Politik
Der Jom-Kippur-Krieg entwickelte sich zum Trauma des noch jungen israelischen Staates.
Der Jom-Kippur-Krieg entwickelte sich zum Trauma des noch jungen israelischen Staates.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Schock des Jom-Kippur-Kriegs: Als Israel am Abgrund stand

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Für Israel waren die Ereignisse traumatisch: Vor 40 Jahren brach der Jom-Kippur-Krieg aus, Zehntausende ägyptische Soldaten stürmten israelische Stellungen. Schon befürchtete Verteidigungsminister Mosche Dayan "den Untergang des dritten Tempels".

Seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 hatte die israelische Armee Truppen am Suezkanal, der Grenze zu Ägypten, stationiert.
Seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 hatte die israelische Armee Truppen am Suezkanal, der Grenze zu Ägypten, stationiert.(Foto: AP)

Noch heute ist der Tag bei allen älteren Israelis unvergessen: "Die Sirenen heulten. Ich stürzte aus der Synagoge und sah plötzlich Autoverkehr mitten in Tel Aviv. Das am Jom Kippur. So was hat es noch nicht gegeben", erinnert sich etwa ein Zeitzeuge. In Turnschuhen, mit umgehängtem Gebetsmantel, eilten die Männer zu ihren Einheiten. Panzer fuhren auf ihren Ketten zur Front. Das Land stand unter Schock. Damals hatte Israel weniger als drei Millionen Einwohner.

Der Nachrichtensprecher Arieh Golan wurde schon am Morgen des 6. Oktober 1973 in die Heleni-Hamalka Straße in Jerusalem gerufen, wo in einem alten äthiopischen Palast bis heute "Kol Israel" (die Stimme Israels) untergebracht ist. Am Jom Kippur, dem Versöhnungstag, dem höchsten jüdischen Feiertag, an dem auch nichtreligiöse Juden fasten, in die Synagogen gehen, kein einziges Auto fährt und das Radio schweigt, erhielt Golan die Anweisung, um 14 Uhr nach den typischen Piepsern die Nachrichten zu sprechen. "Die Armeen Ägyptens und Syriens haben das Feuer auf unsere Streitkräfte eröffnet." Er hatte den Satz kaum ausgesprochen, da unterbrach ihn ein markerschütterndes Geschnatter. Eine andere Stimme rief: "Fleischtopf, Fleischtopf". Das war das Codewort für eine Generalmobilisierung aller Reservisten.

Ägypten und Syrien unterschätzt

Die israelische Armee stand seit 1967 am Suezkanal. Wegen des Feiertags waren die Besatzungen der Festungen entlang des stillgelegten Wasserwegs ausgedünnt worden. Als die ägyptische Artillerie die israelischen Stellungen mit Sperrfeuer niederhielt und weichklopfte, wurden die Soldaten buchstäblich aus dem Mittagsschlaf geholt.

Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir (r.) und Verteidigungsminister Moshe Dayan (M.) verkannten den Ernst der Lage.
Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir (r.) und Verteidigungsminister Moshe Dayan (M.) verkannten den Ernst der Lage.(Foto: AP)

Am Ostufer des Suezkanals hatte Israel Erdwälle errichtet und darin Rohre verlegt. Bei einem Ansturm ägyptischer Soldaten sollte Öl auf das Wasser gespritzt und angezündet werden. Doch kein Mensch hatte daran gedacht, diese Abwehr instand zu halten. Zehntausende ägyptische Soldaten stürmten die Erdwälle und spülten sie mit Wasser weg. Die meisten israelischen Stellungen waren von einer riesigen ägyptischen Übermacht umzingelt und mussten sich ergeben. Wer nicht gefallen war, ging in Gefangenschaft.

Die ägyptische Infanterie schoss israelische Panzer ab wie Fliegen, mit Panzerabwehrraketen sowjetischer Produktion. Schwerste Verluste erlitt auch die israelische Luftwaffe wegen sowjetischer SAM 2 Flakraketen. Syrische Truppen überschwemmten die Golanhöhen so plötzlich, dass nicht einmal Frauen und Kinder aus den Kibbuzim evakuiert werden konnten. Die Syrer stießen bis zum Jordanfluss vor, blieben dann aber aus mysteriösen Gründen stehen.

Der "Untergang des dritten Tempels" galt als unabwendbar

Bis heute ist umstritten, wieso Ministerpräsidentin Golda Meir die Warnungen des jordanischen Königs Hussein und eines ägyptischen Doppelagenten zu dem bevorstehenden Kriegsausbruch in den Wind geschlagen hatte. Truppenbewegungen in Ägypten und Syrien waren beobachtet, aber als "Manöver" abgetan worden. Israel war noch im Konzept verfangen, dass die arabischen Armeen nach ihrer vernichtenden Niederlage im Sechs-Tage-Krieg von 1967 "niemals" mehr Israel angreifen würden.

Kalter Krieg in Nahost: Kubas Staatschef Fidel Castro (l.) unterstützte den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser (r.) mit Truppen.
Kalter Krieg in Nahost: Kubas Staatschef Fidel Castro (l.) unterstützte den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser (r.) mit Truppen.

Nach drei Tagen schwerster Kämpfe, Niederlagen und dem Verlust aller vorderen Verteidigungslinien redete Verteidigungsminister Mosche Dayan vom "Untergang des dritten Tempels". Zweimal hatte das Judentum die Zerstörung des Tempels in Jerusalem als traumatischen Wendepunkt erfahren. Jetzt stand der nur 25 Jahre zuvor gegründete Staat Israel für den "Tempel", und seine Vernichtung galt als unabwendbar. Dayan drohte mit der "Waffe des jüngsten Tags". Ein amerikanischer Diplomat "überhörte" diese an ihn gerichteten Worte.

Ob Dayan tatsächlich Atombomben auf Kairo oder Damaskus abwerfen wollte, ist nie bestätigt worden. Aber die Amerikaner verstanden den Wink mit dem Zaunpfahl. US-Außenminister Henry Kissinger gab die Anweisung, Israel per Luftbrücke mit Waffen und Munition auszustatten. Das war der Beginn des strategischen Bündnisses zwischen Israel und den USA. Ausgerechnet Deutschland verweigerte den amerikanischen Transportern die Zwischenlandung zum Auftanken. Derweil machten die USA und die Sowjetunion ihre Atomwaffen scharf, zum dritten Mal seit dem Mauerbau in Berlin und der Kuba-Krise.

Die Israelische Vernichtungsangst ist bis heute präsent

Der Rest ist Geschichte. Das winzige Israel und Ägypten lieferten sich bei der "Chinesischen Versuchsfarm" im Sinai die größte Panzerschlacht seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach drei Wochen schwerster Kämpfe standen die Israelis 101 Kilometer vor Kairo und 65 Kilometer vor Damaskus. Fast 3.000 israelische Soldaten und Zehntausende Ägypter wie Syrer waren gefallen. Der Schock dieses Krieges steckt den Israelis bis heute in den Knochen.

Seit 1973 hat es keinen konventionellen Krieg mehr zwischen Israel und den arabischen Nachbarstaaten gegeben. Aber die israelische Vernichtungsangst ist bis heute präsent.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen