebnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft

Video

Die Polizei nimmt nach diesen Aussagen die Ermittlungen auf und befragt das Mädchen. Dabei sind zunächst ihre Eltern anwesend, später wird die Minderjährige auch alleine vernommen. Lisa rückt dabei von ihrer ursprünglichen Darstellung ab. Demnach sei sie freiwillig mit den Männern mitgegangen. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagt: "Wir gehen von einvernehmlichem sexuellem Kontakt aus."

Dennoch wird weiter wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt. Konkret richten sich die Vorwürfe mittlerweile gegen zwei Männer. Es handelt sich dabei um einen Türken und einen türkischstämmigen Deutschen. Es gebe den Verdacht, dass es bereits vor dem Verschwinden des Mädchens einvernehmliche Sexualkontakte zu den Männern gab, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die 13-Jährige gilt noch als Kind. Daher würden sich Männer mit sexuellen Kontakten strafbar machen - unabhängig davon, ob das Geschehen mit Einwilligung der Minderjährigen erfolgte.

Steltner sagte über die Zeit des Verschwindens: "Was in der fraglichen Zeit passiert ist, konnten wir bislang aber nicht klären."

Die Sicht von Russlands Außenminister Lawrow

Moskaus Chefdiplomat Lawrow zweifelt die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft an. Er hoffe, dass Migrationsprobleme "nicht zum Versuch führen, die Realität aus innenpolitischen Gründen politisch korrekt zu übermalen". Das Mädchen sei "ganz klar nicht freiwillig 30 Stunden verschwunden gewesen", ist er sich sicher. Er hoffe nicht, dass sich solche Fälle wiederholen. "Ich denke, dass hier die Wahrheit und die Gerechtigkeit siegen sollten", sagt er.

Die Berichterstattung in den russischen Medien und die Folgen

Fahrt nahm die Geschichte auf, nachdem russische Staatsmedien sie aufgriffen. In den Berichten wurde es so dargestellt, dass das Mädchen verschleppt und vergewaltigt wurde. Als Täter wurden mehrere männliche Flüchtlinge genannt. Verwandte Lisas hielten an den Vorwürfen fest, die das Mädchen zunächst erhoben hatte. Bei einer NPD-Demonstration sprach eine Cousine von Vertuschung durch die Berliner Polizei. Das Video dazu wurde in Sozialen Medien weit verbreitet.

Viele Beobachter sehen in den Berichten der russischen Staatsmedien und Lawrows Aussagen den Versuch, die Stimmung in Deutschland gegen Flüchtlinge zu beeinflussen. CDU-Russlandexperte Karl-Georg Wellmann sagt etwa: "Der Fall Lisa wird jetzt als weiterer angeblicher Beleg dafür herangezogen, dass man die Flüchtlingskrise nicht mehr im Griff hat."

Tatsächlich ist der Tenor in den russischen Medien gegen die große Zahl der Flüchtlinge gerichtet. Die Botschaft: Europa ist ein unsicherer Ort, der von Fremden überrannt wird. Die Berichte vermitteln den Eindruck, die deutsche Gesellschaft sei am Rande des Zusammenbruchs. Die sexuellen Übergriffe von Köln bestärken die Medienmacher in dieser Sicht. Im TV-Sender Rossija 24 hieß es etwa: "Immer weniger Menschen glauben, dass die Migranten keine Gefahr darstellen." Russische Medien und deren deutsche Ableger werden auch hierzulande von vielen Menschen konsumiert.

Vor dem Berliner Kanzleramt gab es am 24. Januar eine Demonstration wegen des Falls Lisa. Der Internationale Konvent der Russlanddeutschen hatte die Veranstaltung organisiert und angemeldet. Der Berliner Ableger der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung, "Bärgida", hatte zur Teilnahme an der Kundgebung aufgerufen. Ähnliche Kundgebungen gab es auch in anderen Städten. Bei den Demonstrationen wurde stets ein Zusammenhang zwischen Flüchtlingen und sexueller Gewalt hergestellt.

Quelle: n-tv.de

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