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Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert: "Dead Aid": Keine Almosen für Afrika!

von Thomas Badtke

Afrika ist ein Kontinent voller Hunger und Elend, voller Korruption, blutiger Bürgerkriege, Diktaturen und gescheiterter Staaten. Afrika ist ein armer Kontinent - trotz mehr als 2 Billionen Dollar Entwicklungshilfe in den vergangenen 50 Jahren. "Schluss damit!", fordert eine afrikanische Ökonomin, "Entwicklungshilfe ist nicht die Lösung, sie ist das Problem."

Afrika ist für viele Europäer und die meisten Deutschen ganz weit weg. Aber mindestens einmal im Jahr rückt der schwarze Kontinent dann doch in den Fokus. Dann flimmern über die TV-Bildschirme Bilder kleiner Kinder mit traurigen Augen, ausgezehrten Gesichtern und ausgemergelten Körpern. Es ist die Vorweihnachtszeit, die Zeit des zwischenmenschlichen Mitgefühls. Wenn es mir gut geht, soll es auch anderen zumindest nicht ganz so schlecht gehen. Wenigstens einmal im Jahr. Die Spendentelefone laufen heiß, das eigene Gewissen wird mit ein paar gespendeten Euro beruhigt.

Dambisa Moyo arbeitete als Ökonomin bei Goldman Sachs und der Weltbank.
Dambisa Moyo arbeitete als Ökonomin bei Goldman Sachs und der Weltbank.(Foto: Helen Jones Photography)

Die westlichen Staaten und Politiker machen es genauso. Nur dass die Spenden Entwicklungshilfe heißen, und dass diese nicht nur einmal im Jahr fließt, sondern ständig - und das schon seit mehr als 50 Jahren. Statt der "paar Euro" des Kleinspenders sind so bisher mehr als 2 Billionen Dollar Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen. Ohne dass sich dadurch etwas Gravierendes geändert hätte. Noch immer wird Afrika mit Armut, Elend, Hunger, Bürgerkriegen, Diktaturen und Korruption assoziiert.

Asien macht es vor

Aber es geht auch anders. Das beweist die Entwicklung von mehr als einem Dutzend Schwellenländern in den vergangenen Jahrzehnten. Ihr Wirtschaftswachstum liegt zum Teil deutlich über dem der Industrienationen. Zuwachsraten von um die zehn Prozent sind nicht die Ausnahme sondern entsprechen eher der Regel. In manchen Fällen übertrifft das Pro-Kopf-Einkommen mittlerweile das führender Industriestaaten. Armut, Hunger und Elend gehören der Vergangenheit an. Diese Schwellenländer liegen zumeist in Asien.

In Afrika ist stattdessen ein Großteil der etwa 30 Entwicklungsländer zu finden, die es im gleichen Zeitraum nicht geschafft haben, sich wirtschaftlich weiter zu entwickeln. Trotz aller geflossenen Hilfen haben sich manche sogar zurückentwickelt. Für Dambisa Moyo bedeutet das - ebenso provokativ wie prägnant: Stoppt die Entwicklungshilfe! Sie ist nicht die Lösung für Afrika, sie ist das Problem für die meisten Staaten des Kontinents.

Fachwissen und Heimatliebe

Moyo muss es wissen. Sie wird 1970 in Sambia geboren und wächst dort auch auf. Nach einem Putschversuch in ihrer Heimat flieht sie 1990 in die USA. Dort studiert sie Volkswirtschaftslehre in Washington und Harvard. Sie promoviert in Oxford und arbeitet danach mehrere Jahre für die Investmentbank Goldman Sachs und die Weltbank. Ihr ökonomisches Fachwissen, ihre Kenntnisse zur wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas und nicht zuletzt ihre in Aufsätzen und Veröffentlichungen geäußerten Thesen machen Moyo für die "New York Times" zu einer der "100 einflussreichsten Personen der Welt".

"Dead Aid" von Dambisa Moyo ist im Verlag Haffmans & Tolkemitt erschienen.
"Dead Aid" von Dambisa Moyo ist im Verlag Haffmans & Tolkemitt erschienen.

Dem Thema "Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann", hat sie ihr bei Haffmans & Tolkemitt erschienenes Buch "Dead Aid" gewidmet. Und darin geht sie mit den westlichen Industrieländern genauso hart ins Gericht wie mit ihrer afrikanischen Heimat.

Sie zeichnet im ersten Teil des Buches die Geschichte der Entwicklungshilfe nach, ihre eigentlichen Zwecke und Funktionsweisen. Sie zeigt, wie aus dem "Es war aber doch gut gemeint" des Westens ein "Desaster" für den afrikanischen Kontinent wurde. Sie offenbart die Gründe für das ökonomische Scheitern Afrikas und die wirtschaftlichen Grenzen der Entwicklungshilfe, die im neuen Jahrtausend zu einer Art "Glamour-Hilfe" verkommen sind.

Im zweiten Teil von "Dead Aid" liefert Moyo - dann ganz Ökonomin - Lösungsansätze für eine Welt ohne Entwicklungshilfe. Anleihen, Mikrokredite, ausländische Direktinvestitionen und die spezielle Rolle Chinas werden ebenso erläutert wie ein am Beispiel der imaginären "Republik Dongo" aufbereiteter Gegenentwurf zum Modell der Abhängigkeit.

Denn das ist es, so einer von Moyos Rückschlüssen, was die Entwicklungshilfe den meisten afrikanischen Staaten gebracht hat: Sie hängen am Tropf und Wohlwollen des Westens. Entwicklungshilfe "zementiert" für Moyo die Probleme des Kontinents. Sie lässt es nicht zu, dass Staaten wirtschaftlich vernünftig handeln, eine ökonomische Entwicklung vollziehen, mit Wachstum und Dynamik Armut bekämpfen. Stattdessen besiegelt Entwicklungshilfe den Status quo: Korruption, Bürgerkriege, Diktaturen, Elend.

Die "Armee der Moralaktivisten"

Moyo lässt in "Best Aid" auch an der Prominenz kein gutes Haar: "Popstars, Schauspieler, selbst bekehrte Philanthropen" - für Moyo nur eine "Armee von Moralaktivisten", die mit ihren Hilfebekundungen in Millionen-, ja Milliardenhöhe, mehr Schaden anrichtet, als Nutzen bringt.

Mit Bono und Co. ist die Entwicklungshilfe ein Teil der Unterhaltungsindustrie geworden. Sie sichert im Westen Zigtausende Arbeitsplätze, zerstört aber dringend benötigte Jobs in weiten Teilen Afrikas. Auch dafür liefert Moyo leicht nachvollziehbare Beispiele.

Und mal ehrlich: Wie würde es beispielsweise Deutschland oder Frankreich gefallen, wenn Lady Gaga plötzlich versucht, den Weg aus der Euro-Schuldenkrise aufzuzeigen? Würden sich die Politiker und Bürger nicht verschaukelt vorkommen? Wieso sollte das in Afrika anders sein? Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Der beste Moment, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste ist jetzt.

In diesem Sinn sollte sich jeder einmal Moyos "Dead Aid" zu Gemüte führen, denn Afrika hat eine zweite Chance verdient, so verrückt es auch zu Beginn klingen mag, ohne Entwicklungshilfe.

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Quelle: n-tv.de

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