Panorama

Kunstraub in der DDRKunstwerke seit 30 Jahren weg

14.12.2009, 10:13 Uhr

Es war einer der spektakulärsten Kunstraube in der DDR. 30 Jahre später sind die Gemälde immer noch verschwunden. Manche glauben, die Regierung selbst war eingeweiht.

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Im Schloss Friedenstein in Gotha finden immer noch Ausstellungen statt. (Foto: picture alliance / dpa)

Einer der spektakulärsten Kunstdiebstähle der DDR und der deutschen Nachkriegsgeschichte ist auch nach 30 Jahren ungeklärt. In der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1979 verschwanden in einer Nacht- und Nebelaktion fünf Gemälde alter Meister auf mysteriöse Weise aus Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha: "Brustbild eines jungen Mannes" von Frans Hals, "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren, "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von Anthonis van Dyck, "Alter Mann" von Jan Lievens sowie von Hans Holbein dem Älteren "Heilige Katharina". Geblieben sind dem Museum nur Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Bilder. In wenigen Tagen läuft die Verjährungsfrist ab. Experten sehen auch danach nur geringe Chancen, die wertvollen Stücke zurückzubekommen.

Der Raub ist nach drei Jahrzehnten noch so rätselhaft wie damals. Es gibt bis heute nicht die kleinste Spur zu Tätern, Hintermännern und Verbleib der Kostbarkeiten, deren Wert damals mit fünf Millionen DDR-Mark angegeben wurde. "Was die Bilder heute wert sind, kann keiner sagen", sagt Martin Eberle, Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein. Fakt ist, dass die Täter bestens vorbereitet und informiert waren. "Die neu eingebaute Alarmanlage sollte drei Tage später aktiviert werden." Mindestens ein Täter ist mit Steigeisen an der Westfassade des imposanten Barockschlosses über Dachrinne und Blitzableiter bis zum zweiten Obergeschoss geklettert und durch ein Fenster eingestiegen: Wahrscheinlich gegen 2.00 Uhr nachts. Die Klimaschreiber registrierten um diese Zeit einen Temperaturabfall.

Auftragsdiebstahl wahrscheinlich

Die Dezembernacht war stockdunkel, stürmisch und regnerisch. Kaum ein Mensch war unterwegs. "Und trotzdem war es ein hohes Risiko, zufällig entdeckt zu werden." Seltsam auch, dass Bilder aus mehreren Räumen gestohlen und mit ihren schweren Rahmen durch den Schlosspark abtransportiert wurden, erklären Museumsmitarbeiter. Alles spreche für einen Auftragsdiebstahl. "Normalerweise klaut jemand in kurzer Zeit so viele Bilder wie möglich und schneidet sie aus dem Rahmen", meint Eberle. In Gotha seien jedoch gezielt vorrangig Niederländer ausgewählt worden - und warum wurden beispielsweise die kostbaren Bilder von Lucas Cranach hängengelassen?

Die in 350 Jahren gewachsene Bildersammlung der Gothaer Herzöge wurde damit nach den herben Verlusten zum Ende des Zweiten Weltkriegs weiter zerrissen. "Vor allem Brueghel und Holbein, der kaum im Kunsthandel angeboten wird, wären Glanzlichter in unserer Sammlung." Eine besondere Tragik verbindet sich mit dem Hals-Gemälde. Nach 1945 als Kriegsbeute in die Sowjetunion abtransportiert, kehrte es 1958 mit 62 Gemälden und Plastiken auf Schloss Friedenstein zurück. "Nur um 1979 gestohlen zu werden."

Viele Verdächtige, keine Beweise

Eine Sonderkommission der DDR-Kriminalpolizei ermittelte wochenlang ohne greifbare Ergebnisse. Die international bekannten Gothaer Hochseilartisten Geschwister Weisheit gehörten ebenso wie Museumsmitarbeiter zu den Verdächtigen. Gerüchte und Spekulationen wie diese blühten: Die Bilder seien in Windeseile vom nahen Schlachthof in versiegelten Lastwagen über die Grenze nach Westdeutschland geschleust wurden. Hatte gar DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski seine Hände im Spiel? Eberle ist skeptisch. Der hätte einfach in Depots gehen können und nicht so ein Aufsehen erregen müssen. Der Direktor vermutet, dass die Bilder in einem Privatkeller hängen, in den Coup jedoch höchste Stellen von DDR und Bundesrepublik eingeweiht waren. "Wenn wir wenigstens wüssten, dass es den Bildern gut geht."

Sollten die Gemälde nach 2009 etwa von Erben dem internationalen Kunsthandel angeboten werden, spielt das jeweilige Land Schicksalsgöttin für die Gothaer. In der Schweiz kann der Besitzer das Kunstwerk behalten, wenn er es in Recht und Glauben erworben hat. Großbritannien ist da konsequenter. Ein Erwerb in gutem Glauben hat dort keinen Bestand. Würde ein Bild zur Versteigerung angeboten werden, ist Schloss Friedenstein weiterhin rechtmäßiger Besitzer und eine Rückgabe einfacher. In Deutschland sei es wieder ganz anders, erklärt Eberle. "Wir sind nach 30 Jahren nach wie vor Eigentümer. Wer aber auch immer die Bilder über dem Sofa hängen hat, muss sie nicht herausrücken."

Quelle: Antje Lauschner, dpa