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"Wir steigen auf oder fallen als eine Nation, als ein Volk", sagt Obama.
"Wir steigen auf oder fallen als eine Nation, als ein Volk", sagt Obama.(Foto: dpa)

Politik für die nächsten vier Jahre: Obamas Kampfansage

Von Hubertus Volmer

In seiner Siegesrede sendet Obama Signale der Kompromissbereitschaft an die Republikaner und betont die Gemeinsamkeiten. Wichtiger jedoch sind die roten Linien, die er zieht. Dabei mutet Obama den Republikanern einiges zu: Er erwähnt den Klimawandel, Homosexuelle und Solidarität. Den amerikanischen Traum sieht er deutlich anders als sie.

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Nicht nur Mitt Romney lässt seine Anhänger warten, auch Barack Obama hat es nicht eilig. Als er dann in seiner Heimatstadt Chicago vor die Menge tritt, geht wieder ein Jubel durch die Reihen - wie bereits zweieinhalb Stunden zuvor, gegen 23.20 Uhr Ortszeit, als die Nachrichtensender auf den Bildschirmen im Wahlkampf-Hauptquartier der Demokraten den Sieg Obamas verkünden.

Ein bisschen müde sieht Obama aus - kein Wunder, der Wahlkampf war nicht nur der teuerste in der Geschichte der USA, sondern auch ungewöhnlich hart umkämpft. Die parteiunabhängige Webseite PolitiFact hat nachgezählt: Seit 2007 hat Romney den Wählern 19 krasse Lügen aufgetischt, 7 grobe Unwahrheiten waren es bei Obama. "Pants on fire" nennt PolitiFact diese Behauptungen, die so hanebüchen sind, dass die Buchse des Lügners eigentlich lichterloh brennen müsste.

Doch Wahlabende sind in den USA nicht Momente der Abrechnung, sondern die Zeit für Bekenntnisse: dazu, wie großartig Amerika sei und wie sehr man sich um überparteiliche Zusammenarbeit bemühen werde. Und natürlich, wie sehr man seine Frau liebe. So hat es Romney kurz zuvor gemacht, so macht es auch Obama. "Ich will dies öffentlich sagen: Michelle, ich habe dich nie stärker geliebt als heute."

Zweite Amtszeit, kein zweiter Hund

Seinen Töchtern sagt er, wie stolz er auf sie sei. Das war schon bei seiner Siegesrede vor vier Jahren so. Damals hatte Obama angekündigt, dass Sasha und Malia nach dem Umzug in Weiße Haus den Hund bekommen würden, den sie sich gewünscht hatten. Jetzt sagt er, ein Hund sei "wahrscheinlich genug".

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Die Witze und die zur Schau getragene Lockerheit können nicht überdecken, dass dieser Sieg anders ist als vor vier Jahren. Damals gewann Obama mit der Botschaft von "Hope" und "Change". Die Hoffnung ist geblieben, aber das Ziel ist in weitere Ferne gerückt. "In unseren Herzen wissen wir, dass für die Vereinigten Staaten von Amerika das Beste erst noch kommt", ruft er seinem Publikum zu.

Drei zentrale Botschaften hat Obama in seine Rede gepackt. Die erste: Ja, Politik ist ein schmutziges Geschäft, aber wer sich nicht selbst engagiert, erlaubt den anderen, über sein Schicksal zu bestimmen. "Ich weiß, dass Wahlkämpfe manchmal klein, sogar dumm wirken können", sagt der Präsident. "In einer Nation von 300 Millionen kann Demokratie ein lautes, schmutziges und kompliziertes Geschäft sein. Wir haben alle unsere eigenen Ansichten. ... Und wenn wir durch harte Zeiten gehen, wenn wir als Land große Entscheidungen fällen, dann sorgt dies für Leidenschaften, dann sorgt dies für Kontroversen." Dies werde nach dieser Wahl nicht aufhören, "und das sollte es auch nicht".

"Weil wir dieses Land so lieben"

An die Kontroversen schließt Obama seine zweite Botschaft an: Trotz aller Unterschiede müsse es möglich sein, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Eindringlicher als in amerikanischen Dankesreden üblich appelliert Obama an einen Geist der Zusammenarbeit, zu dem sich vor allem die Republikaner in den vergangenen Jahren nicht haben durchringen können. "Ich freue mich darauf, die Hand auszustrecken und mit den Spitzen beider Parteien zusammenzuarbeiten, um die Herausforderungen anzugehen, die wir nur gemeinsam bewältigen können." Selbst den Wahlkampf stellt Obama als Folge einer Gemeinsamkeit dar: "Wir haben hart gefochten, aber nur, weil wir dieses Land so lieben und uns so um seine Zukunft sorgen." Seine Anhänger stimmt Obama auf Kröten ein, die in den kommenden Jahren zu schlucken sein werden: "Die Feststellung, dass wir die gleichen Hoffnungen und Träume haben, beendet nicht alle Blockaden und löst nicht all unsere Probleme und ersetzt nicht die mühsame Arbeit, Einigungen zu finden und schwierige Kompromisse zu schließen, die wir brauchen, um dieses Land voranzubringen. Aber es ist diese Gemeinsamkeit, bei der wir anfangen müssen."

Die dritte Botschaft ist eine verdeckte Kampfansage an die Republikaner: Der Weg ist hart, doch man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Denn noch immer hat Obama eine Vision. Er erwähnt den Klimawandel - ein Thema, das er im Wahlkampf tunlichst vermieden hat. "Wir wollen, dass unsere Kinder in einem Amerika leben, das nicht von Schulden belastet ist, das nicht von Ungleichheit geschwächt wird, das nicht bedroht wird durch die zerstörerische Kraft eines sich erwärmenden Planeten." Obamas Vision ist die einer Gesellschaft, in der der Staat die Schwachen schützen darf - eine Vision, die von den Republikanern ebenso konsequent abgelehnt wie der Klimawandel von ihnen geleugnet wird. "Wir sind eine amerikanische Familie, und wir steigen auf oder fallen als eine Nation, als ein Volk", sagt Obama.

"Ob schwul oder hetero"

In der Schlussphase des Wahlkampfes hatte Obama in einem Gastbeitrag für CNN geschrieben, es gehe um "zwei fundamental unterschiedliche Visionen davon, was Amerika stark macht". Diese Formulierung benutzt er nun nicht - anders als in Deutschland gilt die fortgesetzte Konfrontation nach einem Wahlsieg in den USA als unpassend.

Doch Obama macht unmissverständlich klar, dass er unbegrenzte, rücksichtslose Freiheit ablehnt: "Die Freiheit, für die so viele Amerikaner gekämpft haben und gestorben sind, bringt nicht nur Rechte mit sich, sondern auch Verantwortungen." Den amerikanischen Traum interpretiert er auf eine Art, die Konservative zusammenzucken lassen dürfte: "Egal, was du bist, ob Schwarzer oder Weißer oder Hispanic oder Asiate oder amerikanischer Ureinwohner oder jung oder alt oder reich oder arm, behindert oder nicht behindert, schwul oder hetero, hier in Amerika kannst du es schaffen, wenn du es versuchst."

Es ist das Motiv, das Obama bereits im Wahlkampf vor vier Jahren strapaziert hatte: Die USA bestünden nicht nur aus blauen (also demokratischen) und roten (also republikanischen) Staaten. "Wir sind, und werden immer sein, die Vereinigten Staaten von Amerika."

Dieser Satz stammt, wie der Hinweis auf das Hündchen für Sasha und Malia, aus Obamas Siegesrede von 2008. Auch jetzt bringt er ihn wieder. In den vergangenen vier Jahren hat die Hoffnung viele Dämpfer bekommen. Aufgegeben hat Obama sie nicht.

Quelle: n-tv.de