Politik
Dieses Bild zeigt Schalit im Alter von 19 Jahren.
Dieses Bild zeigt Schalit im Alter von 19 Jahren.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Gilad Schalit: 25 Jahre alt, 5 Jahre in Geiselhaft

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Weder internationaler Druck noch Geheimverhandlungen unter deutscher Vermittlung haben die Hamas dazu bewegen können, den israelischen Soldaten Gilad Schalit freizulassen. Denn für die Hamas ist Schalit eine Lebensversicherung. Am Sonntag wird er 25 Jahre alt.

Die Bemühungen, den vor fünf Jahren nach Rafah in den Gazastreifen verschleppten israelischen Corporal Gilad Schalit aus der Geiselhaft zu befreien, sind erneut ins Stocken geraten. Gut informierte Kreise ließen durchblicken, dass Israel den jüngsten Kompromissvorschlag des deutschen Vermittlers Gerhard Konrad vom BND akzeptiert hat, während die Hamas neue Forderungen gestellt haben soll. Die Hamas verlangt die Freilassung von über tausend palästinensischen Gefangenen. Auf der Liste stehen die Namen der schlimmsten Massenmörder der Zweiten Intifada. Die neuen Forderungen hätten die Bemühungen in eine Sackgasse geführt.

An dieser Stelle wurde Schalit gefangen genommen.
An dieser Stelle wurde Schalit gefangen genommen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Kein anderes Land reagiert so empfindlich und rabiat, sowie ein Soldat lebendig in Feindeshand gerät. Der 1982 über Libanon abgestürzte und lebendig gefangen genommene Phantom-Navigator Ron Arad war jahrelang höchste Priorität israelischer Politiker.

Nach der Geiselnahme des Soldaten Nachschon Waxman in Ramallah 1994 startete das Militär eine waghalsige Befreiungsaktion. Die endete mit dem Tod Waxmans und der Geiselnehmer. Der Fehler: Die Befreier wussten nichts von Vorhängeschlössern an der Tür. Die Verzögerung um wenige Sekunden kostete Waxman das Leben. Heute wagt niemand, die Verantwortung für eine gewaltsame Befreiung von Schalit zu übernehmen, weil es keine Erfolgsgarantie gibt.

Am 12. Juli 2006 überfiel die Hisbollah im Libanon eine israelische Grenzpatrouille. Mehrere Soldaten wurden getötet, aber zwei wurden in den Libanon verschleppt: Eldad Regev und Ehud Goldwasser. Mit deutscher Vermittlung kam ein Gefangenenaustausch zustande. Doch anstelle der beiden Soldaten, wurden zwei schwarze Särge auf den Asphalt bei dem Grenzübergang Ras el Nakura gestellt.

Für die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert war die Entführung eine Kriegserklärung der Hisbollah. So begann der "Zweite Libanonkrieg".

Plakat vor dem Pariser Rathaus im Juni 2011.
Plakat vor dem Pariser Rathaus im Juni 2011.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Hisbollah hatte die Entführung geplant, wegen Israels Überreaktion auf die Geiselnahme des Soldaten Gilad Schalit durch die Hamas drei Wochen zuvor.

Der israelische Reflex geht auf das mittelalterliche Prinzip zurück, für das Leben eines gefangenen Juden "ein ganzes Weltreich" zu zahlen. Die hohe Motivation und Kampfmoral israelischer Soldaten wird heute auch mit deren Gewissheit erklärt, dass der Staat Israel alles in seinen Kräften tun würde, sie freizukaufen, falls sie in Gefangenschaft geraten. Dazu gehört auch, ihre Leichen einem jüdischen Begräbnis zukommen zu lassen.

Gilad Schalit, am 28. August 1986 in Naharia nahe der Grenze zum Libanon geboren, diente wie sein älterer Bruder Yoel bei der Panzertruppe. Der schüchterne und stets hilfsbereite Junge liebte Mathematik, Leichtathletik und Basketball. Am 25. Juni 2006 um 05.40 Uhr morgens eröffneten acht bewaffnete Palästinenser das Feuer auf seinen Panzer, wenige hundert Meter vom Länderdreieck Ägypten-Israel-Gazastreifen und Kibbutz Kerem Schalom entfernt. Die Kämpfer des "militärischen Arms" der Hamas-Organisation hatten unbemerkt unter dem Grenzzaun einen Tunnel im Sandboden gegraben und waren auf israelisches Territorium vorgedrungen. Bei dem Überfall wurden mehrere Soldaten verletzt und zwei getötet. Über die redet niemand mehr. Schalit, an der Schulter verletzt, wurde von den Kämpfern jener "Iz A Din el Kassam Brigaden" durch den Tunnel nach Rafah verschleppt. An diesem Sonntag sind es 1890 Tage, die Schalit in Haft sitzt. Die Hamas gewährt ihm keine Besuche des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, wie es das internationale Kriegsrecht laut Genfer Konventionen vorsieht. Schalit durfte drei Briefe und eine Audiobotschaft als Lebenszeichen verschicken. Am 2. Oktober 2009 zahlte Israel in Erwartung eines Gefangenenaustausches den Preis von 20 freigelassenen palästinensischen Gefangenen, um im Tausch ein 2:42 Minuten langes Video von Schalit zu erhalten. Gemäß israelischen Vorgaben musste er eine Tageszeitung in der Hand halten und einige Schritte gehen, um seinen Gesundheitszustand zu dokumentieren. Seitdem existiert kein weiteres Lebenszeichen.

Demonstration für Schalit am 24. Juni 2010 vor dem Kolosseum in Rom.
Demonstration für Schalit am 24. Juni 2010 vor dem Kolosseum in Rom.(Foto: REUTERS)

Für die Israelis ist Gilad Schalit ein Nationalheld. Es gab Solidaritätsmärsche mit Zehntausenden Teilnehmern. Seine Eltern, Noam und Aviva, kampieren auf dem Bürgersteig vor der Residenz des Ministerpräsidenten. Sie setzen Netanjahu unter Druck, "jeden Preis" für die Rettung ihres Sohnes zu zahlen. Zeitungen veröffentlichen Reportagen über Schalits Mitschüler und Mitkämpfer. "Es ist schwer vorstellbar, dass seine Freunde ein normales Leben führen, während er weiterhin in Gefangenschaft sitzt", sagt der 27-jährige Dagan Schocher, Schalits Befehlshaber bei der Panzerbrigade 188. Am Sonntag wollen sie Schalits 25. Geburtstag feiern, den sechsten in Gefangenschaft. Solidaritätskundgebungen wird es auch im Ausland geben, zum Beispiel im nordrhein-westfälischen Siegen.

Gelegentlich demonstrieren auch israelische Terror-Opfer. Eine Freilassung der Massenmörder könnte weiteren Israelis das Leben kosten, argumentieren sie. Aber in Israel ist es nicht populär, Schalits Leben gegen potentielle Tote aufzurechnen.

Schalit hat dank seinem Vater auch einen französischen Pass. Präsident Nicolas Sarkozy bemüht sich persönlich. Der Soldat wurde schon zum Ehrenbürger von Paris und Rom erklärt. Sein Foto hing als Großplakat am Pariser Bürgermeisteramt und am Kolosseum in Rom, um für Solidarität, Mitgefühl zu werben und Druck auf die Hamas auszuüben.

Doch der weltweite öffentliche Druck ist auch Konterproduktiv. Die Hamas schraubt den Preis für ihre Geisel immer höher. Israel ist erpressbar. Für die Hamas ist Schalit Gold wert als Lebensversicherung. Denn solange er sich in Geiselhaft befindet, wagt Israel keinen endgültigen Schlag gegen die Hamas, allein um nur nicht das Leben von Schalit zu gefährden.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen