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Putin spricht zum Volk: "Allah hat der Türkei die Vernunft geraubt"

Von Issio Ehrich

In beinahe schrillen Tönen attackiert Russlands Präsident Putin die Türkei für den Abschuss eines russischen Kampfjets. Das werde sein Land nicht vergessen. Die verhängten Sanktionen seien nicht die endgültige Antwort.

Der russische Präsident Wladimir Putin pocht im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) auf eine breite internationale Koalition. Die zivilisierten Staaten der Welt müssten eine "gemeinsame Faust" bilden, sagt er. Zugleich greift er die Türkei, die eine Schlüsselrolle in der Region hat, heftig wegen des Abschusses eines russischen Jets Ende November an. "Vielleicht weiß nur Allah, warum sie das gemacht haben", sagt er. Allah habe offenbar entschieden, die Regierung der Türkei zu bestrafen, indem er sie der Vernunft beraubt habe.

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Der Zwist zwischen Moskau und Ankara bestimmt die Rede zur Nation des russischen Präsidenten. Nicht, weil Putin besonders lange darauf eingehen würde. Die meiste Zeit verwendet er auf die schwächelnde russische Wirtschaft, fordert eine Umstrukturierung weg von der starken Rohstoffabhängigkeit und setzt darauf, den Kampf gegen Korruption und Steuerhinterziehung zu verschärfen. Doch beim Thema Türkei greift er zu den mit Abstand markigsten Worten. Sie übertönen alles andere.

"Wer denkt, dass sie mit Sanktionen auf Tomatenlieferungen davonkommen, liegt falsch", sagt Putin über die Regierung in Ankara. Zwischen den Staaten hatte sich nach dem Abschuss der SU-24 ein Sanktionswettstreit entwickelt, den Russland offenbar noch weiter treiben will.  Er wolle nicht mit "Säbeln rasseln", so Putin. Von Russland werde es auch keine gefährliche panische Reaktion geben. Aber er wisse, was getan werden müsse. Dann fügt er hinzu: "Sie werden wieder und wieder ihre Taten bereuen."

Dabei belässt es Putin nicht. Er bekräftigt zugleich seinen Vorwurf, die Führung der Türkei sei in den illegalen Handel des IS mit Öl verwickelt. "Wir wissen, wer sich in der Türkei das Geld in die Tasche steckt." Und er fügt hinzu: "Wir werden diese Beihilfe an die Terroristen nicht vergessen." Beweise für seine Vorwürfe liefert Putin aber auch diesmal nicht.

Stetig steigende Spannungen

"Wer denkt, dass sie mit Sanktionen auf Tomatenlieferungen davon kommen, liegt falsch", sagt Putin über die Türkei.
"Wer denkt, dass sie mit Sanktionen auf Tomatenlieferungen davon kommen, liegt falsch", sagt Putin über die Türkei.(Foto: dpa)

Seit Wochen steigt die Spannung zwischen Russland und der Türkei. Der wohl entscheidende Grund dafür, dass sich das einst recht gute Verhältnis der beiden Staaten zusehends verschlechtert: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will den syrischen Machthaber Baschar al-Assad stürzen sehen.

Russland hat dagegen in Syrien auf der Seite Assads interveniert und seine Präsenz dort stetig ausgebaut. Moskau schickte zunächst Militärberater und verlegte Waffen. Seit September fliegt die russische Luftwaffe Angriffe mit Hubschaubern und Kampfjets.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die eng mit der Opposition in Syrien zusammenarbeitet, verloren durch die Angriffe bisher mehr als 1500 Menschen ihr Leben, darunter 485 Zivilisten, 598 Kämpfer von Rebellen-Gruppen. Tote IS-Kämpfer, die das verlautbarte Ziel Moskaus sind, gab es dagegen lediglich 419. Nach dem Anschlag auf ein russisches Flugzeug über dem ägyptischen Sinai Ende Oktober verstärkte der Kreml allerdings auch seine Attacken auf den IS. Insgesamt sicherten sie aber vor allem die Stellung Assads.

Bei den Lufteinsätzen kam es immer wieder zu Verletzungen des türkischen Luftraums - eine weitere Provokation für Erdoğan. Der Konflikt gipfelte in dem Abschuss der SU-24, bei dem einer der Piloten starb.

Der Plan, eine breite Allianz gegen den IS zu bilden wird durch den Konflikt zusehends erschwert. Ohne Beteiligung des Nato-Staates Türkei ist eine solche Allianz kaum denkbar. Und die Bildung dieser Front war schon vor dem Streit äußerst schwierig.

Mitte November einigten sich entscheidende Kräfte in dem Konflikt, darunter die USA und Russland, in Wien auf einen Friedensplan. Möglichst rasch soll es einen Waffenstillstand zwischen dem Assad-Regime und moderaten Rebellengruppen geben. Bis Mitte 2016 soll unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen eine Übergangsregierung aus Regime und Opposition installiert werden. 18 Monaten später sollen Neuwahlen folgen. Die Rolle Assads bei all dem ist aber weiterhin heftig umstritten, denn auch die USA können sich eine wichtige Rolle des Mannes, der für den Großteil der Toten im syrischen Bürgerkrieg verantwortlich ist, kaum vorstellen.

Quelle: n-tv.de

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