Politik
Video

"Pinocchio musste auch lernen" : AfD versucht es noch einmal mit der Presse

Von Christoph Herwartz, Hannover

Mit Geduld, Nachsicht und Humor nähert sich AfD-Chefin Frauke Petry den Journalisten, die über sie schreiben. Den Wettbewerb um die längste Holznase gewinnt sie trotzdem.

Frauke Petrys Versuch eines Neustarts beginnt am Freitagabend im Hotel Adlon. Im schulterfreien Kleid taucht sie beim Bundespresseball auf, den die Hauptstadtjournalisten einmal pro Jahr veranstalten. Zufällig findet er am Abend vor dem AfD-Bundesparteitag statt. Die AfD-Sprecherin lässt sich von ihrem Lebensgefährten, dem NRW-Landessprecher Marcus Pretzell begleiten. Was wollen sie bei den Journalisten, die doch nur Schlechtes über die AfD schreiben, wohinter viele in der AfD eine Verschwörung vermuten? Einen "Kniefall vor dem ansonsten doch so verhassten System", kommentiert die "Welt".

Da scheint etwas dran zu sein. Zumindest will Petry über das Verhältnis der Medien zur AfD reden. Ja, es ärgere sie, wenn der AfD Etiketten angehängt würden, die nicht stimmten, sagt sie am Samstagmorgen auf dem Parteitag. Der Begriff "rechtspopulistisch" ist so ein Etikett. Politikwissenschaftler und Journalisten bezeichnen die AfD so, tendieren teilweise sogar zu "rechtsextrem" oder "rechtsradikal" – zum Beispiel Vizekanzler Sigmar Gabriel: "Sie pflegen die Sprache der NSDAP", sagte er kürzlich bei RTL über die AfD-Mitglieder.

Von der Sprache der NSDAP ist in Petrys Rede nichts zu hören. Stattdessen versucht sie, ein Klischee umzubiegen: Den Begriff "Lügenpresse" verwendeten führende AfD-Vertreter aus dem Bundes- und den Landesverbänden höchstens "sehr sparsam". Offensichtlich hat sie den Journalisten auf dem Presseball gut zugehört: "Ich kann verstehen, dass sie von solchen Vokabeln berührt sind", sagt sie. Aber man müsse sich auch einmal in die Rolle der AfD-Politiker versetzen: Ständig würden sie mit Diffamierungen belegt, die nicht zutreffen.

Auch Pinocchio ließ sich belehren

Petry hat die AfD radikal verändert. Aus der Anti-Euro-Partei des Bernd Lucke machte sie ein Forum, in dem jeder praktisch tun und lassen kann, was er möchte. Die AfD tritt in Baden-Württemberg noch immer als Professorenpartei auf, in Thüringen wiegelt der Landesvorsitzende Björn Höcke Tausende mit völkischen Parolen auf. Kritik aus dem Bundesvorstand gibt es allenfalls am Stil.

Seit der Entmachtung Luckes sind sich die Medien darum relativ einig: Die AfD schürt Ängste und Hass und trägt ein Gedankengut in die Bevölkerung, das zu Spaltung und Gewalt führen kann. Petry wehrt sich gegen diese Vorwürfe: "Ich möchte darum werben, dass wir in beide Richtungen miteinander gelassener umgehen", sagt sie. Die AfD nerve manchmal und sei unbequem, doch es brauche eben eine mutige Opposition, damit der "Einheitsbrei" der Parteien aufbreche.

Ihr Tipp für die Journalisten: Sie sollten das Ganze doch mit etwas Humor nehmen. Petry macht es vor: Fortan will sie nicht mehr von "Lügenpresse", sondern nur noch von "Pinocchiopresse" sprechen. Wie Pinocchio sollen die Journalisten zur Wahrheit zurückfinden.

Wer hat die längste?

Was versteht Petry eigentlich unter Wahrheit, fragt man sich da? Ein aktuelles Beispiel: Vergangenen Mittwoch meldete die "Welt", einer der Attentäter von Paris sei vor dem Anschlag in Bayern als Flüchtling registriert worden. Noch am selben Tag musste sich die Zeitung allerdings korrigieren: Für die Behauptung gebe es keine Belege. Bis heute sieht es so aus, als wäre an der Sache nichts dran.

Doch Petry ficht das nicht an: Obwohl die Meldung schon überholt war, verlinkte sie diese auf ihrer Facebook-Seite und kommentierte höhnisch, dass Justizminister Heiko Maas sich "wohl wieder einmal geirrt" habe. Der hatte davor gewarnt, die Themen Zuwanderung und Terrorismus miteinander zu vermengen. Petry schrieb: "Hetzen Sie ruhig weiter gegen die #AfD, Hr. Maas, aber die Realitäten holen Sie mehr und mehr ein." In den Kommentaren toben sich die AfD-Anhänger aus: "Das Blut von Paris klebt auch an den Händen von Frau Merkel und Co", schreibt eine.

Bis heute hat Petry ihre Falschmeldung nicht gelöscht, geschweige denn korrigiert. Stattdessen trägt sie ihre Holznase weiter stolz vor sich her – da können die Journalisten kaum mithalten.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen