Politik
Die AfD wird noch so lange eine Rolle in der Parteienlandschaft spielen, wie der Veränderungsprozess in Deutschland anhält, vermutet Psychologe Kliche.
Die AfD wird noch so lange eine Rolle in der Parteienlandschaft spielen, wie der Veränderungsprozess in Deutschland anhält, vermutet Psychologe Kliche.(Foto: imago/Christian Ditsch)

Warum sind Petry & Co. so stark?: "AfD bietet ein warmes, dickes Gefühlspaket"

Der Alternative für Deutschland gelingt es, Wähler zu mobilisieren, die bislang zu Hause geblieben sind. Vor den Landtagswahlen erklärt Psychologe Thomas Kliche im Interview, was das Erfolgsgeheimnis der Partei ist und wo Unterstützer zuvor ihr Kreuz gemacht haben.

n-tv.de: Die AfD liegt in Umfragen bei 10 Prozent, in manchen Bundesländern sogar bei 15. Warum ist sie so stark?

Thomas Kliche: Die AfD hat vier Wählergruppen, die bis jetzt eher zu Hause geblieben sind und nun Morgenluft wittern. Da sind erstens die klassischen rechtsextremen Arschlochwähler. Wären die mobilisierungsfähig gewesen, hätten sie auch früher schon in jedem deutschen Landtag gesessen. Zweitens: die CDU-Erziehungswähler, denen die CDU zu sozialdemokratisiert und nicht mehr konservativ genug ist. Drittens: allgemein entfremdete Protestwähler, die dem politischen System ihre Abscheu zeigen wollen. Viertens: Verzweiflungswähler, die Auswege aus der Stagnation suchen. Um etwa der Großen Koalition in Sachsen-Anhalt weh zu tun, wählen sie nicht die bestehende Opposition, die wenig Aussichten hat, sondern die AfD.

Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal.(Foto: picture alliance / dpa)

Sie sind Psychologe. Worin besteht das Erfolgsgeheimnis der AfD?

In einem großen, warmen, dicken Gefühlspaket. Die Botschaft lautet: Wir sind toll, die anderen sind Mist. Wir sind das Volk, eine große geschlossene Gruppe, halten zusammen und machen das Richtige, wenn wir andere draußen halten. Das ist eine schön einfache Weltsicht. Sie hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, aber gerade deshalb ist es für Menschen unter dem Gefühlsschock attraktiv, den Deutschland gerade erlebt. Wir stehen vor tiefen Wandlungen, und darauf antworten Menschen aus psychologischer Sicht mit einem breiten Spektrum von Reaktionen: von "wir wollen gar nichts verändern" bis hin zu "wir gehen es proaktiv an und entwickeln Lösungen". Auf Letzteres will Merkel hinaus.

Die AfD appelliert an die Ängste der Menschen. Interessiert sie sich denn auch ernsthaft für die Sorgen der Menschen?

Die AfD spricht keine Ängste an, sondern eher Selbstgefälligkeit, und erteilt eine Hasserlaubnis. Das geht in die Richtung: Weil ich so toll bin, darf ich andere ausgrenzen. Ich bin so, wie man sein soll. Die Ängste sind eher ein Vorwand dafür, diese Aggression äußern zu dürfen.

Was hat der AfD-Wähler gewählt, bevor es die AfD gab?

Zum Teil NPD, überwiegend gar nichts, zum Teil andere Parteien, von denen sie sich Abhilfe versprochen haben. Deswegen zieht die AfD auch aus anderen Parteien Wähler ab, wie der SPD, der Linken, wenige von den Grünen, einige von der CDU.

Was bringt den AfD-Unterstützer denn dazu, diese Partei zu wählen?

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Er ist enttäuscht. Erstens vom politischen Prozess als Ganzes, zweitens davon, dass für ein fundamentales Problem nicht sofort eine fertige Lösung auf dem Tisch liegt. Drittens ist er enttäuscht, dass die Politik Probleme nicht diskutiert, die er in seiner Zukunft sieht. So gibt es zum Beispiel Daten darüber, dass die AfD besonders dort erfolgreich ist, wo es viele unterqualifizierte deutsche junge Männer gibt. Diese Bevölkerungsgruppe fühlt sich abgehängt. Das ist eine klassische Wählerklientel der AfD.

Die AfD ist in den Medien präsenter als die Grünen oder die Linke, die in Umfragen ähnlich stark abschneiden. Schenken Medien der AfD zu viel Aufmerksamkeit?

Ja. Die AfD hat erfolgreich eine Erpressungsstrategie gefahren. Nach dem Motto: Wer nicht über uns berichtet, der ist Lügenpresse. Wer kritisch über uns berichtet, ist auch Lügenpresse. Die Medien machen sich zum Sprachrohr der AfD, wenn sie sich überhaupt auf diese Denkweise einlassen. Statt die unglaublichen Propagandatiraden, Falschmeldungen und Unterstellungen offensiv anzugehen, die bei der AfD eine Rolle spielen, sind die Medien selbst verunsichert.

Welche Fehler haben die etablierten Parteien gemacht?

Merkel hat mit ihrem Vorstoß im Spätsommer einen psychologischen Kontrakt gebrochen, den sie mit ihren Wählern zehn Jahre gepflegt hat. Mehrheiten haben Merkel gewählt, weil alles so schön ruhig war. Die alte Gemütlichkeit bestand darin, dass "Mutti" sich um die Probleme gekümmert hat. Aber auf einmal kommen da Veränderungen und die Zumutung, dass man ganz viel auf den Prüfstand stellen müsste. Das macht viele Menschen wütend.

Welchen Umgang empfehlen Sie den etablierten Parteien, um die AfD loszuwerden oder zumindest zu entzaubern?

Die wird man nicht los. Die AfD wird so lange eine Rolle spielen, wie der Veränderungsprozess in Deutschland und der Lernprozess der Globalisierung laufen werden und wie nicht alle Menschen kapiert haben, dass sie unausweichlich ist. Die Entzauberung tritt über die Zeit durch Personal und Lösungsarmut der AfD ein.

Haben Sie trotzdem einen Tipp für die Parteien?

Die Parteien hätten aus psychologischer Sicht mehr Veränderungskommunikation betreiben müssen. Sie hätten in einer ersten Phase geduldig kommunizieren müssen: Leute, es kann nicht beim Alten bleiben, wir müssen viel verändern, aber wir haben noch keine perfekte Lösung, also lasst uns drüber nachdenken. Dazu gehört auch die Feststellung: Wir haben die Flüchtlinge nicht ins Land gewinkt, weil Frau Merkel eine ethische Eingebung hatte, sondern auch aus knallhart pragmatischen Gründen. Eine zweite Fehlleistung betrifft eine grundsätzliche Aufgabe von Parteien. Wir brauchen tragfähige, solidarische Gesellschaftsentwürfe für die nächsten 10 oder 20 Jahre. So was haben sich die Parteien seit Jahren abgewöhnt. Da müssen sie wieder ran.

Mit Thomas Kliche sprachen Christian Rothenberg, Kira Pieper und Juliane Kipper.

Quelle: n-tv.de

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