Politik
Strunz, Kipping, Göring-Eckardt, Weidel und Lindner.
Strunz, Kipping, Göring-Eckardt, Weidel und Lindner.(Foto: Richard Hübner/SAT.1/dpa)
Donnerstag, 31. August 2017

Duell der Kleinen: Am Ende wählt Lindner Göring-Eckardt

Von Hubertus Volmer

Vom Ergebnis der kleineren Parteien wird abhängen, wer nach der Bundestagswahl eine Regierung bildet. Eine TV-Debatte ohne Union und SPD zeigt: Vollkommen abwegig ist Jamaika nicht.

Eine Lehre kann man ziehen nach dem TV-Duell der vier kleinen Parteien: Frauen sind auch nicht besser. Unter den Gästen von Moderator Claus Strunz ist FDP-Chef Christian Lindner der einzige Mann. Er ist zugleich der einzige, der sich immer wieder Anspielungen auf sein Aussehen anhören muss. Das ist genauso peinlich und unangemessen wie vergleichbare Bemerkungen über Frauen.

Die Benachteiligung stellt sich allerdings rasch als vorteilhaft heraus, denn Lindner pariert die dämlichen Sprüche ziemlich souverän. Er ignoriert die Frage von Strunz, wie es auf Tinder für ihn laufe. Er seufzt, als die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt über ihn sagt, er sei nicht ihr Typ, aber sie kenne "welche, die ihn gut finden". Ansonsten scheint er zu versuchen, möglichst nicht genervt zu gucken. Manchmal gelingt ihm das sogar.

"Die zehn wichtigsten Fragen der Deutschen" lässt Strunz von Lindner und Göring-Eckardt sowie von der Linken-Parteichefin Katja Kipping und der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel beantworten. Die meisten Fragen sind danach weiterhin offen. Immerhin hat man erfahren, dass Göring-Eckardt Kartoffelsalat machen kann und Weidel sich nicht für übermäßig humorvoll hält.

Es gibt auch einen inhaltlichen Gewinn: Die Sendung bei Sat1 macht anschaulich, dass es bei der Wahl nicht ganz unwichtig ist, wie stark die kleineren Parteien werden. "Das Rennen um Platz eins ist gelaufen, Angela Merkel wird Bundeskanzlerin bleiben", hatte Lindner Anfang August gesagt. "Die spannende Entscheidung ist der Platz drei. Daran zeigt sich, welche Botschaft von der Bundestagswahl ausgeht." Da hat Lindner Recht – fast jedenfalls, denn die spannende Frage ist, für welche Koalition es nach der Wahl am 24. September reichen wird. Das hängt vor allem vom Abschneiden der Kleinen ab.

Viele Überraschungen gibt es in der Talkrunde leider nicht. Weidel verteidigt ihren Ko-Spitzenkandidaten Alexander Gauland für seinen Satz, man müsse die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die SPD-Politikerin Aydan Özuguz, "entsorgen". Zugleich sagt sie, Gauland habe sich "im Ton vergriffen". Klar, dies ist keine AfD-Kundgebung, hier hören nicht nur Überzeugte zu, da muss man etwas vorsichtiger sein mit den Signalen. Und so wiederholt Weidel auch nicht ihren Satz, Özuguz wäre "besser in der Türkei, Saudi-Arabien oder Afghanistan aufgehoben", sondern sagt lediglich, sie solle "achtkantig rausgeworfen" werden. Nicht aus Deutschland, das war wohl ein Missverständnis, sondern nur aus ihrem Job.

"Nur, wenn er mir von seinen Erfahrungen auf Tinder erzählt"

Alle vier Politiker müssen sich Einspieler ansehen, in denen Wähler sich meist sehr kritisch über sie äußern. Lindner bekommt eine Umfrage präsentiert, nach der 71 Prozent der Deutschen ihn eitel finden. Eine weitere Umfrage sagt, dass 55 Prozent der Deutschen glauben, bei ihm sei vieles nur Show. Jetzt hat er genug. "Die FDP ist nicht im Bundestag, wie oft soll ich es noch sagen. Und dann kann man den Weg der AfD wählen und sagen, Menschen sollten entsorgt werden." Oder man wähle kreative Wege in die Öffentlichkeit. Das polarisiere zwar, aber sonst wäre der Wahlkampf ja "stinklangweilig".

Schmeichelhaft sind die Erhebungen auch für die anderen Gäste nicht. 86 Prozent der Deutschen können sich nicht vorstellen, mit Göring-Eckardt in den Urlaub zu fahren, ebenso viele wollen nicht in eine WG mit Kipping ziehen. 81 Prozent sagen, Weidel habe keinen Humor. "Wenn ich so ein Image habe, das finde ich nicht gut", sagt sie dazu. Strunz fragt die AfD-Politikerin allen Ernstes, ob sie einen Witz kenne. Kennt sie nicht. Dafür erzählt er selbst zwei über die AfD. Weidel gibt sich fröhlich und sagt: "Ja, ich kann drüber lachen."

Als man denkt, schlimmer kann es nicht kommen, muss Kipping noch beantworten, mit wem sie in eine WG ziehen würde. Weidel? Natürlich nicht. Lindner? "Nur, wenn er mir von seinen Erfahrungen auf Tinder erzählt." Als verheiratete Frau höre sie solche Geschichten gern.

Über Politik wird auch gesprochen. Lindner beispielsweise sagt, wer sich nicht legal in Deutschland aufhalte, müsse dieses Land verlassen. Das sehen auch Weidel und Göring-Eckardt so. Weidel fordert zwar ein Einwanderungsgesetz und sagt, die Einwanderung habe sich an den Interessen des deutschen Arbeitsmarktes zu orientieren. "Da ist jeder willkommen." Allerdings fordert sie auch eine "Minus-Zuwanderung", also mehr Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern als legale Einwanderung von Fachkräften. Da sind Lindner und Göring-Eckardt ganz anderer Ansicht. Kipping sieht Abschiebung nicht als Aufgabe ihrer Partei.

Lindner nennt Integration eine "Bringschuld" der Zuwanderer. Weidel tut überrascht und wirft ihm vor, das Wahlprogramm der AfD zu kopieren. "Das vertreten wir schon seit zwanzig Jahren", kontert der FDP-Chef, "da war Ihre Partei noch nicht mal ein feuchtes Glimmern in den Augen von Herrn Gauland." Das ist zwar ganz unterhaltsam. Aber wer trifft seine Wahlentscheidung schon auf der Basis solchen Geplänkels?

Für ein kleines Jamaika-Signal sorgt Lindner am Schluss. Strunz fragt jeden Gast, welcher der anderen ihm am besten gefallen habe. Lindner entscheidet sich für Göring-Eckardt. Er teile zwar nicht ihre Ansichten, "aber sie ist zumindest einigermaßen seriös". Göring-Eckardt drückt sich vor einer klaren Antwort, doch als es um die Frage der Abschiebungen ging, hatte sie Lindner ausdrücklich zugestimmt. Auch Kipping vermeidet eine Entscheidung. Weidel dagegen wählt den FDP-Chef. "Niemand redet so gut wie Herr Lindner." Damit hat sie zweifellos Recht.

Quelle: n-tv.de

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