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Hier werden die Gäste auf den British Virgin Islands willkommen geheißen. (Foto: go2bob)
Hier werden die Gäste auf den British Virgin Islands willkommen geheißen. (Foto: go2bob)(Foto: dpa)

Steuerflucht in enormem Umfang : 100.000 Deutsche nutzen Oasen

Die Zahl der Personen, die von Deutschland aus Steueroasen in der aller Welt nutzen, ist offenbar weit höher als bislang angenommen. Mindestens 100.000 Personen sollen hierzulande vom aktuellen Steueroasen-Leck betroffen sein. Die Bundesregierung will nun offensiver gegen die internationalen "Steuervermeider" vorgehen.

Die Zahl der Nutzer internationaler Steueroasen in Deutschland soll deutlich höher sein als bislang bekannt. Nach einem "Focus"-Bericht sind mindestens 100.000 Personen hierzulande vom aktuellen Steueroasen-Leck betroffen - darunter deutsche Rentner und Millionäre, aber auch russische und arabische Geschäftsleute, die in Deutschland leben oder Firmen betreiben.

Blick auf einen Strand auf den British Virgin Islands. (Foto: Jost Van Dyke)
Blick auf einen Strand auf den British Virgin Islands. (Foto: Jost Van Dyke)(Foto: dpa)

Medien aus 46 Ländern hatten am Donnerstag zeitgleich vertrauliche Daten aus weltweit zehn Steuerparadiesen veröffentlicht. Aufgelistet werden darin 130.000 mutmaßliche Steuerflüchtlinge aus mehr als 170 Ländern, die ihr Geld vor dem Fiskus versteckt haben sollen. Inwieweit die Steuerflüchtlinge strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden können, ist bislang fraglich.

"Focus" beruft sich auf neue Daten von einer 2,5-Zoll-Festplatte, die dem Blatt zugespielt wurde. Die Daten umfassten 260 Millionen Ein- und Auszahlungen auf Steueroasen-Konten sowie Anfragen über Kontenstände oder Kundenberatungen. Das Magazin teilte weiter mit, man habe die neuen Daten von einem Kölner Computerexperten, der früher im Bankenwesen tätig war, prüfen und entschlüsseln lassen.

Redaktionen halten dicht

Zuvor hatten sich die deutschen Medien darauf verständigt, den Steuerbehörden die ihnen zugespielten Unterlagen nicht zu überlassen. "Das Redaktionsgeheimnis ist die Grundlage für solche Recherchen", sagte beispielsweise der Innenpolitik-Chef der "Süddeutschen Zeitung", Heribert Prantl. Die zuständigen Behörden hätten genügend eigene Möglichkeiten zur Ermittlung von Steuersündern. Auch ein Sprecher des Norddeutschen Rundfunks sagte, es würden grundsätzlich keine Rechercheergebnisse weitergegeben. Zudem befänden sich die Daten in der Obhut des Internationalen Netzwerk für Investigativen Journalismus (ICIJ) in den USA, dem die Daten anonym zugespielt worden waren.

Feldzug nützt den Steueroasen

Der Kampf gegen Steueroasen ist nach Einschätzung von Finanzwissenschaftlern nahezu aussichtslos. Denn mit jeder ausgetrockneten Steueroase "wird das Geschäft der verbleibenden Steueroasen immer lukrativer", erklärte das Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen. Nach den Forschungen von Professor Kai Konrad und May Elsayyad täuschten die Anfangserfolge der Entwicklungsorganisation OECD im Kampf gegen Steuerparadiese deshalb.

"Das Geschäft mit denen, die Steuern vermeiden oder hinterziehen wollen, bleibt erhalten. Aber zur Freude der verbleibenden Steueroasen erhalten diese einen erheblich größeren Anteil an den Erträgen, die vor der Steuer versteckt werden sollen", erklärten die Max-Planck-Forscher. Die verbleibenden Steueroasen zur Aufgabe zu bewegen, werde dann fast unmöglich. Aussichtsreicher als die jetzige Politik wäre es laut Konrad und Elsayyad, wenn "die OECD in einem Aufwasch multilaterale Abkommen mit allen Steueroasen schließt".

Genau das will die Bundesregierung jetzt machen. Das Finanzministerium wird nach "Focus"-Informationen auf einer Tagung der OECD Ende Juni darauf dringen, Maßnahmen gegen die "Gewinnkürzungen und Gewinnverlagerungen" multinationaler Konzerne zu ergreifen. Beamte des Ministeriums fürchteten jedoch, dass sich einige Maßnahmen innerhalb der Europäischen Union (EU) nicht durchsetzen lassen.

Quelle: n-tv.de

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