Politik
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Dienstag, 21. April 2015

Wie hält sich das syrische Regime?: "Assad hat sich der Gewaltlogik unterworfen"

Wer herrscht wirklich in Syrien? Ein Diktator oder eine Regierung? Dschihadisten oder ausländische Mächte? Und wieso wankt das Assad-Regime in diesem Flächenbrand nicht? Daniel Gerlach hat darüber ein Buch geschrieben und gibt bei n-tv.de Antworten.

n-tv.de Wer oder was herrscht heute über Syrien? Der IS? Das Assad-Regime?

Daniel Gerlach: Syrien als Staat gibt es nicht mehr. Aber über das, was es mal war, herrscht der entfesselte Geist von Gewalt und Kriminalität. Eine schizophrene Gewaltlogik, die auch darin besteht, dass fast jeder fürchtet, der andere werde ihn aufgrund der eigenen konfessionellen Zugehörigkeit töten. Also tötet er den anderen zuerst. Das ist ein Teufelskreis, den das syrische Regime in Gang gesetzt hat. Darin ist es aber auch selbst gefangen. Und deshalb bin ich überzeugt, dass sich das Regime in Damaskus nicht reformieren lässt.

Sie beschreiben in Ihrem Buch das syrische Regime als komplexes, widersprüchliches System. Liegt man daneben, wenn man bei Baschar al-Assad von "Syriens Diktator" spricht?

Daniel Gerlach ist Journalist und Nahostexperte. Er gibt das Fachmagazin Zenith heraus, das 1999 als Projekt von Studenten der Islamwissenschaft in Hamburg gegründet wurde. Gerlach ist außerdem Chefredakteur des Deutschen Levante-Verlags.
Daniel Gerlach ist Journalist und Nahostexperte. Er gibt das Fachmagazin Zenith heraus, das 1999 als Projekt von Studenten der Islamwissenschaft in Hamburg gegründet wurde. Gerlach ist außerdem Chefredakteur des Deutschen Levante-Verlags.(Foto: R. Namwar/Deutscher Levante-Verlag)

Sich nur auf die Person Baschar al-Assad zu konzentrieren, führt nicht weiter. Denn das verhindert, dass man sich mit dem Regime vernünftig auseinandersetzt. Man kann in Syrien natürlich von einer Diktatur sprechen. Aber Assad ist nicht der einzige, der die Entscheidungen trifft. Dieses Regime ist geschickt und flexibel. Es kann wählen, ob es sich im Gewand einer Regierung präsentiert, die dann internationale Verträge abschließt, oder ob es in Form einer kriminellen Organisation oder als militärischer Komplex auftritt.

Wie viel hat Baschar al-Assad innerhalb dieses Systems zu sagen?

Er ist ein zentraler Teil einer Maschine, in der er sich mehr oder weniger engagieren kann. Und es gehört zu seiner Masche, dass er seine Rolle darin fortwährend verschleiert. In Interviews hat Baschar al-Assad sich einerseits als souveräner und gewählter Präsident Syriens dargestellt. Auf der anderen Seite hat er aber auch immer wieder offengelassen, wer eigentlich die Truppenbewegungen befiehlt oder wer darüber entscheidet, mit welchen repressiven Maßnahmen vorgegangen wird. Erst kürzlich hat Assad ja behauptet, es gebe gar keine Fassbomben, und das auf eine ziemlich zynische Art und Weise – als wisse er nicht oder wolle nicht wissen, was eigentlich vor sich geht.

Als Baschar al-Assad vor 15 Jahren nach dem Tod seines Vaters Hafiz mit 34 Jahren plötzlich Präsident wurde, gab es Hoffnungen auf einen Damaszener Frühling. Haben Sie eine Erklärung für die Wandlung, die dieser Mann zumindest von außen betrachtet durchgemacht hat?

Dieser Mann ist, wie leider auch ein großer Teil der syrischen Bevölkerung, in der Lage, vor evidenten Tatsachen die Augen zu verschließen. Dafür gibt es sogar ein psychologisches Konzept, das heißt Skotomisation oder Realitätsleugnung. Im Falle Baschars ist es so, dass er von seinem Vater Hafiz al-Assad die Gewaltlogik des Regimes vererbt bekam. Er wurde darauf vorbereitet, dass der Tag kommen würde, an dem dieses Regime herausgefordert wird – und zwar in seinen Augen von der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung. Und dass dieser Aufstand niedergeschlagen werden muss, weil es dann ums Überleben geht.

Und wie schlägt sich das Regime in diesem Überlebenskampf?

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Die bittere Erkenntnis ist, dass die ganzen inneren Widersprüche – die Brutalität, die Bespitzelung, die Parallelstrukturen – dem Regime geholfen haben. Es wäre aber vielleicht nicht mehr an der Macht, wenn die internationale Gemeinschaft das verstanden und daraus Konsequenzen gezogen hätte. Denn man hat, etwa in den Genfer Verhandlungen, immer wieder versucht, dem Regime verbindliche Zugeständnisse abzutrotzen. Dabei hat das Regime schon früh gezeigt, dass es sich nicht festlegen lässt. Zu Beginn des Aufstandes tat es so, als wolle es der Bevölkerung die Hand ausstrecken – und forcierte zugleich die brutale Repression.

Warum konnte Assad diese Logik nicht durchbrechen? Ein vernunftbegabter Mensch müsste doch erkennen, dass es auch andere Möglichkeiten gäbe.

Assad hat sich selbst der Gewaltlogik unterworfen. Und gewiss bestärkten ihn darin auch Generäle und Geheimdienstbosse. Die haben ihn gefragt: 'Möchtest du, dass wir das auf unsere Art und Weise regeln? So wie das dein Vater gemacht hätte? Wenn ja, dann stelle uns keine Fragen.' Darauf hat er sich eingelassen und damit die Tötungsmaschine in Gang gesetzt.

Nach allem, was man weiß, hat das syrische Regime auch zu einem sehr schmutzigen Trick gegriffen: Es hat 2011 viele inhaftierte Dschihadisten freigelassen, damit diese den Aufstand unterwandern. Später kam der IS dazu. Was spricht dafür, dass das syrische Regime den IS bewusst zugelassen hat?

Wir konnten beobachten, dass das Regime die sogenannten gemäßigten Rebellen bekämpfte und zugleich Daish, wie die Araber den IS nennen, nicht in seinen Bahnen störte. Erst im Spätsommer 2014 gab es die ersten wirklich härteren Konfrontationen. Denken wir nur an das Hauptquartier von Daish in Aleppo, das so ziemlich als einziges Ziel nicht bombardiert wurde, während die Armee rundherum alles dem Erdboden gleichmachte. Es gibt noch sehr viele andere Belege, wie etwa den Austausch von Gefangenen oder Schutzzölle, die das Regime an Daish zahlt.

Ist das nicht verheerend für den weiteren Verlauf dieses Krieges, dass die beiden schlimmsten Übeltäter nur gemeinsam überleben können?

Dieser unausgesprochene Pakt wurde mit dem Anti-IS-Kampf der von den USA angeführten internationalen Koalition ein Stück weit obsolet. Die weltpolitische Lage hat sich verändert, sodass wir jetzt auf einmal alle einen gemeinsamen Feind haben. Plötzlich wirkt das syrische Regime auf manche ja wieder wie eine attraktive Alternative. Deshalb hat es angefangen, sich etwas frontaler mit Daish zu beschäftigen – und andersherum ist es ebenso geschehen.

Welche Parallelen gibt es zwischen dem IS und dem syrischen Regime?

Der IS macht sich viele Methoden zueigen, die auch das syrische Regime nutzt: Geheimdienste, Spionage, Erpressung, parallele Machtstrukturen. Das sind Erscheinungsformen eines tyrannischen Systems, wie wir sie in Syrien auch auf der Seite des Regimes kennen – und natürlich aus dem Irak unter Saddam Hussein, woher ja viele IS-Strategen stammen.

Syrien hat offenbar unzählige "Wahrheiten" über das Leben dort hervorgebracht. Noch heute gibt es glühende Anhänger des Baath-Regimes, um Assad wird Personenkult betrieben. Wie kommt das?

Die romantische Vorstellung, dass das vermeintlich säkulare Assad-Regime ein friedliches Miteinander der Religionen und Minderheiten garantiert, ist mittlerweile kollabiert. Ich höre eigentlich von immer weniger Leuten diese Version. Aber es liegt in der Natur dieser Diktatur, dass sie mannigfaltige Erlebnismöglichkeiten hervorgebracht hat. Es gab die Privilegierten, die man nur auf seine Seite ziehen musste. Und es gab andere – vor allem die, denen es dreckig geht – die man brutal unterdrücken musste, damit sie nicht gefährlich werden. Diese Mechanismen haben dazu geführt, dass man über das Leben in Syrien viel sagen konnte, aber auch oft das genaue Gegenteil davon stimmte. Es gibt also nicht nur eine Konfusion der Mächte, sondern auch eine Konfusion der Weltbilder. Und davon profitierte das Regime.

Mit Daniel Gerlach sprach Nora Schareika

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Quelle: n-tv.de

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