Panorama
Hannelore Kohl 1975
Hannelore Kohl 1975(Foto: picture alliance / dpa)

Hannelore Kohl: Perfektionistisch bis zum Verhängnis

Von Solveig Bach

Seit 12 Jahren ruht Hannelore Kohl im Familiengrab auf dem Friedhof von Friesenheim, nur wenige Kilometer vom alten Kanzlerbungalow in Oggersheim entfernt. Dort starb sie nach einer Überdosis Schlaftabletten einen einsamen Tod. Doch Ruhe findet die Familie auch nach all den Jahren nicht.

So kannte sie jeder, das Lächeln wie festgefroren, jedes Haar unverrückbar an seinem Platz.
So kannte sie jeder, das Lächeln wie festgefroren, jedes Haar unverrückbar an seinem Platz.(Foto: picture alliance / dpa)

80 Jahre alt wäre Hannelore Kohl heute geworden. Wenn sie dieses Alter bei guter Gesundheit erreicht hätte, kann man getrost davon ausgehen, dass es offizielle Feierlichkeiten für die Frau gegeben hätte, die so viel mehr als nur die perfekte Kanzlergattin an Helmut Kohls Seite war.

Doch Hannelore Kohl nahm sich schon vor über zehn Jahren das Leben. In der Nacht vom 4. auf den 5. Juli 2001 nimmt sie eine Überdosis Schlaftabletten. Als Grund für ihre Entscheidung nennt sie in ihren Abschiedsbriefen die schmerzhafte Lichtallergie. Erst später wird klar, dass Hannelore Kohl, geborene Renner, eine viel leidvollere Lebensgeschichte hat, als bis dahin bekannt.

Ihre Biografin Dona Kujacinski lernte Hannelore Kohl 1996 kennen. Im Gespräch mit n-tv.de beschreibt Kujacinski das Verhältnis zu Hannelore Kohl als vertraut, befreundet wäre wohl schon zu viel gesagt. Und obwohl Kujacinski in den Jahren bis zu Hannelore Kohls Tod über vieles mit ihr gesprochen hat, ist sie überrascht, als sie gemeinsam mit Sohn Peter die erste Biografie der Kohl-Ehefrau schreibt und dafür auch immer wieder mit Helmut Kohl spricht. "In Bezug auf ihr privates Leben war sie mehr als zurückhaltend. Viele Details habe ich erst in Interviews mit ihrem Mann und ihren Söhnen erfahren."

Ein Kind der Nazi-Zeit

Der Vater, Wilhelm Renner, ist NSDAP-Mitglied, arbeitet in einem NS-Musterbetrieb und dreht an den Rädern des Zweiten Weltkrieges mit. Auch die Mutter tritt in die Partei ein. Hannelore wächst in einem großbürgerlichen Leipziger Haus auf, führt ein sorgenfreies Leben.

Doch mit dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft endet dieses privilegierte Leben brutal. Hannelore muss als Elfjährige in den letzten Kriegstagen auf dem Bahnhof in Döbeln den sogenannten Bahnhofsdienst leisten. Das heißt, Verwundeten die Verbände wechseln, aber auch, die Leichen aus den Zügen räumen. Sie erlebt furchtbare Bombenangriffe. Heribert Schwan stellt in seiner Biografie die Behauptung auf, dass die 12-jährige Hannelore auf der Flucht von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wird. Bewiesen ist das nicht. Doch diese Zeit hinterlässt wohl ein Trauma, über das sie Zeit ihres Lebens nicht sprechen wird. Genauso wenig wie über den totalen gesellschaftlichen Absturz, den sie nach 1945 erfährt. "Sie war ein Kriegskind", sagt Kujacinski, "sie hat viele Verluste erlitten".

In Mutterstadt in der Pfalz, wo die Eltern des Vaters leben, versucht die Familie in einer Waschküche den Neuanfang. Hannelore hungert und lernt. Schon in Leipzig hatte sie immer zu den Jahrgangsbesten gehört.

41 Jahre an Helmut Kohls Seite

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und die Söhne Walter und Peter (v.l.) nach der Trauerfeier im Dom zu Speyer am 11. Juli 2001.
Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und die Söhne Walter und Peter (v.l.) nach der Trauerfeier im Dom zu Speyer am 11. Juli 2001.(Foto: picture alliance / dpa)

Sie ist 15, als sie den drei Jahre älteren Helmut Kohl kennenlernt. Zwölf Jahre werden die beiden warten, bis sie 1960 heiraten. Hannelore Kohl wird ihr Sprachenstudium nicht beenden, weil das Geld nicht reicht, und stattdessen Fremdsprachenkorrespondentin werden. Dabei spricht sie fließend Englisch und Französisch, Helmut Kohl wird sie später als seinen "besten Botschafter" beschreiben, weil sie nicht nur als charmante Gastgeberin auftritt, sondern persönliche Beziehungen zu vielen ausländischen Gästen und deren Ehefrauen herstellen kann.

Für Kujacinski steht fest: Helmut Kohl hätte seine politische Karriere niemals ohne seine Frau machen können. "Sie war vieles, aber in erster Linie preußisch-diszipliniert. Sie war jemand, der perfektionistisch war in vielen Dingen und auch sehr beherrscht." Das könne einem aber auch zum Verhängnis werden, fügt sie hinzu. Hannelore Kohl sei eine Erscheinung gewesen, Dass sie die "Barbie aus der Pfalz" genannt wird, hat sie nie wirklich geärgert. "Im Gegenteil", hat sie einmal gesagt, "ich finde den Vergleich positiv, weil die Barbie-Puppe für ewige Jugend steht und nach wie vor ein Verkaufsschlager ist. In meinem Fall ist er natürlich abfällig gemeint, weil Barbie auch für blond und blöd steht." Dass sie das nicht war, hat sie oft genug bewiesen.

Auch wenn sie in der Öffentlichkeit die Frau an Kohls Seite ist, hat Kujacinski sie doch immer als sehr eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen. Ihre Söhne Walter und Peter, ihre Ehe mit Helmut Kohl, das gehörte nicht in die Öffentlichkeit, so hatte es Hannelore Kohl entschieden und durchgesetzt. Nur einmal macht sie eine Ausnahme, als Sohn Peter in Istanbul heiratet und sie wegen ihrer Krankheit nicht dorthin reisen kann. Sie gibt gemeinsam mit ihrem Mann Kujacinski ein Interview, in dem beide über ihre Familie sprechen.

Man ahnt, was Kujacinski meint, wenn sie Hannelore Kohl als "Person mit unglaublichem Stehvermögen" beschreibt. Umso überraschter sei sie gewesen, als sie erfuhr, dass Hannelore Kohl ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hat. "Ich habe nicht mit ihrem Tod gerechnet, weil ich sie immer als sehr starke und kämpferische Frau erlebt habe. Diese Verzweiflung, in der sie sich befand, diese Kälte und Dunkelheit, das habe ich vielleicht auch nicht sehen wollen." Andererseits habe Hannelore Kohl immer gesagt: "Wenn es gar nicht mehr geht, will ich nicht an Schläuchen enden". "Das war ihre Überzeugung und das hat sie wahr gemacht."

Söhne auf der Suche

Die Hannelore Kohl-Biografie von Dona Kujacinski und Peter Kohl ist bei Knaur erschienen und kostet 9,99 Euro.
Die Hannelore Kohl-Biografie von Dona Kujacinski und Peter Kohl ist bei Knaur erschienen und kostet 9,99 Euro.

Seitdem sind mehr als zehn Jahre vergangen. Das Leben der Familie Kohl ist weitergegangen, Helmut Kohl ist erneut verheiratet, Enkelkinder wurden geboren. Doch zumindest ihren Kindern scheint Hannelore Kohl noch immer schmerzlich zu fehlen. Kürzlich gingen die Söhne in eine Talkshow, um ihre Mutter zu würdigen und ihre Sicht auf die Familiengeschichte zu erzählen. Sie bekamen Applaus und Häme.

Kujacinski über den Auftritt von Walter und Peter Kohl: "Sie haben ihre Mutter sehr geliebt und nun offensichtlich die Motivation, offen über sie zu sprechen, was sie zehn Jahre lang grundsätzlich nicht getan haben." Wenig Verständnis hat sie für Maike Richter-Kohl, die zweite Ehefrau von Helmut Kohl. Sie finde es nicht in Ordnung, dass Frau Kohl den Kontakt zu vielen langjährigen Weggefährten und auch Familienangehörigen unterbinde. "Man tritt auch nicht in den Kostümen und mit dem Schmuck von Hannelore Kohl auf, das gehört sich nicht, das ist geschmacklos."

Hannelore Kohl hätte möglicherweise das Gleiche gedacht - und es ganz diplomatisch für sich behalten. Ihr Grab auf dem Friedhof in Friesenheim, nur wenige Kilometer vom alten  Kanzlerbungalow in Oggersheim entfernt, wurde an ihrem Geburtstag mit frischen Blumen geschmückt. Ein herzförmiges Rosengesteck ist zu sehen, das im Namen der beiden Söhne Walter und Peter an die Mutter erinnert. An Hannelore Kohl, geborene Renner. "Alles Liebe" steht auf dem Band.

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Quelle: n-tv.de

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