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Oscar Pristorius brach bei der ersten Anhörung vor dem Haftrichter in Tränen aus.
Oscar Pristorius brach bei der ersten Anhörung vor dem Haftrichter in Tränen aus.(Foto: REUTERS)

Was geschah in der Todesnacht?: Indizien sprechen gegen Pistorius

Von Diana Sierpinski

Schüsse, ein blutiger Cricketschläger und Steroide: Täglich kommen neue, schlimme Details im Fall Oscar Pistorius ans Tageslicht. Sie alle sprechen gegen den Mann, der in Südafrika als Held verehrt wird. Immer mehr Indizien erhärten den Verdacht, dass der Paralympic-Star seine Freundin brutal getötet hat.

Südafrika steht unter Schock. Oscar Pistorius, eine der großen Sportikonen des Landes, steht im Verdacht, seine Freundin getötet zu haben. Der Sportstar selbst behauptet, es war ein Unfall, der Haftrichter spricht von Mord. Was geschah wirklich in jener verhängnisvollen Nacht, in der Reeva Steenkamp starb? Offiziell halten sich die Ermittlungsbehörden zurück. Sicher scheint aber, dass Pistorius seine Freundin keineswegs versehentlich erschoss, weil er sie für einen Einbrecher hielt.

Musste Reeva Steenkamp sterben, weil Pistorius die Kontrolle verlor?
Musste Reeva Steenkamp sterben, weil Pistorius die Kontrolle verlor?(Foto: dpa)

Es ist der Abend vor dem Valentinstag. Entgegen erster Berichte verbringen Pistorius und Steenkamp den Abend gemeinsam. Gegen 20 Uhr hören Nachbarn einen lautstarken Streit, Geschirr zersplittert. Es soll um Eifersucht gehen. Um andere Männer, die mit dem schönen Model befreundet waren. Pistorius gerät offenbar immer mehr in Rage, schreit lauter und lauter. Ein Nachbar ruft den Sicherheitsdienst der Wohnanlage, der das Paar zur Ruhe auffordert. Offenbar ohne Erfolg, denn bereits zwei Stunden später erscheint der Wachmann wieder vor dem Haus von Pistorius, droht damit, die Polizei zu rufen.

Am frühen Donnerstagmorgen, gegen 3.45 Uhr, eskaliert der Streit. Der Nachbar wird durch den Knall von vier Schüssen geweckt und verständigt die Polizei. Die Beamten finden Steenkamp, nur mit einem Nachthemd bekleidet, tot auf. Zwei Kugeln werden später in ihrem Kopf, jeweils eine Kugel in Arm und Bein gefunden. Am Tatort stellen die Polizisten eine Faustfeuerwaffe vom Typ Beretta, die auf Pistorius zugelassen ist, sicher. Der Paralympic-Star beteuert noch am Tatort seine Unschuld, spricht von einem "Versehen". Wenige Stunden später wird Pistorius unter Mordverdacht festgenommen.

Blutige Details widerlegen Aussage

Während sich die Polizei danach mit Ermittlungsergebnissen weitgehend zurückhält, kommen durch die heimischen Medien immer mehr Details aus der verhängnisvollen Nacht ans Tageslicht. So berichtet die "Sunday Independent" von einer Freundin namens Audrey, die von Pistorius in der dramatischen Nacht angerufen und um Hilfe gebeten worden sei. Die junge Frau sei im Haus des Profisportlers eingetroffen, als er die schwer blutende Steenkamp die Treppe hinuntergetragen habe. Alle Versuche, ihre heftigen Blutungen zu stillen, seien vergeblich gewesen. Dem will die südafrikanische "City Press" nicht ganz widersprechen, behauptet aber, Pistorius habe nicht die Nachbarin gerufen, sondern seinen Vater.

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Und noch ein weiteres bekanntgewordenes Indiz widerlegt die ursprünglich geäußerte Aussage, dass Pistorius seine Freundin aus Versehen erschossen habe, weil er sie für einen Einbrecher hielt. Wie "City Press" Ermittlerkreisen erfahren haben will, sei neben der sichergestellten Mordwaffe auch ein blutverschmierter Cricketschläger gefunden worden und Steenkamp habe eine Schädelverletzung gehabt. Hat Pistorius die junge Frau also erst geschlagen und dann auf sie geschossen?

Um 3.55 Uhr, kurz bevor die Polizei eintrifft, telefoniert Pistorius mit seinem Freund Justin Divaris: "Ich habe mein Baby getötet. Gott soll mich holen."

Hat Pistorius gedopt?

Pistorius, der durch einen Gendefekt ohne Wadenbein auf die Welt kam, wurden im Alter von elf Monaten beide Beine unterhalb des Knies amputiert. Von Anfang an trug er Prothesen aus Karbon, um laufen zu können. Als erster amputierter Athlet nahm er sowohl an Paralympics als auch an Olympischen Spielen teil. Auf seinem Rücken hat Pistorius einen Bibel-Spruch tätowiert, der mit den Worten beginnt: "I do not run like a man running aimlessly." (Ich laufe nicht wie einer, der ziellos läuft.)

Pistorius, dem Sunnyboy der Nation, war es immer wichtig, wie ein Nichtbehinderter behandelt zu werden. Sein Credo lautete: "Du bist nicht unfähig durch deine Unzulänglichkeiten, sondern du bist befähigt durch deine Fähigkeiten." Doch wie sah es wirklich in ihm aus? Während die getötete Steenkamp dieser Tage als lebensfroh und warmherzig beschrieben wird, mehren sich Berichte über Pistorius, die am Image des Nationalhelden kratzen.

Dem englischen Sportblatt "The Sun" zufolge, gibt es Hinweise darauf, dass der sechsmalige Paralympics-Sieger seine Leistungen manipuliert haben könnte. In seinem Badezimmer sollen Steroide gefunden worden sein.  Zudem gibt es Beweise dafür, dass im Hause von Pistorius täglich viel Alkohol getrunken wurde. Steroide können zusammen mit Alkohol zu einem extrem aggressiven Verhalten führen.

Obsession für Waffen und häusliche Gewalt

Pistorius soll ein Faible für Feuerwaffen gehabt haben. Sogar zu Hause hatte er immer eine Waffe in Reichweite, heißt es. Die Mutter einer seiner Ex-Freundinnen berichtet, wie sehr sich ihre Tochter mitunter vor ihm gefürchtet habe, insbesondere, wenn er sturzbetrunken anfing, mit seinen Waffen zu hantieren. Auch sonst ließen die Umgangsformen des Sportlers offenbar zu wünschen übrig. So sollen zwei junge Frauen bei einem Konzert in Johannesburg von dem damals betrunkenen Sportstar belästigt worden sein. Einem Journalisten soll Pistorius gedroht haben, ihm die Beine zu brechen, sollte er noch einmal mit Reeva Steenkamp essen gehen.

Auch über häusliche Gewalt berichten die Medien. Offenbar war lautes Geschrei nichts Ungewöhnliches im Hause Pistorius. Der Sportler soll sich demnach häufiger mit seinen Partnerinnen gefetzt haben. Die Adresse des Sportlers ist der Polizei wegen mehrerer Vorfälle häuslicher Gewalt bestens bekannt, heißt es. Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Motorbootunfall Ende 2008, als Pistorius mit überhöhter Geschwindigkeit in die Pier kracht. Obwohl Pistorius fast drei Schwimmer überfahren hätte, wurde eine Anklage wegen rücksichtslosen Fahrens fallengelassen.

Vom stolzen Helden zum Mörder?

Pistorius wird seit seiner Festnahme rund um die Uhr beobachtet, er gilt als suizidgefährdet. Noch immer weist er den Vorwurf der vorsätzlichen Tötung zurück. Am Dienstag wird über seine Freilassung auf Kaution entschieden. Sollte er wegen Mordes verurteilt werden, droht dem einstigen Sporthelden eine lebenslange Haftstrafe.

Südafrikas Presse hat ihr Urteil längst gesprochen. In Anspielung auf seinen Beinamen "Blade Runner" bezeichnete "The Citizen" den Sportler dieser Tage als "Blade Gunner", als Sichelschützen. Und der "Daily Maverick" bringt die Fassungslosigkeit einer ganzen Nation auf den Punkt: "Oscar hat uns Südafrikaner so stolz gemacht - einer von uns, der bei den Olympischen Spielen Erfolge feiert und Südafrika in der ganzen Welt bekannt macht. Es ist ein Albtraum, dieses Bild von Oscar gegen das eines Gewalttätigen, eines Mörders einzutauschen."

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Quelle: n-tv.de

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