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Für die Bürger von Newtown ist auch der Täter ein Opfer.
Für die Bürger von Newtown ist auch der Täter ein Opfer.(Foto: AP)

War Adam Lanza selbst ein Opfer?: Mutter setzte Sohn unter Druck

Der Amoklauf von Newtown erschüttert Amerika und die Welt. 20 Kinder und sechs Erwachsene sterben im Kugelhagel eines Amokläufers. Die Hintergründe sind weiter unklar. Allmählich entsteht aber das Bild des Täters, der offenbar unter dem Ehrgeiz seiner Mutter litt.

Die kleine Kirche des Ortes fasste die Trauernden nicht.
Die kleine Kirche des Ortes fasste die Trauernden nicht.(Foto: AP)

Nach dem bislang schlimmsten Amoklauf an einer US-Schule mit 27 Toten rätselt Amerika schockiert über die Hintergründe der Tat. Die Bluttat fachte erneut eine Debatte über das Waffenrecht in den USA an. Präsident Barack Obama forderte in einer Radioansprache "bedeutsames Handeln".

Der 20-jährige Täter Adam Lanza soll ein gewöhnlicher junger Mann gewesen sein. Er soll Berichten von Nachbarn und Bekannten zufolge in der Kleinstadt aufgewachsen sein. Er wird als klug, sehr scheu und introvertiert beschrieben. Derzeit durchsuchen Spezialeinheiten der Polizei das Wohnhaus der Mutter, eine Lehrerin, die er ebenfalls erschossen haben soll. Damit könnte sich die Anzahl der Toten auf 28 erhöhen.

Der Ablauf des Massakers in der friedlichen Kleinstadt nördlich von New York war zunächst verschwommen, das Motiv unklar. Bei dem Amoklauf soll er ganz in Schwarz gekleidet gewesen sein und eine kugelsichere Weste getragen haben. Er habe sein Auto direkt vor der Eingangstür geparkt, berichtete der Nachrichtensender CNN.

Täter drang gewaltsam in die Schule ein

Am Tatort herrscht tiefe Trauer.
Am Tatort herrscht tiefe Trauer.(Foto: REUTERS)

Die Grundschule hatte den Berichten zufolge erst in diesem Jahr ein neues Sicherheitssystem eingerichtet: Besucher müssen klingeln und erscheinen dann auf einer Sicherheitskamera. Erst wenn jemand innen auf den Türöffner drückt, kann man eintreten. Die Täter soll sich gewaltsam Zutritt zu den Räumen der Schule verschafft haben. Details gab die Polizei noch nicht bekannt. Zunächst hatte es geheißen, die Schuldirektorin selbst habe den Todesschützen hereingelassen, nachdem er geklingelt hatte, weil sie ihn als Sohn einer Kollegin erkannt haben soll. Wenig später war die Frau tot.

Mutter war Waffensammlerin

Mit mindestens zwei Handfeuerwaffen, einer Glock und einer Sig Sauer, soll Lanza in die Schule gestürmt sein. US-Medien berichteten, dass am Tatort auch ein halbautomatisches Gewehr von Typ AR-15 gefunden worden sei. Den Berichten zufolge waren die Waffen auf Lanzas Mutter Nancy zugelassen.

Ein Bekannter der Familie beschrieb Nancy Lanza als Waffensammlerin. "Sie hat erzählt, dass sie oft mit ihren Kindern zum Schießen gegangen sei", erklärte er. Ein 20-jähriger ehemaliger Mitschüler von Adam Lanza sagte, beide Eltern hätten den Jungen immer zu akademischen Höchstleistungen angetrieben. Besonders die Mutter habe ihn gedrängt. "Sie hat ihn enorm unter Druck gesetzt, klüger zu sein und in der Schule härter zu arbeiten." Offiziellen Dokumenten zufolge trennten sich seine Eltern 2008. Der Vater wird derzeit von der Polizei verhört.

Bruder mit Täter verwechselt

Ryan Lanza wurde in Hoboken festgenommen.
Ryan Lanza wurde in Hoboken festgenommen.(Foto: AP)

Kurz nach der Tat nahm die Polizei Ryan Lanza, den Bruder des Täters fest. Es kam zur Verwechslung, weil der Täter den Ausweis des Bruders bei sich hatte, als er die Schule stürmte. Deshalb war auch kurzzeitig die Rede von einem zweiten Täter und später sogar davon, dass auch der Bruder des Amokschützen getötet worden sei. Der Bruder wird derzeit von der Polizei vernommen. Seine Wohnung ist abgesperrt und wird durchsucht.

Kaum Informationen über den Täter

Über den Täter Adam Lanza weiß man bislang nicht viel. Es gibt noch kein offizielles Foto von ihm, er hatte auch keine Facebook-Seite. Er soll in frühen Kindheitsjahren gemeinsam mit seiner Familie aus New Hampshire nach Connecticut gezogen sein. Zu seinen Hobbys zählen Fußball, Skateboarden und Videospielen. Frühere Mitschüler beschrieben ihn im US-Fernsehen als "ruhigen Typen", der nett und höflich gewesen sein soll. "Er war ein ganz normaler Junge, nie auffällig, kein Unruhestifter. Er hielt sich eher zurück. Niemand hätte damit gerechnet, dass Adam zu einer solchen Tat fähig gewesen wäre", so ein ehemaliger Mitschüler. Eine ehemalige Klassenkameradin bezeichnete Lanza eher als kontaktscheu. Er sei ungewöhnlich intelligent gewesen, nahezu ein Genie, habe aber Schwierigkeiten im Umgang mit Mädchen gehabt - und ohnehin nur wenige Freunde. US-Medien nennen Lanza bereits einen Autisten, vom Asperger-Syndrom ist die Rede. Ein Autist kapselt sich von seiner Umwelt ab; seine zwischenmenschlichen Beziehungen sind gestört.

Jährlich 30.000 Tote durch Schusswaffen

Nach Angaben der Polizei soll der Täter Adam Lanza in der Vergangenheit nie auffällig gewesen sein - bis zu der Stunde, als er Amok lief.

Ein sichtlich betroffener Präsident Obama hatte noch am Freitag erklärt, es gebe keine Eltern in Amerika, die an diesem Tag nicht dieselbe überwältigende Trauer verspürten wie er selbst. Obama wischte sich bei der Ansprache Tränen aus den Augen. Das Land habe in der Vergangenheit zu viele solcher Schießereien erleben müssen, sagte er weiter. Er forderte ein "wirkungsvolles Handeln, um weitere derartige Tragödien zu verhindern". Konkrete Forderungen stellte er nicht.

Jedes Jahr sterben in den USA etwa 30.000 Menschen durch Schusswaffen. Knapp 60 Prozent davon sind Selbstmorde, 40 Prozent sind Tötungsdelikte. Damit werden weitaus mehr Bürger im eigenen Land erschossen als bei Kriegseinsätzen im Ausland, etwa in Afghanistan. Das Recht auf Waffenbesitz ist im zweiten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten verbrieft. Wie weit dieses Recht reicht und welche Arten von Waffen davon betroffen sind, ist äußerst umstritten. Viele US-Bürger reagieren auf eine Verschärfung der Waffengesetze ähnlich allergisch, als solle ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung genommen werden.

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Quelle: n-tv.de

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