Politik
Bauern in Malawi.
Bauern in Malawi.(Foto: picture alliance / dpa)

Zu viel Geld, zu wenig Hilfe: "Afrika braucht keine Milliarden"

"Wer Afrika wirklich helfen will, darf das nicht mit Geld tun." Dieser mittlerweile schon berühmte Satz des kenianischen Ökonomen James Shikwati polarisiert und feuert die Debatte um eine sinnvolle Entwicklungspolitik für die sogenannte Dritte Welt an. Die eine Seite ist zunehmend verärgert darüber, dass 50 Jahre Entwicklungshilfe keine spürbaren Verbesserungen für die Menschen in den betroffenen Regionen gebracht haben. Die entgegengesetzte Position fordert weitere Milliarden, weil man glaubt, so die Verhältnisse zum Besseren ändern zu können. Der Politikwissenschaftler Johannes Michael Nebe von der Universität Trier verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen. Er meint, dass die Entwicklungshilfe weniger Segen als Schaden gebracht hat.

n-tv.de: Herr Nebe, der ugandische Journalist Andrew Mwenda hat geschrieben: "Der Grund für die anhaltende Armut in meinem Land ist die Entwicklungshilfe selbst." Aus Ihren Publikationen höre ich eine ähnliche Haltung ...

Johannes Michael Nebe: Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen gleich ins Wort falle, aber diese Haltung, wie sie James Shikwati und Andrew Mwenda vortragen, steht in einer ganzen Reihe renommierter Politökonomen, die immer lauter ihre kritischen Stimmen erheben. Zu ihnen gehört beispielsweise auch die sambische Finanzexpertin Dambisa Moyo, die den Grund für den afrikanischen Rückstand ebenfalls der verfehlten Entwicklungshilfe zuschreibt. Die Reihe derer, die behaupten, mehr Hilfe verstärke allenfalls das Chaos, ließe sich beliebig lang fortsetzen. Diese schonungslose Kritik an der überaus hohen Hilfsbereitschaft des Westens sollte eigentlich genug Anlass bieten, über den nie versiegenden Geldstrom nachzudenken.

Bono beim Live-8-Konzert im Londoner Hyde Park.
Bono beim Live-8-Konzert im Londoner Hyde Park.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Soll das heißen, dass Dutzende Hilfsorganisationen irren? Was ist mit den NGOs, mit Care, Oxfam, den Hilfsaktionen der Kirchen wie Brot für die Welt und Misereor, was mit den Pop-Größen wie Bob Geldof oder Bono und den Millionen des deutschen Staates?

Genau das ist es ja! In den letzten Jahrzehnten hat sich eine regelrechte Entwicklungshilfe-Industrie herausgebildet. Die Geldgeschenke in Milliardenhöhe haben neue Abhängigkeiten geschaffen und - das sage ich ganz bewusst - sehen nicht ganz zuletzt auch den eigenen Nutzen in der Hilfe.

Bei Popmusikern kann ich mir das noch vorstellen. Auch die Kirchen sprechen mit ihren Aktionen die Herzen der Menschen an, wenn es um gelebte Nächstenliebe und aktive Solidarität geht. Das ist eigentlich nichts Schlechtes. Welchen Nutzen aber hat der Steuerzahler?

Natürlich keinen. Er steckt sein Geld auch nicht bewusst in die Entwicklungshilfe. Das regelt der Staat beispielsweise über das Bundesministerium für Entwicklungshilfe. 1961 entstand der Begriff der Entwicklungshilfe zum ersten Mal, als die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gegründet wurde. Sie sollte die Entwicklungshilfe international koordinieren. Bis dahin bestand die einzige Hilfe in Form von Krediten für die in die Unabhängigkeit entlassenen Kolonien, mit denen die Hoffnung verbunden war, sie würden eine ähnliche wirtschaftliche Dynamik entfalten wie nach dem Zweiten Weltkrieg der Marshallplan in Europa. Die Gründung der OECD führte zur Bildung von Entwicklungsministerien in vielen Ländern. Die Vereinten Nationen empfahlen später, dass 0,7 Prozent des BIP der reichen Länder des Nordens ausreichen sollten, den ärmsten Ländern der Welt zu helfen. Das ist der Beitrag, der schließlich dem fatalen Denken Vorschub leistet, dass mehr Geld mehr Entwicklung bringt.

Gibt es dafür eine Zahl?

Lebenmittelhilfen aus den USA im somalischen Flüchtlingslager Ifo nahe der kenianischen Ortschaft Dadaab.
Lebenmittelhilfen aus den USA im somalischen Flüchtlingslager Ifo nahe der kenianischen Ortschaft Dadaab.(Foto: picture alliance / dpa)

Man geht davon aus, dass weltweit jährlich umgerechnet bis zu 100 Milliarden Euro in die Entwicklungsländer fließen. Überprüfen kann man diese Zahl nicht genau. Sie haben eingangs von Dutzenden Hilfsorganisationen gesprochen, in Wirklichkeit sind es aber Tausende, die sich auf dem Feld der Hilfe tummeln. Allerdings sind auch sie anfällig für Korruption. Abgestimmte Programme unter ihnen gibt es so gut wie nicht. Jede Organisation arbeitet für sich und verschwindet meist auch wieder, ohne nachhaltige Spuren ihrer Arbeit in den jeweiligen Gebieten zu hinterlassen. Zu den Gebern gehören aber nicht nur die westlichen Staaten, sondern auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds. Auf den Gipfeln von G8 oder G20 wird immer nur von einer Mittelaufstockung gesprochen, ohne über die Sinnfälligkeit der Entwicklungshilfe zu diskutieren. Diese Entmündigung kann nicht zu einer selbstbestimmten Eigendynamik und Entwicklung der afrikanischen Staaten führen, die den Menschen eine Zukunftsperspektive verspricht.

Welche Chancen gibt man den afrikanischen Ländern selbst, um ihre Vorstellungen einer Entwicklung zu realisieren?  

So gut wie keine. Entwicklungshilfe-Experten setzen sich viel zu wenig mit den besonderen Sozialstrukturen und der ethnischen Situation in einem afrikanischen Vielvölkerstaat und mit deren unterschiedlichen Kulturen und Traditionen auseinander, um darauf eine Entwicklungsstrategie sensibel anzupassen. Zudem werden die Beschenkten geradezu verwöhnt und angehalten, selbst nichts in die Hand zu nehmen. Eigene Verantwortung und Gestaltungswille der afrikanischen Regierungen bleiben damit unterentwickelt, weil jedes Problem mindestens einen Geber aus der westlichen Welt findet, der es zu lösen versucht. Aufgaben, die der Staat eigentlich zu erfüllen hat, werden dann kaum noch von ihm wahrgenommen. Staatliche Innovationsfreudigkeit und Eigeninitiative verkümmern auf diese Weise.

Versucht nicht die Bundesregierung, genau dieses Übel an der Wurzel zu packen, indem sie nicht mehr von der "Entwicklungshilfe", sondern von "Entwicklungszusammenarbeit" oder einer "Partnerschaft auf Augenhöhe" spricht?

Bilderserie

Das sind alles nur Worthülsen, die der Realität in keiner Weise entsprechen. Noch immer rangieren die meisten afrikanischen Staaten auf dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International auf den letzten Rängen. Die Korruption in Afrika macht aber eine nachhaltige Entwicklungshilfe nahezu unmöglich, ein Großteil der Hilfsgelder wird zweckentfremdet. Von einer "Partnerschaft auf Augenhöhe" kann nicht im Ansatz gesprochen werden. Zudem fehlt es in den meisten afrikanischen Staaten an einem gerechten Steuersystem. Eine Rechenschaftspflicht der Regierungen gibt es nur in ganz wenigen afrikanischen Staaten. Die Parlamente spielen im Regierungssystem zumeist nur eine untergeordnete Rolle. Eine unabhängige Gerichtsbarkeit, die Korruption verfolgen könnte, ist nur in wenigen Ländern vorhanden.

"Good Governance" ist ein von den Geberländern vielgepriesenes Instrument. Gibt es niemanden, mit dem man in Afrika zuverlässig zusammenarbeiten könnte?

Natürlich gibt es auch in Afrika die sogenannten Leuchttürme in der Landschaft, auf die sich die Befürworter der bisherigen Entwicklungshilfe gerne berufen. So konnten im Bereich der Korruptionsbekämpfung nationale Rechnungshöfe in Malawi und Sambia aufgebaut werden. Das bedeutet aber nicht, dass es dort keine Korruption mehr gibt. Allenfalls wurde die Grundlage für deren  Bekämpfung geschaffen.

Die eingangs zitierten Kritiker der Entwicklungshilfe stehen doch sicher nicht allein da. Gibt es denn keine neue Generation in den afrikanischen Ländern, die diese Positionen unterstützen und den Alten Einhalt gebieten?

Doch, die gibt es. Ich nenne sie die "Geparden-Generation", die sich aus überwiegend engagierten, gut ausgebildeten, mutigen und meist jungen Leuten zusammensetzt, die einen anderen Politikstil favorisieren und Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen wollen. Ihr Betätigungsfeld sind zumeist zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich um Frieden und Entwicklung kümmern und zunehmend mehr das politische Rückgrat ihrer jeweiligen Länder bilden. Sie stehen im Gegensatz zur "Nilpferd-Generation", mit der die korrupte, überalterte und behäbige alte Politiker-Generation gemeint ist, die nur an der Machterhaltung ihrer politischen Pfründe interessiert ist.

Die künftige Entwicklungshilfe müsste also gezielt an den "Nilpferden" vorbei agieren und  mit Hilfe der "Geparden" ein neues Gesellschaftsbild schaffen.

Die Erkenntnis aus den vergangenen 50 Jahren muss sein, dass die Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit künftig weniger mit den korrupten Regierungen geschieht, sondern verstärkt vor Ort nach nachhaltigen und überschaubaren Initiativen der Zivilgesellschaft Ausschau hält und diese zeitlich begrenzt fördert. Das wäre dann die vielbeschworene "Hilfe zur Selbsthilfe".

Sie ziehen aber einen klaren Trennungsstrich zwischen der Entwicklungshilfe und der Hungerhilfe.

Bilderserie

Auf jeden Fall. Die erschütternden Bilder von völlig entkräfteten Menschen, die der verheerenden Dürre in weiten Landesteilen Äthiopiens, Somalias und Kenias zu entfliehen versuchen, sprechen eine ganz andere Sprache. Diese Bilder werden uns lange Zeit nicht loslassen. Man spricht von der größten Hungerkatastrophe der letzten 60 Jahre, von der etwa 13 Millionen Menschen betroffen sind. Die humanitäre Nothilfe in Form von Nahrungsmittellieferungen, ärztlicher und psychologischer Fürsorge etwa von Hilfsorganisationen wie der Deutschen Welthungerhilfe oder den "Ärzten ohne Grenzen" steht hier nicht in der Kritik. Diese wird aus humanitären Gründen immer notwendig sein.

Gibt es ein Aber?

Leider ja, denn Hungerkatastrophen sind auch immer ein Geschäft. Insbesondere, wenn man allein an die Spekulationsgewinne von Großbanken mit Rohstoffen als neue Geldquelle denkt. Seit etwa zehn Jahren locken sie Anleger mit hunderten Milliarden Dollar, auf steigende Preise dieser Waren zu wetten. Die Folge: Mais, Weizen und Soja sind so teuer wie nie zuvor. Für die etwa eine Milliarde unterernährten Menschen in den Entwicklungsländern, die den größten Teil ihrer Einkünfte für die Ernährung verwenden müssen, bedeutet dies oft Krankheit und Tod. Allein 2010 stiegen die Nahrungspreise um mehr als ein Drittel. Bis zu 40 Millionen Menschen sollen durch die Spekulationsgewinne der Banken zusätzlich in absolute Armut gestürzt worden sein.

Und für die absolute Armut der vielen Millionen Menschen muss dann wieder die Welthungerhilfe einspringen …

… die einen Teil ihrer Hilfsmittel offiziell geschenkt bekommt - beispielsweise von den USA.

Daran ist doch erst einmal nichts Verwerfliches, oder?

Erst einmal nicht, das stimmt. In Somalia wurden aber zum Beispiel Überschussproduktionen an Getreide aus den USA eingeflogen, um kurzfristig zu helfen. Die Profiteure dieser Hilfe sind vor allem die US-amerikanischen Farmer, denen die Regierung ihre beabsichtigte Überproduktion abkauft, um diese dann mit der Aufschrift auf den Getreidesäcken "Geschenk von der amerikanischen Bevölkerung" in die Hungergebiete in Afrika zu transportieren. Erstens sind das versteckte Subventionen für amerikanische Bauern, die aus dem Entwicklungshilfe-Fonds der USA bezahlt werden. Zweitens ruinieren diese kostenlosen Hilfstransporte des Westens langfristig die lokalen Märkte in Afrika und wirken deshalb kontraproduktiv. In Notzeiten konnten sich die afrikanischen Regierungen jeweils auf die Hilfe der "westlichen Samariter" verlassen, ohne eigene Anstrengungen einer rechtzeitigen Vorsorge für derartige, in gewissen Abständen immer wiederkehrende Dürreperioden unternehmen zu müssen.

Woran sollte sich die Entwicklungspolitik künftig orientieren?

Dr. Johannes Michael Nebe  baute seit 1997 an der Uni Trier einen Afrika-Schwerpunkt aus und initiierte eine Partnerschaft zwischen der Uni und UN-Habitat, Nairobi. Seit 2011 ist er Lehrbeauftragter für Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit.
Dr. Johannes Michael Nebe baute seit 1997 an der Uni Trier einen Afrika-Schwerpunkt aus und initiierte eine Partnerschaft zwischen der Uni und UN-Habitat, Nairobi. Seit 2011 ist er Lehrbeauftragter für Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit.(Foto: Uni Trier)

Zusammen mit nachhaltigen und überschaubaren Initiativen der Zivilgesellschaft - etwa durch den Ausbau einer dringend notwendigen Straßen-Infrastruktur in die regelmäßig vom Hunger bedrohten Gebiete, der Vorratshaltung an Nahrungsmitteln und einer ausreichenden Anzahl von Bewässerungssystemen - ließe sich die vielbeschworene Hilfe zur Selbsthilfe umsetzen. Entwicklungshilfe sollte die Leistungsfähigkeit der Partner voll ausschöpfen. Den "Bemutterungskomplex" des reichen Nordens gegenüber Afrika gilt es abzulegen, wenn Afrika wirklich geholfen werden soll.

Mit Johannes Michael Nebe sprach Peter Poprawa

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen