Panorama
Berlins Studentenwerk soll in "Studierendenwerk" umbenannt werden - ein teurer Plan.
Berlins Studentenwerk soll in "Studierendenwerk" umbenannt werden - ein teurer Plan.(Foto: dpa)

Streit um "Studierendenwerk": Neue Nahrung für "Genderwahn"-Kritiker

Von Thomas Schmoll

Berlin plant eine "geschlechterneutrale" Umbenennung des Studentenwerks in "Studierendenwerk". Kostenpunkt: 800.000 Euro. Streit ist programmiert.

Die einen sehen darin eine absolute Notwendigkeit und preisen es als Fortschritt zum Wohle der Frauen. Die anderen schimpfen jeden Versuch, männliche und weibliche Differenzierungen in der deutschen Sprache zu eliminieren, Genderwahn oder Luxusproblem einer reichen Gesellschaft. Wann immer es Vorstöße dieser Art gab, folgte Aufruhr. Das Internet tobte, Befürworter und Gegner der Genderisierung gifteten sich in teils übelster Form an.

Immer wieder sind es Universitäten oder deren Repräsentanten, die sich an die Spitze der Bewegung stellen und dafür wüst beschimpft werden. Man denke an Lann Hornscheidt, laut Webseite der Berliner Humboldt-Universität "Prof. Dr. phil. für Gender Studies und Sprachanalyse". Hornscheidt fühlt sich weder als Mann noch als Frau und mag es, "neutral" mit "sehr geehrtx Profx" angeschrieben zu werden. Folge: Die Hauptstadt stand tagelang Kopf, als das publik wurde. Auf seiner privaten Homepage gibt Hornscheidt zwei Mailadressen an: eine für konstruktive Meinungen, eine für Hassbotschaften.

Oder man denke an die Uni Leipzig, als sie 2013 beschloss, statt der (männlichen) Mehrheitsform "Professoren" in ihrer Verfassung "Professorinnen" zu schreiben. Weil sich die Gegner der Neuerung gar nicht mehr einkriegten, sah sich Rektorin Prof. Dr. med. Beate A. Schücking zu einer Presseerklärung genötigt, die unter dem Titel "Richtigstellung" klarmachen sollte: "Kein 'Herr Professorin' an der Universität Leipzig". Die Neuerung werde Alltag und Sprachgebrauch der Hochschule nicht beeinflussen.

"Toll, toller, Tollhaus"

Das Studentenwerk in Leipzig heißt nach wie vor Studentenwerk. In Berlin soll sich das jetzt ändern - dort soll es demnächst in "Studierendenwerk" umbenannt werden. So sehen es die Pläne von Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) für die Modernisierung des Gesetzes vor, das die Rechte und Pflichten der Einrichtung bestimmt, die wie alle übrigen in Deutschland auch mittels Geld aus der Staatskasse finanziert wird.

Die Namensänderung erfolge "auf Wunsch" von Studierenden und der Landeskonferenz der Frauenbeauftragten und setze Vorgaben um, dass beide Geschlechter in der Verwaltung "auch sprachlich gleich zu behandeln sind", heißt es in dem Entwurf für die Novelle. Scheeres verweist darauf, dass in anderen Bundesländern die Umbenennung schon erfolgt sei. "Der Gesetzentwurf hat keine Auswirkungen auf die Gleichstellung. Bei der Formulierung des Gesetzentwurfes wurden die Grundsätze der sprachlichen Gleichbehandlung beachtet."

Ein Blick in die Leserkommentarspalten der Berliner Zeitungen zeigt, dass damit der nächste Streit über Sinn oder Unsinn/Wahnsinn bevorstehen dürfte. Die klare Mehrzahl zeigt sich empört bis entsetzt. "Absolut unnötig. Gleichzeitig fehlt den Schulen Geld", schreibt jemand auf der Internetseite des "Tagesspiegel". Ein User meint: "toll, toller, Tollhaus". Eine Leserin der "Berliner Morgenpost" findet: "Überflüssiger Irrsinn!"

Vor allem der Kostenfaktor wird kritisiert. Das Geld sei an anderer Stelle besser aufgehoben, heißt es. Rund 800.000 Euro veranschlagt die Wissenschaftssenatorin für die Umsetzung der Namensänderung. Der Betrag sei nötig für "Materialkosten (Änderung von Schildern (Wegeleitsystem), Beschriftungen (Wohnheime, Mensen etc.), Werbematerialien, Geschäftspapiere, Visitenkarten, Stempel) und Personalkosten".

Kostenstreckung bis 2022

Um den Kostenplan zu halten und die finanzielle Belastung über viele Jahre zu strecken, ist eine lange Übergangsregelung bis 31. Dezember 2022 vorgesehen. Zu erwarten sei, dass in der Zeit - etwa im Fall von Neueinstellungen - ohnehin viele verschlissene oder personenbezogene Schilder und Dinge wie Visitenkarten ausgetauscht werden müssten, was also auch ohne Umbenennung Geld verbrauchen würde. Der Landesrechnungshof wird die zu erwartenden Kosten einschätzen. Dass die CDU, in der Bedenken laut wurden, die Pläne der SPD-Senatorin kippt, selbst wenn die Prüfer auf mehr als 800.000 Euro kommen, ist unwahrscheinlich.

Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hamburg haben ihre Studentenwerke bereits in "Studierendenwerke" umbenannt, was zu teils heftigen Debatten führte. Im Mittelpunkt stand die Kostenfrage, aber auch die Diskussion darüber, ob mit der Maßnahme tatsächlich für Gleichberechtigung gesorgt werde.

Das Deutsche Studentenwerk bezog zu dem Berliner Gesetzentwurf umfassend Stellung. Er lobte "sinnvolle Regelungen und Änderungen" und äußerte Korrekturwünsche. Auf die Namensänderung ging der Dachverband der 58 deutschen Studentenwerke nicht ein. Er selbst lehnt sie nämlich seit Jahren als überflüssig ab.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen