Panorama

Gay Games in KölnWo Männer zum Paartanz antreten

02.08.2010, 17:55 Uhr
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Willkommen bei den Gay Games: Teilnehmer der Eröffnungszeremonie. (Foto: dpa)

Bei den Gay Games messen sich die überwiegend homosexuellen Teilnehmer in 35 Disziplinen - vom gleichgeschlechtlichen Paartanz bis zum Bodybuilding.

Seit dem Wochenende finden in Köln die "Gay Games" statt. Die überwiegend homosexuellen Teilnehmer messen sich in 35 Disziplinen - vom gleichgeschlechtlichen Paartanz bis zum Bodybuilding. n-tv.de ging im Interview mit Gay-Games-Sprecher Thorsten Moeck dem Sinn der Veranstaltung auf den Grund.

n-tv.de: Seit dem Wochenende laufen die Gay Games in Köln. Der Durchschnitts-Hetero fragt sich: Wozu braucht es die?

Thorsten Moeck: Die Gay Games sind vor allem für die knapp 10.0000 Teilnehmer sehr wichtig. Wir haben viele Teilnehmer aus Osteuropa, teilweise auch aus Afrika. Insgesamt sind hier in Köln 70 Nationen vertreten, unter anderem auch aus Ländern, in denen es nicht so einfach wie in Westeuropa oder Deutschland ist, homosexuell zu sein.

Was meinen Sie damit?

Es gibt immer noch Länder, in denen Homosexualität verboten oder, vor allem in Afrika, sogar mit der Todesstrafe belegt ist. Erst Anfang des Jahres wurde etwa in Malawi ein homosexuelles Paar zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Es gibt Länder, in denen es Berufsverbote für Homosexuelle gibt, aber auch ganz alltägliche Diskriminierungen, sei es am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit.

Treten deshalb sogar einige der Teilnehmer bei den Gay Games anonym an?

Ja, diese Teilnehmer haben Angst vor Bestrafung oder Diskriminierung bei der Rückkehr in ihre Heimat. Hier in Köln erleben sie hingegen eine Woche lang ein Freiheitsgefühl, das sie von zu Hause nicht kennen. Hier können sie ihren Sport genießen. Und hier können sie es genießen, Menschen zu treffen, die einen ähnlichen Erfahrungshintergrund haben wie sie selbst.

Sind die Gay Games also eher eine Demonstration für die Rechte der Homosexuellen als eine Sportveranstaltung?

Sie sind beides. Und sie sind auch eine Kulturveranstaltung. So gehören zu ihnen etwa auch ein Chorfestival, ein Bandfestival und Kunstausstellungen. In erster Linie geht es darum, dass jeder mitmachen darf und niemand ausgegrenzt wird. Die Gay Games sollen ein Zeichen für Toleranz sein, gegenüber allen Menschen, egal, welche sexuelle Neigung sie nun einmal haben.

Bleiben wir mal beim Sport: Inwiefern gibt es denn hier normalerweise Intoleranz oder gar Diskriminierung?

Sport wird ja doch ganz oft als Kampf oder körperliche Auseinandersetzung gesehen. Es gibt nicht wenige Sportarten, die sehr "testosteron-geschwängert" ankommen. Da geht es darum, ein "echter Kerl" oder "harte Männer" zu sein. Das passt in der Vorstellung vieler Menschen einfach nicht zum Schwulsein. Schwul steht oft immer noch für weich. Bei den Gay Games haben jedoch alle Zuschauer Gelegenheit, sich vom Gegenteil zu überzeugen. Hier wird richtig guter Sport auf gutem Niveau geboten.

Sie haben die Diskriminierung Homosexueller im Ausland angesprochen. Wie ist denn die Akzeptanz der Gay Games in Köln?

Wirklich sehr groß. Wir sind vom Zuspruch der Kölner bei der Eröffnungsfeier und von dem, was im Kölner Stadtzentrum los ist, absolut überwältigt. Im Zentrum gibt es zwei Begegnungsstätten mit Bühnenprogramm und Ständen, an denen ein reger Austausch der Kölnerinnen und Kölner mit den Teilnehmern aus den 70 Nationen stattfindet. Das wird wirklich sehr positiv angenommen. Darüber sind wir sehr froh.

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Erst Pfiffe, dann Beifall: Guido Westerwelle (r) mit seinem Lebenspartner Michael Mronz. (Foto: dpa)

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle, selbst bekennender Homosexueller, hat als Schirmherr die Veranstaltung am Samstag eröffnet. Wie wichtig ist die politische Unterstützung?

Wir sind sehr froh und stolz darauf, dass wir Guido Westerwelle als Schirmherr gewinnen konnten. Er ist der bisher ranghöchste Politiker, der je die Schirmherrschaft über die Gay Games übernommen hat. Auch seine Eröffnungsrede war aus unserer Sicht phänomenal. Er hat es mit dem, was er über die Rechte von Schwulen und Lesben gesagt hat, geschafft, die Menschen zu begeistern. Da gab es anschließend stehende Ovationen von den Zuschauern, die am Anfang doch eher ein bisschen skeptisch waren. Da waren auch ein paar Pfiffe dabei.

Die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung der Veranstaltung sehen Sie nicht?

Nein. Wir haben das von vornherein losgelöst von politischen Inhalten oder der Innenpolitik gesehen. Und darauf, wie das Stimmungsbarometer in der Bevölkerung ist, haben wir keinen Einfluss. Wir hatten die Schirmherrschaft mit Guido Westerwelle schon lange abgesprochen. Und nochmal: Wir sind sehr froh, dass wir ihn für die Veranstaltung gewinnen konnten.

Den ernsthaften Anliegen der Gay Games stehen eher skurril und lustig anmutende Bilder von Männern mit Baströckchen und Kopftüchern gegenüber. Wie groß ist der Spaßfaktor der Veranstaltung?

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Zeigt her Eure Hüte ...: Besucher der Gay Games. (Foto: dpa)

Der ist sehr groß. Die Gay Games sind, wenn man den sportlichen Teil nimmt, eine Breitensportveranstaltung. Das heißt, niemand muss sich durch besondere Leistungen für sie qualifizieren. Wir haben verschiedene Altersklassen. Der älteste Teilnehmer ist 92 Jahre alt, kommt aus den USA und nimmt beim Bodybuilding teil. Stimmt, es sind durchaus skurrile Gestalten dabei. Trotzdem haben wir in jeder Sportart auch eine Spitze von fünf bis zehn Prozent der Teilnehmer, die das sehr ernsthaft betreiben und vier bis fünfmal die Woche trainieren. Das sieht man hier etwa in der Leichtathletik, bei der 100-Meter-Zeiten um die 11 Sekunden und teils darunter gelaufen werden.

2012 finden die Olympischen Sommerspiele in London statt. Werden wir da Athleten der Gay Games wiedersehen?

Wenn sie sich bis dahin noch weiter steigern … vielleicht.

Anders gefragt: Muss es aus Ihrer Sicht nicht langfristig darum gehen, eine Spezialveranstaltung für Schwule und Lesben wie die Gay Games überflüssig zu machen?

Nun ja, von einer Spezialveranstaltung würde ich gar nicht sprechen wollen. Knapp zehn Prozent der Teilnehmer sind ja auch Heterosexuelle. Die Gay Games sind trotz des Namens also keine reine Lesben- oder Schwulenveranstaltung. Und viele kommen ja nicht hier her, weil sie unbedingt gewinnen wollen, sondern weil sie einfach Spaß an ihrem Sport haben.

Sie erwarten also nicht, dass es demnächst Paartanz mit zwei Männern bei den Olympischen Spielen geben wird?

Oh nein, davon ist derzeit nicht auszugehen.

Mit Thorsten Moeck sprach Volker Probst