Politik
Tomaten und Pflaumen für Zuhause: Merkel kauft in Barth zunächst ein.
Tomaten und Pflaumen für Zuhause: Merkel kauft in Barth zunächst ein.(Foto: dpa)
Freitag, 08. September 2017

Auftritt im eigenen Wahlkreis: Am Bodden kann Merkel durchatmen

Von Hubertus Volmer, Barth (Vorpommern)

Die AfD hat angekündigt, Bundeskanzlerin Merkel aus ihrem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern "politisch zu vertreiben". Bei einem Auftritt am Barther Bodden ist davon nichts zu spüren.

Dann legt der Mann mit dem Megafon doch noch los. Was er ruft, ist nicht so leicht zu verstehen. Wahrscheinlich den gleichen Satz, der auf dem Transparent steht, das seine zwei Begleiter halten. "Wir haben Kinder - Du nicht!" Angela Merkel, die auf der Bühne gerade eine Wahlkampfrede hält, unterbricht sich nur kurz. "Ich freue mich, wenn Sie Kinder haben. Da kann ich auch gleich über die Familienpolitik reden."

Merkel ist nach Barth gekommen, eine Kleinstadt am gleichnamigen Bodden, gut 35 Kilometer westlich von Stralsund. Barth liegt im Wahlkreis der CDU-Vorsitzenden, einer ihrer Gegenkandidaten hier ist AfD-Landeschef Leif-Erik Holm, dessen Partei bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern vor einem Jahr 20,8 Prozent geholt und die CDU auf Platz drei verwiesen hatte.

Für die AfD ist dies daher potenziell prestigeträchtiges Terrain. "Wir wollen Merkel aus ihrem Wahlkreis politisch vertreiben", hatte Holm im Januar beim Landesparteitag gesagt. "Wir werden nicht kleckern, sondern klotzen." Letzteres scheint die Partei jetzt wahrzumachen. Über dem regnerischen Himmel von Barth kreist ein Flugzeug mit einem Transparent im Schlepptau. "AfD wählen", steht darauf.

"Nicht wie in Torgau"

Aus den CDU-Lautsprechern klingt derweil der Ostrock-Klassiker "Flieg ich durch die Welt". Im Vorbeigehen sind Sprechfetzen aus einem Walkie-Talkie eines Polizisten zu hören: "bürgerliche Klientel", "keine Störung", "nicht wie in Torgau". Offenbar erwarten die Beamten keine lautstarken oder gar übergriffigen Proteste. Am Dienstag war Merkel in Heidelberg mit zwei Tomaten beworfen worden, Demonstranten versuchten, den Auftritt der Kanzlerin mit Sprechchören und Trillerpfeifen zu stören. Heikler sind meist ihre Termine im Osten. Am Mittwoch wurde Merkel erst im sächsischen Torgau von AfD- und NPD-Anhängern ausgepfiffen und beschimpft, danach ein weiteres Mal in Finsterwalde in Brandenburg.

Es wäre nachvollziehbar, wenn diese Ereignisse Merkel verunsichert hätten, doch in Barth ist davon nichts zu merken. Schon die Auftritte am Dienstag und Mittwoch hatte sie trotz der Pfeifkonzerte durchgezogen - in Finsterwalde so unbeirrt, dass die Schriftstellerin Jana Hensel, die anwesend war, ganz fassungslos war. In einem offenen Brief an Merkel fragte sie irritiert: "Warum haben Sie denen nicht die Meinung gesagt?"

Nicht nur Jana Hensel fragt sich, woher der Hass kommt, der Merkel immer wieder entgegenschlägt. In Barth allerdings fragt man sich eher, wo die Wutbürger abgeblieben sind. Niemand hält ein Plakat mit dem bösen Wort "Volksverräterin" in die Höhe, niemand skandiert "Hau ab" oder dergleichen. Als ein Vertreter der örtlichen CDU "unsere Bundestagsabgeordnete und Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel", begrüßt, ertönen vereinzelte Pfiffe, die schnell verstummen. Das Flugzeug der AfD ist zu diesem Zeitpunkt schon lange weg. Abgesehen vom Mann mit dem Megafon und seinen beiden Kollegen gibt es nur einen weiteren Rufer, der sich gelegentlich mit heiserer Stimme zu Wort meldet. Er macht es lauter, aber noch unprofessioneller als der Megafon-Mann.

Die Schreihälse lösen ein Gefühl der Solidarität mit der Kanzlerin aus

Vor ihrer Rede kauft Merkel auf dem Marktplatz erst einmal Obst und Gemüse. Vom Podium aus sagt sie dann, die Tomaten aus Barth seien "weltberühmt und schmecken gut". Und doch wirkt sie zunächst etwas lustlos.

Zwei ältere Herren halten ein Transparent hoch, mit dem sie eine bessere Bahnanbindung für die Stadt fordern. Sie pfeifen nicht und sehen eher freundlich aus. Merkel sagt ihnen ihre Unterstützung zu. Sie spricht über Arbeitsplätze, Bildung, innere Sicherheit, islamistischen Terrorismus und Landwirtschaft. Das Thema Diesel leitet sie mit den Worten ein, in der kommenden Woche sei ja die Internationale Automobil-Ausstellung "in Frankreich, äh, Frankfurt". Der Wahlkampf scheint anstrengend zu sein.

Bei der Bundestagswahl 2013 hatte Merkel ihren Wahlkreis mit 56,2 Prozent gewonnen. Das war vor der Flüchtlingskrise. 2016 holte die AfD bei der Landtagswahl drei Direktmandate, alle in Vorpommern. Wahlkreise für Landtagswahlen sind allerdings kleiner als die für Bundestagswahlen; die drei, die vor einem Jahr von der AfD gewonnen wurden, liegen fast vollständig außerhalb des Wahlkreises, in dem Merkel antritt. In die AfD-Gebiete fährt sie an diesem Tag auch noch - nach Strasburg in der Uckermark, später noch nach Wolgast. Diese Auftritte sind in Hallen verlegt worden. Wegen des Wetters, wie es offiziell heißt. Nach Strasburg kommen am Nachmittag rund 1000 CDU-Anhänger, deutlich mehr als nach Barth. Nur gut zwei Dutzend protestieren vor der Halle, drinnen gibt es nur vereinzelte Protestrufe.

"Halt doch mal deinen Schnabel"

Auf dem Marktplatz von Barth wollen die Transparent-Halter nicht verraten, woher sie kommen. Von hier, aus Barth? Der eine schüttelt den Kopf. Gehören sie einer Partei an? "Nein." Privat hier? Er nickt. Der Mann mit dem Megafon filmt derweil den Auftritt der Kanzlerin. Sein Kollege am anderen Ende des Transparents ist auch nicht sonderlich gesprächig. "Von n-tv?", gibt er zurück. Die würden ja immer nur Lügen verbreiten, über Flüchtlinge und den NSU-Prozess. "Ein Staat, der seine eigenen Polizisten umbringt", sagt er vieldeutig. "Und sagen Sie nicht, Sie haben es nicht gewusst."

Immerhin scheint das Megafon Merkel ein wenig aufgeweckt zu haben, über die Familienpolitik und die Themen danach spricht sie lebendiger und verhaspelt sich nicht mehr. "Wir müssen unsere Gesetze überall dort verschärfen, wo es notwendig ist, denn die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger hat absoluten Vorrang vor allem anderen", sagt sie. Auch dazu murmelt der Mann mit dem Megafon einen Kommentar in sein Gerät. "Halt doch mal deinen Schnabel", fährt ihn einer an, der mit seinem Zopf und den kurzen Hosen nicht gerade wie ein typischer CDU-Wähler aussieht. "Bin ich auch nicht", erklärt er später. Er ist noch unentschieden, wem er seine Stimme gibt. Schreihälse und wirre Plakate jedenfalls lösen bei ihm ein Gefühl der Solidarität mit der Kanzlerin aus. "So etwas gehört sich einfach nicht", sagt eine resolute Frau, die in der Nähe steht.

Ihre Passage zur Flüchtlingspolitik leitet Merkel, wie stets, mit einem "herzlichen Dankeschön" an die ehrenamtlichen Helfer ein. Dann sagt sie, ein Jahr wie 2015 "kann und darf sich nicht wiederholen". Nach ihrer Rede bleibt die Kanzlerin noch ein wenig. Um das Zelt, in dem sie Postkarten mit einem Foto von sich unterschreibt und Selfies machen lässt, bildet sich eine Traube. Eine junge Frau holt sich ein Autogramm für ihren Freund, "aus Jux", wie sie lachend zugibt.

Quelle: n-tv.de

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