Panorama
Wie soll unsere Gesellschaft mit Alter, Krankheit und Tod umgehen, was ist gar menschenwürdiges Sterben? Das Thema Sterbehilfe spaltet die Politik.
Wie soll unsere Gesellschaft mit Alter, Krankheit und Tod umgehen, was ist gar menschenwürdiges Sterben? Das Thema Sterbehilfe spaltet die Politik.

Die Frage nach Leben und Tod: Sterbehilfe - wenn ja, wie viel?

Von Diana Sierpinski

Darf man einem Menschen dabei helfen, sich umzubringen? Kaum ein Thema, über das so emotional gestritten wird wie die Sterbehilfe. In Deutschland ist die Beihilfe zum Suizid nicht strafbar. Noch nicht. Der Bundestag könnte das ändern.

"Ich will nicht mehr leben!" Wer in die leeren Augen von Edit Lehmann blickt, weiß, dass sie diesen Satz nicht zum ersten Mal ausgesprochen hat. Es ist, als bündelten diese matten Augen das Leid dieser Welt. Angst, Kraftlosigkeit, Leere und Tod. Frau Lehmann, die in einem Berliner Mietshaus zu Hause ist, leidet an schwerem Rheuma und an fortschreitender Demenz. Sie ist bettlägerig und wird von ihrer Tochter und einem Hauspflegedienst betreut.

Sterbehilfe

Aktive Sterbehilfe
Sie ist in Deutschland strafbar. Wer jemanden auf dessen Wunsch tötet, wird wegen Tötung auf Verlangen mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft.

Passive Sterbehilfe
Gemeint ist der Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen. Laut Bundesgerichtshof dürfen Ärzte die Maßnahmen auch dann abbrechen, wenn der Patient noch nicht kurz vor dem Tod steht. Sie müssen sie abbrechen, wenn der Patient das will.

Indirekte Sterbehilfe
Die Verabreichung starker Schmerzmittel, die durch ihre Wirkung auf geschwächte Organe das Leben verkürzen können, ist nicht strafbar - wenn dies dem Willen eines extrem leidenden, sterbenden Menschen entspricht.

Beihilfe zum Suizid
Suizid und Beihilfe zum Suizid sind nicht strafbar. Das heißt, ein Mittel zur Selbsttötung bereitzustellen, dass der Betroffene selbst einnimmt, ist erlaubt.

An den meisten Tagen der Woche sind ihre Schmerzen so stark, dass sie sich in ihrer Verzweiflung am liebsten vom Balkon hinunterstürzen würde. Viel lieber aber würde sie in die Schweiz fahren und sich beim Sterben helfen lassen. Aber auch das kann die 86-Jährige nicht mehr alleine. Und ihre Tochter bringt es nicht übers Herz, sie ziehen zu lassen.

Wenn ein Mensch wie Frau Lehmann so sehr leidet, dass er sich den Tod wünscht, stürzt das nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Angehörigen in ethische Konflikte. Denn Sterbehilfe dieser Art ist in Deutschland noch verboten. Wer von einem Arzt begleitet in den Tod gehen will, muss in die Schweiz oder nach Belgien reisen. Aber auch dieser letzte "Notausgang" könnte bald strafbar werden. Der Bundestag soll an diesem Freitag Rechtsgeschichte schreiben. Ohne Fraktionszwang entscheidet das Parlament, ob und wie die Beihilfe zum Suizid gesetzlich geregelt wird.

Die Warnung eines Toten

"Man kann vom Staat nicht gezwungen werden, gegen seinen Willen weiterzuleben", plädierte Wolfgang Kramer in seinem Abschiedsbrief, bevor er sich im September in einer Schweizer Sterbehilfe-Klinik das Leben nahm. Kramer war jahrelang CDU-Mitglied, erhielt das Bundesverdienstkreuz und appellierte an die Abgeordneten, nicht für ein Verbot der Sterbehilfe zu stimmen.

Er beginnt den Brief, den die Gesellschaft für Humanes Sterben veröffentlichte, mit den Worten: "Das ist der Brief eines Menschen, der auf ein langes Leben zurückblicken kann ... Ich wähle den Freitod, weil ich eine Spinalkanalverengung an vier Halswirbeln habe und allmählich in die Lähmung hineinwachse. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal, glaube aber zu wissen, dass ich sehr unglücklich werde, wenn ich nicht bald Schluss mache."

Kramer stellte in seinem bewegenden Schreiben weiter klar: "Das Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende ergibt sich aus dem Grundgesetz und den Allgemeinen Menschenrechten." Und an diesem Recht dürfe der Gesetzgeber nicht rütteln.

Deutsche wollen selbst über Tod bestimmen

Derzeit sieht die Rechtslage in Deutschland so aus: Verboten ist die aktive Sterbehilfe, also die Tötung auf Verlangen. Erlaubt ist hingegen, einen schwerstkranken Menschen sterben zu lassen, indem man lebenserhaltene Maßnahmen abbricht, die sogenannte passive Sterbehilfe. An beidem soll sich auch in Zukunft nichts ändern.

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Erlaubt ist auch die Beihilfe zum Suizid. Bislang ist es nicht verboten, einen Menschen, der sterben will, dabei zu unterstützen. Vorausgesetzt, der Sterbewillige tut das aus eigenem Antrieb. Vielen Abgeordneten ist die geltende Rechtslage ein Dorn im Auge, weil so zum Beispiel Sterbehilfevereine entstehen konnten. Andere hingegen wünschen sich mehr Hilfe für schwerstkranke Menschen, die ihr Leben beenden wollen.

Wie die Abstimmung im Bundestag ausgeht, ist völlig offen. In den letzten Tagen vor der Abstimmung wurde der Ton zunehmend rauer. Die größten Aussichten auf die Mehrheit hat die Gruppe um Brand/Griese, die ihren Entwurf als Mittelweg zwischen einem Totalverbot und einer weiteren Liberalisierung sehen. Danach soll mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden, "wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt".

Kramer sieht im Brand/Griese-Entwurf jedoch keineswegs die "Mitte, sondern Mittelalter", wie er schreibt. Eine "Mitte" in Form eines Kompromisses kann Kramer bei dem Verbotsplan nur als Kompromiss mit Rückschrittlichen erkennen: "Vor der Verabschiedung eines Gesetzes mit einem möglichen Verbot des von mir benutzten 'Notausgangs Schweiz' möchte ich den Deutschen Bundestag warnen, falsche Kompromisse mit Fundamentalisten zu schließen – auch dann, wenn diese Fundamentalisten aus meiner eigenen Partei CDU/CSU kommen."

Eine Mehrheit der Bundesbürger sieht das offensichtlich genauso wie Kramer. Mehr als 80 Prozent der Deutschen sind einer aktuellen Umfrage zufolge der Meinung, dass man selbst bestimmen sollte, wie und wann man sterben soll. Dazu gehört auch Frau Lehmann. Sie hofft, dass die Beihilfe zum Suizid auch weiterhin straffrei bleibt. Auch deshalb weil sie den Tag nahen sieht, an dem ihre Tochter sie gehen lassen wird.

Quelle: n-tv.de

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