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Wie zerstört die Oasenstadt Palmyra wirklich ist, wird erst klar sein, wenn Archäologen wieder vor Ort sein können. Für die Zukunft Syriens sind die antiken Stätten von großer Bedeutung: für den Wirtschaftsfaktor Tourismus und für die gemeinsame kulturelle Identität der Syrer.
Wie zerstört die Oasenstadt Palmyra wirklich ist, wird erst klar sein, wenn Archäologen wieder vor Ort sein können. Für die Zukunft Syriens sind die antiken Stätten von großer Bedeutung: für den Wirtschaftsfaktor Tourismus und für die gemeinsame kulturelle Identität der Syrer.(Foto: REUTERS)

Archäologen planen Zukunft Syriens: "Alles ist durchlöchert und zerwühlt"

Neben dem unermesslichen menschlichen Leid war das fünfte syrische Kriegsjahr auch geprägt von spektakulären Zerstörungen antiker Stätten – nicht nur in Syrien, sondern auch im irakischen IS-Gebiet. Für Archäologen ist mit jedem zerstörten Artefakt eine kleine Welt zusammengebrochen. Die Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts erklärt im Gespräch mit n-tv.de, was das reiche antike Erbe der Region mit uns zu tun hat – und wie man jetzt schon den Wiederaufbau planen kann.

n-tv.de: Warum ist der Raum des Zweistromlandes für Archäologen so interessant und was sollte der Laie darüber wissen?

Friederike Fless: Im Gebiet des heutigen Iraks und Syriens wurden für uns grundlegende Kulturtechniken entwickelt. Es fing vor gut 10.000 Jahres damit an, dass die Menschen dort erstmals Tiere domestizierten und Weizen gezielt anbauten. Das wurde über mehrere Jahrtausende weitergegeben und kam mit großer Verzögerung in Europa und auch in Deutschland an. In Mesopotamien gab es außerdem mit die ersten komplexen Gesellschaften, die in Großstädten lebten. Unsere heutige Kommunikation wäre nicht denkbar ohne Schrift und Zahl, die zu jener Zeit im Alten Orient entwickelt worden sind.

Friederike Fless ist Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts.
Friederike Fless ist Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts.(Foto: DAI)

Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011 verließen zumindest die ausländischen Teams die Ausgrabungen. Im Irak lässt die Sicherheitslage auch keine weitere Forschung zu. Was ließen die Archäologen dort zurück?

Man kann nicht sagen, dass die Archäologen dort just in dem Moment als die Auseinandersetzungen anfingen, vor der Entdeckung des ganz großen Funds standen. Grabungen fanden an vielen Orten statt und Forschung hat sich im Verlaufe der Zeit sehr stark verändert. Vor hundert Jahren hat man eher einzelne herausragende Tempel und Paläste ausgegraben. Heute interessiert uns zum Beispiel: Wie funktionierte die Wasserwirtschaft, wie veränderten sich das Klima und die Lebensbedingungen? Großstädte wie Uruk und Babylon im Irak oder eine antike Stätte wie Palmyra in Syrien sind nicht mal kurz abgeforscht. Das kann man sich vorstellen, wie wenn man heute eine Stadt wie Berlin, Paris oder London ausgraben würde. Da wäre man mehrere hundert Jahre beschäftigt. Wir wissen viel, aber durch neue Fragestellungen und Technologien, haben wir ganz andere Möglichkeiten, komplexere Fragen zu Mensch-Umwelt-Beziehungen zu beantworten. Man könnte noch endlos tätig sein.

Weiß man schon, was genau alles zerstört ist?

Wir haben zwar Satellitenbilder und können grob beurteilen, wie die Situation an einzelnen Orten ist. Letztlich wird man das aber erst beurteilen können, wenn Archäologen die Stätten wieder betreten können. Wir haben eine hochkomplexe Situation auf der Landkarte: Die Stadt Aleppo ist dauerhaft umkämpft und stark zerstört. Im Gebiet des IS fanden propagandistisch inszenierte Zerstörungen von Monumenten statt. Nun haben wir durch die Bombardierungen im IS-Gebiet auch noch Kriegszerstörungen in Form von Kollateralschäden. Es gibt Regionen, in denen relativ wenig Kriegshandlungen sind, dort wird aber zum Teil systematisch raubgegraben. Es gibt antike Städte, wo man vorher grobe Strukturen von Straßen- und Siedlungsverläufen sehen konnte. Heute sieht das aus wie ein Schweizer Käse, alles ist durchlöchert und zerwühlt.

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Haben die verbliebenen syrischen Archäologen eine Chance, einen Teil des Kulturerbes zu retten?

Die Syrer selbst versuchen zu erhalten, was sie können. In Syrien setzen sich Archäologen vor Ort unter Einsatz ihres Lebens für den Erhalt der Monumente ein. Das darf man nicht zu gering einschätzen. Der syrische Antikendienst und viele syrische Organisationen zeigen ein wahnsinnig großes Engagement. So wurde der Inhalt von Museen evakuiert, bevor der IS die jeweilige Stadt einnehmen konnte. So sind schon früh Objekte aus Deir ez-Zor oder aus Palmyra nach Damaskus gebracht und damit gerettet worden.

Wie kann eine Institution wie das DAI helfen?

Unsere Archive quellen über und reichen zurück bis ins 19. Jahrhundert und die Frühzeit der Fotografie. Wir haben Bauaufnahmen von Architekten, die Tempel, Häuser und Moscheen detailliert gezeichnet und dokumentiert haben. Alle diese Archivalien haben wir seit 2012 systematisch digitalisiert. Es wurden über 120.000 einzelne Negative und Zeichnungen eingescannt und in eine Datenbank aufgenommen. Nun programmieren wir zusammen mit syrischen Kollegen Schnittstellen, damit diese Daten auch vom syrischen Antikendienst in Damaskus genutzt werden können. Die Datenbanken dienen auch dem Kulturgüterschutz. Sie können helfen, geraubte Objekte zu identifizieren.

Gab es damit schon Erfolge?

Es kommen wirklich Leute auf die Idee, mir geraubte Objekte anzubieten. Dann kann ich schnell bei uns nachgucken und entsprechend in Syrien oder im Irak nachfragen. Dann wird so ein Fall zur Anzeige gebracht und der Polizei übergeben. Wir unterstützen natürlich auch die Kollegen bei der Identifizierung von Gegenständen, wenn sie zum Beispiel über Häfen im Libanon außer Landes gebracht werden sollen. Dann liefern wir Informationen, damit sie sagen können: Das ist das Stück aus diesem Museum oder von jenem Denkmal.

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Wer kauft denn solche raubgegrabenen Stücke heute noch? Es dürfte doch klar sein, dass damit nichts anzufangen ist.

Es gibt eine ganze Reihe von Privatsammlern und international gesehen auch von Museen, die es bis vor kurzem nicht sonderlich anrüchig fanden, dass man Antiken auch unklarer Herkunft erwirbt. Die Sensibilität war früher nicht in dem Maße vorhanden. Sie ist aber durch die Ereignisse der jüngsten Zeit größer geworden. Raubgrabungen und illegaler Handel sind ein Unwesen, das es nicht nur in Krisenregionen gibt, sondern auch in Deutschland. Zudem haben sich die Märkte ausgeweitet.

Wenn man sich die Bilder der Tempelsprengungen etwa in Palmyra vor Augen führt, kann man sich allerdings nicht vorstellen, dass dort etwas zu retten ist. Oder ist bei einem pulverisierten Denkmal noch etwas möglich?

Schon allein aus emotionalem Selbstschutz würde wohl jeder Archäologe sagen, dass man an ein so zerstörtes Denkmal herangeht wie an jede antike Stätte, die ja fast immer fragmentiert überliefert ist. Palmyra, wie wir es kannten, war ja selbst bereits eine Teilrekonstruktion, also ein Ort, an dem viele Monumente seit der Antike verfallen und dann seit den 60er Jahren wieder aufgebaut worden waren. Jetzt haben wir es mit einer gezielten Zerstörung zu tun, deren Umfang wir nicht genau kennen. Allerdings gibt es Fälle, wo Rekonstruktionen gelungen sind, die man nicht für möglich gehalten hätte: Die Basaltskulpturen aus Tell Halaf in Syrien etwa, die im Zweiten Weltkrieg in Berlin bei der Bombadierung des Tell-Halaf-Museums zerstört worden sind, konnten nach jahrelanger Puzzlearbeit vor einigen Jahren erstmals wieder gezeigt werden. Wir Archäologen versuchen einfach, die Hoffnung nie aufzugeben und immer weiter daran zu arbeiten das kulturelle Erbe der Menschheit zu bewahren.

Die Altstadt und weite Teile Aleppos sind vollkommen zerstört. Die Syrer werden sich überlegen müssen, ob sie originalgetreu wiederaufbauen oder eine neue Stadt entstehen lassen wollen. In deutschen Archiven lagern Pläne, die bei ersterer Variante helfen könnten.
Die Altstadt und weite Teile Aleppos sind vollkommen zerstört. Die Syrer werden sich überlegen müssen, ob sie originalgetreu wiederaufbauen oder eine neue Stadt entstehen lassen wollen. In deutschen Archiven lagern Pläne, die bei ersterer Variante helfen könnten.(Foto: REUTERS)

Das klingt nach sehr viel Arbeit, die Jahrzehnte dauern dürfte.

Das wird sehr lange dauern, es ist frustrierend. Es ist ein Wahnsinn. Syrien war, was den Tourismus anging, vor 2011 ein boomendes Land. In vielen Regionen wird mit den antiken Stätten auch die Wirtschaftsgrundlage für die Zukunft zerstört. Man wird sehr ruhig und gelassen an die Sache herangehen und akzeptieren müssen, dass händisch Stück für Stück wieder aufgebaut wird. Es gibt auch die Idee des 3D-Drucks beim Wiederaufbau. Das würde aber letztlich die sozialen Probleme vor Ort nicht lösen, denn es braucht, wenn das Land zur Ruhe kommt, auch Arbeitsstellen, zum Beispiel für Handwerker, Steinmetze und Restauratoren, die ganz konkret ihr Land wieder aufbauen.

Welche Fragen stellen sich bei einem solchen Wiederaufbau? Ist es nicht stellenweise angebrachter, ganz neu zu bauen?

Diese Frage stellt sich für Städte und archäologische Stätten in ganz unterschiedlicher Form. Für die Städte, wie für Aleppo, stellt sich zunächst einmal die Grundsatzfrage: Lässt man das Layout der Straßen so, wie es war, oder plant man eine Stadt ganz neu. In Deutschland standen wir 1945 vor der gleichen Entscheidung und vor den gleichen Trümmerbergen, wie die Menschen in Syrien und in Teilen des Irak stehen und stehen werden. Man muss jetzt schon überlegen, wie der Wiederaufbau am besten angegangen wird. Damit beschäftigen wir uns im Moment und arbeiten mit Syrern zusammen. Wir bilden aber auch Flüchtlinge in Jordanien, Libanon und Deutschland aus, damit sie den Wiederaufbau ihres Landes technisch, handwerklich und planerisch selbst bewältigen können.

Mancher sagt vielleicht: "Schön und gut, aber im Moment wäre doch humanitäre Hilfe wichtiger, als alte Steine zu retten." Was setzen Sie dem entgegen? Inwiefern ist die archäologische Rekonstruktion wichtig für ein Nachkriegssyrien?

Das Leben des Menschen besteht auch in solchen Krisensituationen aus mehr als den humanitären Grundbedürfnissen. Das merkt man in jedem Flüchtlingslager, wo die Nachfrage nach Bildung und Kultur riesig ist. Die Kultur und damit auch die Denkmäler sind zudem Teil der kulturellen Identität der Menschen. Man kann das nicht gegeneinander ausspielen. Zentral ist zudem, sich zu überlegen: Was sind langfristig wirtschaftliche Perspektiven für die Länder. Dazu gehört in Syrien mit seinem unendlichen Reichtum an kulturellen Denkmälern ganz klar der Tourismus. Es gehören dazu aber auch langfristige Fragen nach der Lebensqualität und Attraktivität von Städten: Schiebt man in Aleppo die Altstadt mit einem Bulldozer weg und baut eine neue Stadt wie in Teilen Beiruts. Oder will man das Gesicht der alten Stadt bewahren.

Was fänden Sie besser?

Die Erfahrungen lehren: Hannover war nach dem Zweiten Weltkrieg modern und, so würde man sagen "in". Jetzt finden wir die eher in historischem Gewand aufgebauten Städte wie Münster oder München schöner. Man muss eine kluge Entscheidung treffen zwischen den Bedürfnissen einer heutigen Stadt und dem Bedürfnis der Menschen nach alten und traditionellen Formen. Die Entscheidung, wie es in Aleppo zu sein hat, müssen aber die syrischen Kollegen treffen. Das Projekt, das wir dafür durchführen, "Die Stunde Null" beschäftigt sich mit der Zukunft nach der Krise. Die dort eingebundenen syrischen Kollegen sollen jetzt darüber nach denken, wie das Gesicht ihrer Städte in Zukunft aussehen soll.

Mit Friederike Fless sprach Nora Schareika

Hier finden Sie mehr Informationen über das Digitalisierungsprojekt des DAI

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Quelle: n-tv.de

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