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Laut Weltbank befindet sich die Welt auf dem Weg in Richtung einer vier Grad wärmeren Welt.
Laut Weltbank befindet sich die Welt auf dem Weg in Richtung einer vier Grad wärmeren Welt.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Zwischen Farce und Tragödie: Absurdes Theater in Doha

Von Hubertus Volmer

Die Voraussetzungen sind gut, dass die Inszenierung der Klimakonferenz in Katars Hauptstadt Doha sich zwischen Farce und Tragödie bewegen wird. Nicht einmal der Gastgeber hat Interesse am Klimaschutz. Die zentrale Frage wird gar nicht verhandelt. Und Obama ist sowieso eine Enttäuschung. Doch halt: Ausgerechnet Schwarz-Gelb lässt hoffen.

Mittlerweile klingt selbst der Bundesumweltminister ziemlich frustriert. "Leider findet Debatte über Klimaschutz kaum noch statt. Alles andere scheint wichtiger", twitterte Peter Altmaier kürzlich.

Und er hat recht mit seinem Frust. Die knapp zweiwöchige Klimakonferenz von Doha, die an diesem Montag startet, ist eine Verschwendung diplomatischer Energien. Von echtem Klimaschutz ist die Welt so weit entfernt wie eh und je. Es gibt viele Gründe, die Hoffnung fahren zu lassen. Es gibt aber auch Grund zur Zuversicht. Zehn Fakten über den anstehenden Klimagipfel:

1. Katar hat kein Interesse am Klimaschutz.

Für Katar ist die Klimakonferenz eine PR-Veranstaltung.
Für Katar ist die Klimakonferenz eine PR-Veranstaltung.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Klimaschützer sind ja einiges gewöhnt, aber das war denn doch ein bisschen stark. Ausgerechnet Katar soll eine Klimakonferenz ausrichten? Mit mehr als 55 Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf und Jahr ist das kleine Emirat im Persischen Golf mit großem Abstand globaler Spitzenreiter. Vor allem aber gehört Katar zu jenen Staaten, die bislang bestens vom Verfeuern fossiler Ressourcen leben: 62 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Katar werden mit dem Verkauf von Öl und Gas erwirtschaftet; Katar ist der größte Exporteur von verflüssigtem Erdgas; Umwelt- oder Klimaschutz sind hier praktisch unbekannt.

In den Augen der heimischen Scheichs ist das natürlich Propaganda. Den CO2-Ausstoß pro Kopf zu berechnen, hält Katars Vizepremier Abdullah bin Hamad al Attiyah für einen "Trick der großen Länder", wie er im vergangenen Juli bei einem Klimagipfel-Vorbereitungstreffen in Berlin sagte. Außerdem sei Erdgas ja klimafreundlicher als Kohle und Öl.

Für Katar ist die Klimakonferenz ein PR-Projekt, das den Status des Landes als global relevante Regionalmacht unterstreichen soll - wie die Fußball-Weltmeisterschaft, die das Land in zehn Jahren ausrichten will, oder - mit einer etwas anderen Zielgruppe - wie der Besuch des Emirs von Katar in Gaza im vergangenen Oktober.

2. Verhandelt wird über Klimaschutz, dabei müsste über die Verteilungsfrage gesprochen werden.

Das Meereis der Arktis in diesem Sommer so stark geschrumpft wie nie zuvor seit Beginn der Satellitenmessungen. Links eine Aufnahme vom 8. Juli, als das grönländische Meereis auf 40 Prozent der Fläche schmilzt. Rechts ein Bild vom 12. Juli - auf ungefähr 97 Prozent der Fläche schmilzt das Eis.
Das Meereis der Arktis in diesem Sommer so stark geschrumpft wie nie zuvor seit Beginn der Satellitenmessungen. Links eine Aufnahme vom 8. Juli, als das grönländische Meereis auf 40 Prozent der Fläche schmilzt. Rechts ein Bild vom 12. Juli - auf ungefähr 97 Prozent der Fläche schmilzt das Eis.(Foto: picture alliance / dpa)

Alles spricht also dafür, dass die Inszenierung der mittlerweile schon 18. Klimakonferenz dem gängigen Muster folgen wird: zähe Verhandlungen, dürftiges Ergebnis, absurdes Theater. Allerdings wäre ein Scheitern dieses Gipfels auch unter der Leitung anderer Gastgeber so sicher wie das Schmelzen des arktischen Meereises. Denn im Zentrum stehen dort gar nicht die Inhalte.

"Auf Klimagipfeln wird nicht über Kompromisse verhandelt, sondern über Formulierungen aus der Abschlusserklärung", sagt Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und ranghöchster Deutscher im Weltklimarat IPCC. Und so wartet die Welt stets vergeblich auf den ganz großen Kompromiss.

Edenhofer betont bereits seit Jahren, dass die Klimagipfel nichts anderes sind als globale Wirtschaftskonferenzen, bei denen es im Kern um Entwicklung und Wohlstand geht - bei denen genau diese Verteilungsfrage jedoch stets konsequent ausgeklammert wird. Aus guten Gründen: Wie etwa soll einem Land wie Katar schmackhaft gemacht werden, dass seine fossilen Ressourcen, bitteschön, zu großen Teilen im Boden bleiben sollen?

3. Fossile Energieträger werden nicht knapp, leider.

Sieht traditionell aus, ist aber erst durch moderne Techniken möglich: Ölförderung in North Dakota
Sieht traditionell aus, ist aber erst durch moderne Techniken möglich: Ölförderung in North Dakota(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Hoffnung auf den großen Kompromiss ist nicht der einzige Irrtum im Umfeld der Klimakonferenzen. Falsch ist auch die Annahme mancher Klimaschützer, die Knappheit der fossilen Energieträger könne dazu führen, dass die Industrieländer auf erneuerbare Energien umsteigen. Die USA sind derzeit dabei, in North Dakota und anderswo Öl aus Schiefergestein zu pressen. In Kanada werden im Tagebau Ölsande gefördert. In Südafrika wird Kohle verflüssigt. Alles eine Frage des Preises: Ist Erdöl teuer genug, werden kostenintensive Fördermethoden wirtschaftlich (und ökologische Bedenken hinten an gestellt).

Weltweit sind noch 15.000 Milliarden Tonnen fossile Rohstoffe im Boden, den weitaus größten Anteil davon macht Kohle aus. "Die Knappheit des 21. Jahrhunderts ist nicht die der fossilen Energieträger, sondern die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre", betont Edenhofer denn auch. Mit anderen Worten: Wir haben genug Öl, Gas und vor allem Kohle, um noch ein bisschen so weiter zu wirtschaften wie bisher. Das Zwei-Grad-Ziel wird dann allerdings nicht zu halten sein.

4. Regierungen haben kein Mitgefühl, sie haben Wahlen.

Nur auf den ersten Blick paradiesisch: Kiribati geht unter.
Nur auf den ersten Blick paradiesisch: Kiribati geht unter.(Foto: picture alliance / dpa)

Für die pazifischen Inselstaaten war selbst das Zwei-Grad-Ziel nie genug. In wenigen Jahrzehnten dürfte Kiribati das erste Land sein, das von seinen Einwohnern infolge des Klimawandels aufgegeben werden muss. Präsident Anote Tong ist bereits auf der Suche nach einer neuen Heimat für die rund 100.000 Kiribatis. 2400 Hektar Land hat er auf den Fidschi-Inseln gekauft.

Doch an Kiribati ist auch das Dilemma zu erkennen, in dem der globale Klimaschutz steckt: Die Wahrheit tut weh, also ignoriert man sie lieber. Nach außen tritt Tong als kämpferischer Anwalt der Opfer des Klimawandels auf: "Die Länder, die es in den vergangenen Jahrzehnten zu Reichtum gebracht haben, haben eine Verpflichtung", sagt er. Nach innen setzt er eher auf Verharmlosung: "Die Leute merken, dass die Lage schwerer wird. Aber ihnen reinen Wein einzuschenken, das würde sie ja nur in Depressionen stürzen."

Bei der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 hatten Tong und andere Vertreter von insgesamt mehr als 40 Inselstaaten für ein 1,5-Grad-Ziel geworben. Heute sagt er: "Regierungen haben kein Mitgefühl, sie haben Wahlen."

5. Beim Klimaschutz war Obama eine Enttäuschung.

Beim Kampf gegen die Erderwärmung hat Obama bislang nicht geliefert.
Beim Kampf gegen die Erderwärmung hat Obama bislang nicht geliefert.(Foto: picture alliance / dpa)

Dieser Mangel an Mitgefühl war zuletzt in den USA zu besichtigen. Mit Blick auf die Innenpolitik war US-Präsident Barack Obama 2008 im Wesentlichen mit drei Zielen angetreten: Er versprach die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung, eine stärkere Regulierung der Banken und wollte die Basis legen für einen nationalen Emissionsrechtehandel. Die Punkte eins und zwei sind erledigt, Punkt drei ist Obama schuldig geblieben.

Im Wahlkampf 2012 kam das Thema Klimawandel praktisch nicht vor, nicht einmal in den drei TV-Debatten - zum ersten Mal übrigens, seit der Nasa-Wissenschaftler James Hansen 1988 vor dem US-Kongress vor den Folgen der Erderwärmung warnte. In seiner Siegesrede sagte Obama zwar, er wolle ein Amerika, "das nicht bedroht wird durch die zerstörerische Kraft eines sich erwärmenden Planeten". Aber selbst wenn er sein Versprechen in den kommenden vier Jahren doch noch einlösen sollte: In Doha werden die USA sicher keine konstruktive Rolle spielen.

6. Nullwachstum ist keine Option.

Smog in Peking.
Smog in Peking.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Auch China hat derzeit andere Sorgen als den Kampf gegen den Klimawandel. Wie andere Schwellenländer ist die Volksrepublik auf ein vergleichsweise starkes Wirtschaftswachstum angewiesen. Doch aus Wachstum folgt nicht nur Wohlstand, sondern auch der Ausstoß von Treibhausgasen: Bislang sind Armutsbekämpfung und Emissionswachstum untrennbar miteinander verbunden.

Nicht nur für die Industriestaaten, stärker noch für Entwicklungs- und Schwellenländer kann Nullwachstum daher keine Option sein. Das Kunststück wird darin bestehen, die Verknüpfung von Armutsbekämpfung und Emissionswachstum zu trennen. Viel Zeit für diese Revolution bleibt nicht. Wegen der erwähnten begrenzten Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre muss die Entkoppelung von Wachstum und Emissionen in den nächsten fünf Jahrzehnten gelingen.

7. Mangel an Wahrheit auch in Europa.

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Europa ist beim Klimaschutz zwar weiter als die USA oder China. Grund zur Selbstzufriedenheit gibt es jedoch nicht. So ist von der CCS-Technologie, dem Verklappen von CO2 im Untergrund, in Europa so gut wie keine Rede mehr. Obwohl das Zwei-Grad-Ziel ohne CCS möglicherweise nicht zu erreichen sein wird. Dabei geht es nicht darum, das Leben von Kohlekraftwerken zu verlängern. Sondern um die Option, der Atmosphäre Treibhausgase zu entziehen.

Statt sich den Realitäten zu stellen, hält Europa lieber an der Fiktion fest, in Doha könne "ein Meilenstein" beschlossen werden. Die Legende des Bundesumweltministeriums beispielsweise lautet so: Kopenhagen war 2009 "ein erster Schritt in die richtige Richtung", im mexikanischen Cancún im Jahr darauf hat die Welt "ihre Handlungsfähigkeit in der internationalen Klimapolitik bewiesen", 2011 dann im südafrikanischen Durban gelang der "Durchbruch".

Man kann es aber auch so sehen: Die freiwilligen Selbstverpflichtungen von Kopenhagen würden die Welt mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Pfad jenseits von 3 Grad führen. Derzeit befindet sich die Welt nach einem aktuellen Bericht für die Weltbank allerdings auf einem Kurs, der schon bis Ende des Jahrhunderts zu einer Erderwärmung von 4 Grad Celsius führen dürfte. Für die Staaten kein Grund zur Hektik: In Durban wurde verabredet, dass bis 2015 ein neues Klimaabkommen ausgehandelt werden soll, 2020 soll es in Kraft treten. Dann wird es auch allerhöchste Zeit.

Ein wirklicher Erfolg war lediglich der Green Climate Fund, der 2010 beschlossen und 2011 ins Leben gerufen wurde. In Doha nun soll dieser Klimafonds mit Zusagen gefüllt werden. Konkret geht es um finanzielle Hilfe für arme Länder bei der Anpassung an den Klimawandel. Möglicherweise wird es hier Fortschritte geben - natürlich im Schneckentempo.

8. Die Hoffnung aufgeben? Noch nicht.

Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht vor allem die Menschen in armen Ländern.
Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht vor allem die Menschen in armen Ländern.(Foto: REUTERS)

"Die Erde hält einen Temperaturanstieg um fünf Grad aus", sagt der Physiker Anders Levermann, Klimaforscher am PIK und einer der Leitautoren für das Kapitel zum Meeresspiegel im nächsten Sachstandsbericht des Weltklimarats, der 2013 erscheinen soll. Es sind die Menschen, ihre Gesellschaften und ihre Infrastrukturen, die einen so starken Anstieg nicht verkraften würden.

Bislang ist die Temperatur seit Beginn der Industrialisierung "nur" um 0,8 Grad gestiegen. Das klingt sehr viel weniger als es ist. Denn noch nie in der Erdgeschichte hat sich die Atmosphäre in so kurzer Zeit so stark erwärmt. Und die 2 Grad sind sehr viel näher als es scheint: Von den 0,8 Grad Erwärmung haben allein 0,6 Grad seit den 1970er Jahren stattgefunden.

"Mein wissenschaftlicher Verstand sagt mir, dass es kaum noch zu erreichen ist, wenn die Wende in Sachen Klimaschutz nicht in den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten gelingt", schreibt der Klimaforscher Mojib Latif vom Kieler Zentrum für Ozeanforschung in der Zeitschrift "zeo2". "Dann müsste der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen zu sinken beginnen. Diese Wende ist nicht in Sicht. Mein Gefühl sagt mir, dass aber doch immer wieder Dinge passieren, die man selbst kurze Zeit vorher nicht für möglich gehalten hatte".

9. Weniger ist manchmal mehr.

Worin könnte also eine Lösung bestehen, die auch dem Verstand Hoffnung gibt? Sicher nicht darin, auf den großen Durchbruch bei einer Klimakonferenz zu warten. Dort verhandeln 194 Staaten. Nur 20 Länder jedoch sind für 80 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Warum setzen nicht diese Länder sich an einen Tisch? Oder, noch besser: Warum verhandeln nicht allein jene Staaten, die überhaupt ein Interesse am Klimaschutz haben?

"Wichtiger als Verhandlungen von 194 Staaten wären Verhandlungen zwischen Staaten und Staatengruppen über eine Verbindung von Emissionshandelssystemen", sagt Klimaökonom Edenhofer. Denn klar ist: Da die fossilen Ressourcen nicht knapp sind, muss der Deponieraum der Atmosphäre künstlich - über Steuern oder Emissionshandelssysteme - verknappt werden. In der EU existiert ein solches (wenn auch verbesserungsfähiges) System bereits, Kalifornien, Australien und Neuseeland haben es gerade eingeführt.

10. Ausgerechnet Schwarz-Gelb macht Hoffnung.

Konkrete Hoffnung jedoch verspricht ausgerechnet ein Projekt der Bundesregierung, das von Bundeskanzlerin Angela Merkel unter dem Druck einer Katastrophe erdacht und von ihrer schwarz-gelben Koalition mit einem teilweise eklatanten Mangel an Begeisterung begleitet wird. "Die deutsche Energiewende ist mindestens so wichtig wie die Klimakonferenz in Doha", sagt Edenhofer. "Die Welt schaut zwar mit einer gewissen Verwunderung auf dieses deutsche Experiment, aber auch mit großem Interesse."

Nach Doha schaut die Welt mit eher geringem Interesse - selbst größere Demonstrationen dürften dort kaum stattfinden. Es wäre ein Fehler, Doha für das Ende des internationalen Klimaschutzes zu halten. Auch das langfristige Ziel eines großen Klimaschutzabkommens ist sicherlich sinnvoll. Sinnlos geworden ist jedoch der gigantische Zirkus, der alljährlich veranstaltet wird.

Quelle: n-tv.de

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