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Hatte zu Beginn der Veranstaltung noch gut lachen: Alice Schwarzer
Hatte zu Beginn der Veranstaltung noch gut lachen: Alice Schwarzer(Foto: dpa)

Eine Feministin auf Abwegen: "Halt die Klappe, Alice!"

Von Julian Vetten

Prostitution ist Menschenhandel und Huren sind Opfer - das behauptet Alice Schwarzer in ihrem neuesten Werk. Die Sexarbeiterinnen selbst sehen das ganz anders, sprengen kurzerhand die Buchvorstellung und führen die Feministin nach allen Regeln der Kunst vor.

Die drei jungen Frauen mit dem uniformen Kurzhaarschnitt verstehen die Welt nicht mehr. "Aber wir wollen euch doch nur helfen", sagt eine von ihnen – sichtlich erschüttert – zu der großgewachsenen Blondine, die ihr soeben einen Flyer in die Hand gedrückt hat. "Mein Beruf gehört mir", heißt es da, "Prostitution ist kein Menschenhandel" und "Sprecht mit uns, nicht über uns!" Das passt so überhaupt nicht zum Bild der unterdrückten Hure, die von den edlen Streiterinnen des Feminismus aus dem Joch ihrer Knechtschaft befreit werden muss, mit dem die drei Frauen wohl angereist sind. Das ironische Lächeln, das um die Lippen der Blonden spielt, hat dann auch fast schon etwas Mitleidiges: "Schätzchen, das ist ja rührend – aber wir wissen uns ganz gut selbst zu helfen."

Wiltraud Schenk ist sichtlich anderer Meinung als Alice Schwarzer.
Wiltraud Schenk ist sichtlich anderer Meinung als Alice Schwarzer.(Foto: imago stock&people)

Es sind teils absurde Szenen, die sich an diesem kalten Donnerstagabend vor und in der Berliner Urania abspielen: Eigentlich will Alice Schwarzer hier ihr neues Buch vorstellen – aber zunächst mal stehlen ihr genau die Huren die Show, die sie in "Prostitution - ein deutscher Skandal" so undifferenziert und ausnahmslos zu Opfern stilisiert. Wer an diesem Abend zur angekündigten Podiumsdiskussion mit der Gallionsfigur des Feminismus will, muss erst einmal einen Spießrutenlauf durch die lange Reihe von Frauen absolvieren, die vor dem Eingang Spalier stehen – und selbst das Weltbild der eingefleischtesten Prostitutionsgegnerin sollte an deren Ende Risse bekommen haben.

Neben den Huren aus verschiedensten Ländern haben auch Sozialarbeiterinnen und Mitarbeiter von Organisationen wie der "Deutschen AIDS-Hilfe" oder der "Beratungsstelle gegen Menschenhandel" vor der Urania Position bezogen - wie ein Opfer verhält sich keine von ihnen. "Ich arbeite seit mehr als 25 Jahren als Sozialarbeiterin für das Gesundheitsamt", sagt Wiltraud Schenk und fährt fort: "Noch nie war die Situation für Prostituierte so gut wie heute. Wenn ich an die Zeit vor dem Gesetz zurückdenke, schüttelt es mich: So viele sinnlose Restriktionen, die die Mädels nur in die Illegalität gedrängt haben!"

Schenk spricht vom Prostitutionsgesetz, das unter der Rot-Grünen Bundesregierung 2002 entstand und das Gewerbe aus ebenjener Illegalität holen und entkriminalisieren sollte. Huren dürfen seitdem vorenthaltene Freier-Löhne einklagen, haben Zugang zur Sozialversicherung, die Vermietung von Arbeitsräumen wird nicht mehr als "Förderung der Prostitution" rechtlich verfolgt. Das Gesetz habe seine Schwächen, eine Nachbesserung wäre wünschenswert, aber "ich kenne keine Sexarbeiterin, die dafür nicht dankbar gewesen wäre", sagt Schenk.

Die schwarzersche Meinung mit der überschweren Moralkeule

Der Auftritt der "#PROstitution"-Aktivistinnen hat bei den Diskussions-Teilnehmern sichtlich Eindruck gemacht, kurz vor Schwarzers Auftritt geht es im halbvollen Saal zu wie in einem aufgescheuchten Bienennest. Als die 70-Jährige schließlich mit fast halbstündiger Verspätung das Podium betritt und dabei mit den Händen schon mal pro forma das Victory-Zeichen in die Luft sticht, ist das Gegröle groß. Trotz der Misstöne am Eingang wird klar: Die Verehrung der "Emma"-Herausgeberin hat unter den fast ausschließlich weiblichen Besuchern fast schon kultische Züge. Dass die Stimmung im Verlauf der Diskussion so drastisch kippen wird, kann Schwarzer ja noch nicht ahnen – und so freut sie sich über die hemmungslose Sympathiebekundung: "Das ist ja die richtige Stimmung, um den Dingen mal auf den Grund zu gehen."

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Doch schon bei der Vorstellung der Gäste wird klar, dass das so nicht stimmen kann, denn: "Hier oben sitzt, wer Prostitution generell für ein Übel hält." Den Einwand einer Besucherin, dass das mit einer Podiumsdiskussion – wie im Programm der Urania angekündigt – nichts zu tun hat, wischt Schwarzer mit einer ärgerlichen Handbewegung weg. Von Beginn an ist klar: Hier soll nichts erörtert werden, es zählt nur die Schwarzersche Meinung. Und die wird mit der überschweren Moralkeule an die Frau gebracht.

Da ist zum Beispiel die Sozialarbeiterin Sabine Constabel, die von ihren Erfahrungen mit osteuropäischen Huren spricht. "Ein überwiegender Teil dieser Frauen macht es für 30 Euro, und dann auch noch ohne Kondom – dazu würde sich eine deutsche Frau nie herablassen." Belege liefert sie dafür keine, der Satz bleibt einfach so im Raum stehen. Und das ist das Schwierige daran: Denn zweifelsohne gibt es diese Form von fürchterlicher Ausbeutung, sei es aus Unwissenheit oder aus Zwang. Aber die komplette Branche über einen Kamm zu scheren, jede Sexarbeiterin als fremdbestimmtes Opfer zu stigmatisieren und letztlich eine Abschaffung der Prostitution zu fordern, kann schwerlich die Lösung sein. Ausbeutung und schwarze Schafe gibt es in jedem Gewerbe – aber niemand würde auf die Idee kommen, die Gastronomie abzuschaffen, bloß weil einige Restaurants ihre Studenten zu Hungerlöhnen beschäftigen.

"Jetzt haltet doch mal die Klappe!"

Immerhin: Nach den anfänglichen Aufregergeschichten bemühen sich Schwarzers Gesprächspartner bisweilen, das Gesagte zu relativieren. Das passt der medialen Dampfwalze natürlich überhaupt nicht ins Konzept, regelmäßig unterbricht sie die Redner mit einem bunten Sammelsurium an Horrorgeschichten. "Ich habe von schwangeren Prostituierten gehört, die ihr Kind nach der Geburt an ihre Zuhälter abgeben müssen, damit das auch sofort in die Sexindustrie kommt." Ein Raunen geht durch den Saal, das hat gesessen. Dumm nur, dass Constabel irritiert die Augen verdreht, an ihrer Bluse herumnestelt und dann nach längerem Schweigen einfach wieder da weitermacht, wo sie kurz zuvor unterbrochen wurde – ohne auf Schwarzers Einwurf einzugehen, die die Einzige zu sein scheint, die davon gehört hat.

Stolz präsentiert Schwarzer ihr neues Buch "Prostitution - ein deutscher Skandal".
Stolz präsentiert Schwarzer ihr neues Buch "Prostitution - ein deutscher Skandal".(Foto: dpa)

Es ist diese Art von Polemik, mit der Schwarzer gerne den Rest des Abends füllen würde und mit der sie sich nicht erst seit ihrer verstörenden Kampagne gegen Kopftuchträgerinnen oder der irritierenden Allianz mit der "Bild"-Zeitung peu a peu ins Abseits manövriert.

Einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen Schwarzer schließlich genau die, für die sie vorgibt, einzutreten. Nach knapp zwanzig Minuten versucht eine Reihe von jungen Frauen mit einem Transparent die Bühne zu stürmen: "Mein Beruf gehört mir" ist darauf zu lesen – angelehnt an Schwarzers Abtreibungskampagne "Mein Bauch gehört mir". Sie werden rüde abgedrängt und hinauskomplimentiert. Zeitgleich spannen knapp zwanzig über den Saal verteilte Aktivistinnen rote Schirme auf, rufen "Alles Lügen" und "Warum sprechen Sie nicht mal mit uns?" Schwarzers realitätsverweigernde Antwort: "Jetzt haltet doch mal die Klappe, wir sprechen hier über die Realität!"

"Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!"

Je weiter der Abend voranschreitet, desto bärbeißiger gebärdet sich Schwarzer. 95 Prozent aller Huren würden zu ihrer Arbeit gezwungen, befindet sie und hat für das vielstimmige "Wo haben Sie Ihre Zahlen her?" nur ein verächtliches Zischen übrig. Sie spricht sich für das Schwedische Modell aus, bei dem Freier für die Inanspruchnahme sexueller Dienste sogar ins Gefängnis müssen und würgt den von ihr eingeladenen Augsburger Kommissar Helmut Sporer ab, der "Freierbestrafung für keine Lösung" hält. Sie schneidet einem Querschnittsgelähmten das Wort ab, der von seinen Erfahrungen als Freier erzählt und widerlegen möchte, dass "Huren heutzutage jeden nehmen müssen, der kommt". Und zu guter Letzt melden sich auch noch die ominösen bulgarischen Sexarbeiterinnen zu Wort, die laut Schwarzer allesamt unterdrückt werden – und fragen auf unverschämt selbstbewusste Art und Weise, "wo Sie nur alle diese Frauen treffen, von denen Sie sprechen?"

Schwarzer kocht: Dass die Minderheiten, als deren Retterin sie sich so gerne aufspielen würde, so widerspenstig sind, ist für sie eine Impertinenz sondersgleichen. Wäre das Thema nicht so ernst, es wäre beinahe schon spaßig, mitanzusehen, wie sich Schwarzer selbst demaskiert – frei nach dem Motto: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!"

So bleibt allerdings ein fader Nachgeschmack. Denn die Schockgeschichten, die Schwarzer zurzeit mithilfe ihres Buches in die Republik herausposaunt, nimmt der unbedarfte Leser zunächst mit einem "Oh Gott, wie schlimm" zur Kenntnis – und läuft dabei Gefahr zu vergessen, dass es auch noch eine andere Seite der Medaille gibt. Denn obwohl ein Dialog über die zweifelsohne bestehenden Probleme in der Prostitution dringend nötig wäre, ist mit Holzhammer-Demagogie niemandem geholfen.

Zum Schluss der Veranstaltung und unter dem konstanten Gegenwind der Aktivistinnen hat das nicht nur ein Großteil der Besucher kapiert – der Beifall für die kritischen Stimmen wird zum Ende hin immer lauter – auch unter erklärten Feministinnen hat Schwarzer an Zuspruch verloren. Draußen vor der Urania steht Wiltraud Schenk und sagt resigniert: "Ich war immer ein Fan von Alice, sie hat viel für uns Frauen getan. Aber jetzt muss ich sagen: ‚Halt die Klappe, Alice, davon hast Du keine Ahnung‘!" Und genau das steht auch auf ihrem Plakat.

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Quelle: n-tv.de

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