Panorama
Auf 100 Mädchen kamen in Vietnam 2009 etwa 111 Jungen.
Auf 100 Mädchen kamen in Vietnam 2009 etwa 111 Jungen.(Foto: dpa)

Mangelware Mädchen: Vietnam will nur Söhne

Auf einer Wiese in einem Park mitten in Hanoi stehen etwa 20 Vierjährige und kichern und verrenken sich. Der Turnlehrer macht die Übungen vor: Dehnen, Hüpfen, Rennen. Die Kinder haben einen Riesenspaß. Doch eins fällt auf, als sie sich in Zweierreihen aufstellen: Es sind 13 Jungen, nur sieben sind Mädchen.

"Eltern wollen lieber Jungen", sagt die Kindergärtnerin. Sie ist selbst im sechsten Monat schwanger. "Es wird ein Junge. Ich bin sehr glücklich." Ihre Kollegin ist ein Jahr älter und hat eine Tochter. "Ich wusste es vor der Geburt, aber das ist in Ordnung", sagt sie. "Aber wenn das zweite auch ein Mädchen würde, würde ich abtreiben."

Der UN-Bevölkerungsfonds (UNFPR) hat inzwischen Alarm geschlagen: Sexuelle Ausbeutung, Prostitution, Menschenhandel und Gewalt aus Frustration können die Folge des Frauenmangels sein, warnt die Organisation. "Wenn der Trend anhält, könnte das ein ernstes gesellschaftliches Problem werden", sagt ihr Vertreter Bruce Campbell in Hanoi.

Eine Frau teilen?

Jungen gelten als Stammhalter und sollen die Ahnenaltäre pflegen.
Jungen gelten als Stammhalter und sollen die Ahnenaltäre pflegen.(Foto: dpa)

Vietnam ist das Land, in dem der Anteil der Jungen unter den Neugeborenen so rasant wächst wie in keinem anderen Land der Welt. Etwa 105 Jungen pro 100 Mädchen - das ist statistisch normal. Gerade hat das Statistikamt die neuesten Zahlen für 2009 herausgebracht: 111 Jungen werden inzwischen pro 100 Mädchen geboren. In einzelnen Distrikten sind es sogar bis zu 120. Ultraschall während der Schwangerschaft zur Geschlechtsbestimmung ist ein Riesengeschäft. Weibliche Föten werden oft abgetrieben.

Luu Hien Chien ist Vater zweier Töchter. Er bringt Khan an diesem Morgen zum Kindergarten "Nummer Neun" in der Ly Thuong Kiet-Straße. "Ich behandele die beiden fair und gut", sagt Luu. "Aber im Herzen weiß ich: Ich hätte lieber einen Sohn gehabt." Warum? Der Druck, sagt Luu, kommt vor allem von seinen Eltern. Jungen seien Stammhalter, kümmerten sich im Alter um die Eltern und um die Altäre zur Huldigung der Ahnen. "Wir haben Glück und leben nicht bei meinen Eltern, deshalb ist der Druck nicht ganz so groß."

Vor dem Kindergarten "B" an der Ohan Chu Trinh-Straße steht Nguyen Ngoc Diep. Sie hat zwei Söhne im Alter von drei und sechs Jahren. "Meine Familie ist zufrieden", sagt die Japanischlehrerin. Ihr macht die Zukunft aber Angst: "Ich habe die Sorge, dass sie keine Frauen finden. Vielleicht müssen sich Männer später eine Ehefrau teilen."

Abtreibung in Hinterhöfen

In Hanois Straßen werden die Dienste der Ultraschallkliniken feilgeboten: "Schwarz-Weiß-Scan: drei US-Dollar, 3D-Scan: acht Dollar" steht auf dem Schild. Ärzten ist es bei Strafe verboten, das Geschlecht der Föten zu nennen. Gegen ein paar Scheine, über den Tisch geschoben, lassen sie sich aber Hinweise wie diese entlocken: "Ein Schmetterling" oder "ein Böcklein", erzählen Eltern.

Abtreibungskliniken sind in vielen Hinterhöfen zu finden. Ein Schild mit einem roten Kreuz und der Aufschrift "Klinik für Frauen" weist den Weg. Eine Abtreibung kostet dort acht Dollar, im Krankenhaus dagegen 20 Dollar. Nach Angaben des UN-Bevölkerungsfonds treibt jede Frau in Vietnam statistisch 2,5-mal ab. Längst nicht alle Eingriffe werden erfasst. Die tatsächliche Zahl dürfte wesentlich höher liegen.

Bestrafung für zwei Töchter

Die Vorliebe für Jungen ist vor allem auf den Dörfern eine alte Tradition. "Wenn bei uns ein Fest ist, darf ich nie am Ehrentisch sitzen, sondern nur bei den Frauen", erzählt ein Vater von zwei Töchtern. "Wenn ich mit früheren Schulkameraden ausgehe, muss ich mehr trinken und mehr zahlen - als Strafe sozusagen."

Campbell vom UN-Bevölkerungsfonds nennt Südkorea als Beispiel, wie das Problem gelöst werden kann. Anfang der 90er Jahre war auch dort das Ungleichgewicht bei den Geschlechtern bei Geburten eklatant. Inzwischen dürfen Mädchen aber den Familiennamen weitertragen, sie können genau wie Jungen erben und dürfen die Ahnenaltäre pflegen. Eine staatliche Pension sichert ältere Menschen ab. "All das hat dafür gesorgt, dass die Geschlechterverteilung heute wieder normal ist", sagt er.

Vietnams Regierung arbeitet daran, die Einstellung zu Frauen und ihr Image in der Gesellschaft zu ändern: "Seit 2006/2007 ist die Gleichberechtigung Gesetz, und es gibt ein Gesetz gegen häusliche Gewalt", sagt Phuong Mai, die auch beim Bevölkerungsfonds arbeitet. "Es gibt den Vorschlag, Mädchengeburten finanziell zu belohnen." Allerdings geht die kommunistische Regierung nicht gerade mit leuchtendem Beispiel voran: Es gibt nur eine einzige Ministerin, und das Politbüro ist eine reine Männerdomäne.

Quelle: n-tv.de

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