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Tragödie in Duisburg: Stadt vernachlässigte Sicherheit

Die Stadt Duisburg soll die Loveparade-Veranstalter von der Vorschrift befreit haben, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. "Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen", sagte Deutschlands führender Konzertveranstalter, Marek Lieberberg.

Ermittler haben die Positionen der Toten auf den Boden gemalt. 16 Menschen waren vor Ort tot aufgefunden worden.
Ermittler haben die Positionen der Toten auf den Boden gemalt. 16 Menschen waren vor Ort tot aufgefunden worden.(Foto: REUTERS)

Bei der Loveparade in Duisburg hat es offenbar deutliche Sicherheitslücken gegeben. Die Veranstalter seien von der Einhaltung der vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege befreit worden, berichtet der "Spiegel" unter Berufung auf ein internes Dokument der Duisburger Stadtverwaltung.

Das Magazin zitiert aus einem Schriftstück vom 21. Juli 2010 mit dem Titel "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung", das sich dem Bericht zufolge an die Berliner Lopavent GmbH richtet, den Veranstalter der Loveparade. Daraus gehe hervor, dass ein Sachbearbeiter des Bauamts die Organisatoren von der Vorschrift befreite, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Gleichzeitig hätten die Beamten auf Feuerwehrpläne verzichtet. Der Tunnel zum Veranstaltungsgelände ist nur 20 Meter breit.

Platz nur für 250.000 Menschen zugelassen

Zudem war der Platz laut "Spiegel" nur für 250.000 Menschen zugelassen. Dagegen hatte der Sicherheitsdezernent der Stadt Duisburg, Wolfgang Rabe, am Sonntag auf einer Pressekonferenz behauptet, das Gelände des alten Güterbahnhofs könne "weit über 250.000 bis 300.000 Menschen" aufnehmen.

Unklar blieb, auf welcher Basis die Veranstalter am Samstag vor den Todesfällen von 1,4 Millionen Besuchern gesprochen hatten - und wie Stadt und Veranstalter auf die Idee kommen konnte, dass das Gelände groß genug war. Loveparade-Organisator Rainer Schaller hatte schließlich schon im Vorfeld gesagt, man erwarte "weit über eine Million" Menschen.

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Nach einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers" hatten Polizei und Feuerwehr schon vor Monaten Vorbehalte gegen das Sicherheitskonzept geäußert.

Anzeige gegen Sauerland

Im Mittelpunkt der Kritik steht die Duisburger Stadtführung um Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Bochums früherer Polizeipräsident Thomas Wenner will Sauerland anzeigen. Der "Bild"-Zeitung sagte Wenner: "Ich zeige den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, die leitenden Beamten der Stadt und die Veranstalter an." Eine solche Veranstaltung sei in Duisburg nie realisierbar gewesen. Wenner hatte 2009 als amtierender Polizeipräsident die für Bochum geplante Loveparade abgesagt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits wegen fahrlässiger Tötung. Die Ermittlungen richten sich gegen Unbekannt, sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp. Das Sicherheitskonzept der Veranstalter und der Stadt Duisburg sei noch am Wochenende beschlagnahmt worden.

Im Rahmen ihres Ermittlungsverfahrens beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft bereits Unterlagen bei der Stadt. Die Verantwortlichen der Stadt – Oberbürgermeister Sauerland und Dezernent Rabe – sowie Veranstalter Schaller waren bei einer Pressekonferenz im Duisburger Rathaus mit Verweis auf die Ermittlungen vielen Fragen ausgewichen.

"Kein Unglück, sondern ein Verbrechen"

Deutschlands führender Konzertveranstalter, Marek Lieberberg, erhob schwere Vorwürfe gegen die Veranstalter. "Befruchtet haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der Veranstalter, auf beiden Seiten gut gedüngt durch totalen Amateurismus. Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen", sagte Lieberberg der "Süddeutschen Zeitung".

Das Bauamt der Stadt Duisburg soll die Organisatoren von der Vorschrift befreit haben, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen.
Das Bauamt der Stadt Duisburg soll die Organisatoren von der Vorschrift befreit haben, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen.(Foto: dpa)

Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, warf Stadt und Veranstaltern Versagen vor. "Ich kenne diese Veranstaltung zum Beispiel aus Berlin und weiß, dass dort völlig andere geographische Verhältnisse sind", sagte der gebürtige Duisburger bei n-tv. "Ich habe es für unmöglich gehalten. Duisburg ist viel zu eng bebaut, als dass man eine solche Veranstaltung mit einem Millionenpublikum durchführen kann. Ich glaube, die Stadt hat sich da verhoben, der Veranstalter hat sich vor allen Dingen verhoben."

11 Frauen und 8 Männer

Am Rande der Loveparade waren 19 Menschen ums Leben gekommen. Die Toten waren zwischen 18 und 38 Jahre alt, 11 Frauen und 8 Männer. Am Tag nach der Katastrophe legten Trauernde am Tunnel zum ehemaligen Güterbahnhof Blumen nieder und zündeten Grabkerzen an.

Das Unglück ereignete sich am Samstag kurz nach 17 Uhr an einem überfüllten Tunnel, dem zentralen Zugang zu dem Partygelände am alten Duisburger Güterbahnhof. Der genaue Ablauf des Unglücks ist bislang unklar. Duisburgs amtierender Polizeichef Detlef von Schmeling räumte ein, dass der Tunnel bis 16 Uhr der einzige Zu- und Abgang zum Gelände war.

Die nordrhein-westfälische Polizei richtete ein Betreuungsangebot für Teilnehmer ein, die Schwierigkeiten haben, die Ereignisse zu verarbeiten. Wie die Polizei Essen mitteilte, können sich Menschen, die aufgrund ihrer Erlebnisse auf der Loveparade ein persönliches Betreuungsangebot in Anspruch nehmen möchten, rund um die Uhr telefonisch unter 0201/82 98 091 melden oder eine Mail an die Adresse Betreuungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de schicken.

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Quelle: n-tv.de

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