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Das Pontifikat Joseph Ratzingers wird vielen in negativer Erinnerung bleiben.
Das Pontifikat Joseph Ratzingers wird vielen in negativer Erinnerung bleiben.(Foto: dapd)

"Er hat eine große Chance vertan": Missbrauchsopfer üben Kritik

Zum Abschied des Papstes wird an die Verdienste des Kirchenoberhauptes erinnert. Doch für viele ist der Name Benedikt der XVI. mit schmerzhaften Assoziationen verbunden. Gerade Opfer sexuellen Missbrauchs finden scharfe Worte. Aber auch katholische Laien und Israelis äußern sich nicht nur positiv.

Der Rücktritt Papst Benedikts trifft nicht nur auf lobende Reaktionen. Besonders Vertreter von Menschen, die in kirchlichen Einrichtungen Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, melden sich kritisch zu Wort. Aber auch Israelis und katholische Laien kommentieren nicht nur positiv.

Das "Netzwerk Betroffener von sexueller Gewalt" merkte an, zur Unterstützung der Opfer habe Joseph Ratzinger nichts beigetragen. "Stattdessen wurden Täter und Serientäter weiter geschützt und versetzt", schrieb der Vorsitzende Norbert Denef. Ratzinger habe insbesondere zur Gleichbehandlung der Opfer von sexueller Gewalt weltweit keinen Beitrag geleistet. Während etwa Opfer in den USA teilweise mit mehr als einer Million Dollar entschädigt und die Personalakten der Täter im Internet veröffentlicht würden, müssten sich die von sexueller Gewalt durch Geistliche und Kirchenangehörige Betroffenen in Deutschland mit mehreren tausend Euro abfinden.

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"Dieser Papst hatte die große Chance, den jahrzehntelangen Missbrauch in der Kirche aufzuarbeiten, aber er versprach alles und lieferte am Ende nichts", sagte John Kelly von einer irischen Selbsthilfegruppe. "Wir hatten den Papst aufgefordert, die für den Missbrauch verantwortlichen Ordensgemeinschaften und die katholische Führung in Irland, die dies duldete, zur Rechenschaft zu ziehen. Aber zu unserem Verdruss ist nichts geschehen."

Aus Australien heißt es: "Die Opfer begrüßen den Rücktritt eines Kirchenvertreters, der trotz all seiner Macht so wenig unternommen hat, um den Terror zu stoppen, dem Kinder durch Missbrauch begehende Priester ausgesetzt sind", so Nicky Davis vom australischen Opfer-Netzwerk. "In den Augen vieler Opfer hat Joseph Ratzinger dadurch persönlich ihr Leid immens vermehrt."

In der deutschen Politik äußerten vor allem die Grünen neben ihrem grundsätzlichen Wohlwollen auch Kritik: "Papst Benedikts Eintreten für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung und gegen Hunger und Armut sind ausdrücklich zu würdigen", sagten die Spitzenkandidaten Katrin-Göring Eckard und Jürgen Trittin. "Mit vielen anderen Positionen, wie etwa zur Empfängnisverhütung und zur Homosexualität, sind wir Grüne nicht einverstanden."

Israel thematisiert Aufarbeitung des Holocaust

In Israel wurde der Benedikt, der so viele Synagogen besucht hat wie kein Papst vor ihm, ausdrücklich für seinen Dialog mit dem Judentum gelobt. Die Beziehungen zwischen katholischer Kirche und Judentum seien so gut wie nie zuvor, sagte der Präsident des jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder.

Doch es gab auch kritische Stimmen: So habe die Heiligsprechung Pius XII., der während der Nazi-Zeit Papst war, die jüdisch-katholischen Beziehungen in eine Krise gestürzt. Bis heute ist umstritten, ob Pius XII. Juden geholfen habe, wie der Vatikan behauptet, oder widerstandslos und wissentlich die Juden in den Tod schicken ließ. Noch immer sind die kritischen Dokumente in den Vatikan-Archiven den Forschern nicht zugänglich.

Die linksgerichtete Zeitung Haaretz erinnerte daran, dass der Vorgänger Benedikts, der polnische Papst Johannes Paul II. den Kommunismus und die Nazis bekämpft habe, während Ratzinger doch Hitlerjunge und Kindersoldat bei der deutschen Luftwaffe gewesen sei. Heftige Kritik äußerte die Zeitung an der Wiedereinführung der Tridentinen-Messe mitsamt dem Gebet, die "Herzen der Juden zu erleuchten, Jesus als ihren Erlöser anzuerkennen".

Laien fühlten sich "herausgefordert"

Auch katholische Laien äußerten sich grundsätzlich positiv, aber auch differenziert über den Papst. Bei seinem Amtsantritt habe die Mentalität "Wir sind Papst" noch Euphorie in Deutschland ausgelöst, sagte Zentralkomitee-Präsident Alois Glück. "Als sich gezeigt hat, dass er auch Ecken und Kanten hat, ist die Euphorie verflogen, wenn es auch noch hohe Aufmerksamkeit gab." Glück machte deutlich, dass sich der Zentralrat der Katholiken ebenfalls an Benedikt gerieben hatte: "Er war immer einer, der Diskussionen herausgefordert hat", sagte Glück. "Er hat ohne Zweifel manches sehr skeptisch betrachtet, zum Beispiel das Thema Reformen." In der öffentlichen Wahrnehmung werde der Papst aber unterschätzt: "Er hat wichtige Akzente gesetzt, die nicht so zur Geltung kommen." Nachdem ihm nach einer Rede bei seinem Deutschland-Besuch in Regensburg Islam-Feindlichkeit vorgeworfen worden war, habe er sich stark für den Dialog mit dem Islam eingesetzt, etwa bei einem anschließenden Türkei-Besuch.

"Papst Benedikt hat sich für die Jugend stark gemacht, das ist angekommen", erklärte der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Gleichzeitig habe er mit vielen Worten und Beiträgen junge Menschen in den zurückliegenden Jahren auch herausgefordert, so der Vorsitzende Dirk Tänzler. "Denn viele junge Katholiken und Katholikinnen hoffen auf Reformen und Weiterentwicklung der Kirche." Hier habe Papst Benedikt wenige Hoffnungen geweckt.

Quelle: n-tv.de

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