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Rettungsaktion der italienischen Küstenwache vor Sizilien.
Rettungsaktion der italienischen Küstenwache vor Sizilien.(Foto: REUTERS)

Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg: Bei Ankunft: Misshandlung

Von Raphael Jung

Tausende fliehen vor dem Krieg in Syrien nach Europa. Sie hoffen auf Asyl, ein Leben in Frieden, ohne Gewalt. Doch an der Grenze erwartet sie das Gegenteil. Viele sagen: "Lieber gehe ich zurück nach Syrien als nach Italien."

Mohammed war einmal in einer kleinen Stadt im Norden Syriens zu Hause. Bis sein Sohn im Bürgerkrieg entführt wurde. Der junge Vater kauft den Vierjährigen frei und verlässt mit ihm das Land. Zuerst fährt er nach Kairo, von dort nach Alexandria, kauft sich gemeinsam mit seinem Bruder auf einem Schlepperboot ein. Sein Ziel: Deutschland. Es sind 60 Menschen an Bord, darunter 13 Frauen und 17 Kinder. Sechs Tage treiben sie in einem Kutter auf offener See. Als der Treibstoff alle ist und das Trinkwasser knapp wird, hilft das Schicksal. Ein deutscher Frachter nimmt die Flüchtlinge an Bord und bringt sie nach Sizilien.

Dort wollen die italienischen Grenzschützer seine Fingerabdrücke. Mohammed weigert sich. Er weiß: Wenn er in Italien als Flüchtling registriert wird, hat er kaum eine Chance auf Asyl in Deutschland. Das verhindert das Dublin-Abkommen. Es besagt, dass der EU-Staat, in dem ein Flüchtling zuerst aufgegriffen wird, das Asylverfahren durchführen muss.

Sein Bruder wird in ein Nebenzimmer gebeten. Mohammed hört Schreie und Schläge, gerät in Panik. Minuten später sieht er, wie sein Bruder mit blutüberströmtem Gesicht ins Krankenzimmer geschleift wird. "Gibst du uns die Fingerabdrücke freiwillig, oder sollen wir dich wie deinen Bruder behandeln?" fragt einer der Grenzer. Mohammed will ihm die Fingerabdrücke nicht geben. Schläge und Tritte prasseln auf ihn ein. Auf den Kopf, in den Magen. Vor dem Zimmer schreit sein vierjähriger Sohn wie am Spieß. Ein anderer Grenzer holt ihn herein, die Schläge gehen weiter, Mohammeds Fäuste sind noch immer geballt. Dann bekommt er eine Salve mit dem Elektroschocker in den Rücken und geht zu Boden.

Der Polizist zeigt auf das wimmernde Kind und sagt: "Es ist nicht gut, dass er dich so sieht. Du solltest uns die Fingerabdrücke geben." Mohammed willigt ein. Im Rollstuhl fahren sie ihn ins Krankenzimmer.

Hunger, Durst, Tod

"Behandlungen wie diese sind kein Einzelfall", sagt Claudia Kruse, Psychotherapeutin am Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer. "Wir hören schreckliche Fluchtgeschichten von syrischen Flüchtlingen, aber die schlimmsten kommen aus Italien." Körperliche Gewalt sei dort an der Tagesordnung, sagt sie. "Frauen werden die Kopftücher herunter gerissen, Kinder müssen mit ansehen, wie ihre Eltern geschlagen werden." Auch von Elektroschocks, Verbrühungen, Fesselung und Aufhängen an den Armen berichten die Flüchtlinge. "Das grenzt an systematische staatliche Gewalt", sagt Kruse.

Von Menschenrechtsorganisationen wie ProAsyl wird Italien seit langem wegen menschenunwürdiger Behandlung von Flüchtlingen kritisiert. Der britische Supreme Court hat vor kurzem die Abschiebung von vier Flüchtlingen nach Italien untersagt, weil ihnen dort eine "unmenschliche Behandlung" drohe. Ein ähnliches Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist anhängig.

Was ein Mensch während seiner Flucht durchmacht, ist nur schwer vorstellbar. "Die Flüchtlinge sind auf den Booten zusammen gepfercht – kleine Fischkutter, die kurz vor dem Kentern sind. Sie haben tagelange Todesangst hinter sich", erzählt Kruse: "Eine Frau hat während einer Überfahrt zwei Kinder verloren, Familien haben Angehörige ertrinken sehen." Wenn sie vom Boot kommen, sind sie halb verhungert und völlig dehydriert. Was sie erwarten, ist eine Erstversorgung – Wasser, Essen, einen Schlafplatz. Viel zu oft hat Kruse gehört, dass genau das nicht passiert. Stattdessen werden die Familien gegeneinander ausgespielt. "Einem Mann sagten sie: Deine Frau und deine Kinder bekommen etwas zu essen, wenn du uns die Fingerabdrücke gibst."

Am schwersten ist das alles für die Kinder. Eltern berichten, dass ihre Kinder nach der Überfahrt wahnsinnige Angst vor Wasser haben und nicht mal mehr duschen wollen. Fünfjährige sagen in der Therapie: "Nicht nach Italien! Da wurde doch Papa geschlagen." Während Mutter oder Vater im Behandlungszentrum über ihre traumatischen Erfahrungen sprechen, bekommen die Kinder Papier und Stift. "Es sind jede Woche die gleichen Bilder", sagt Kruse. Die Kinder malen Gefängnisse, Boote auf der Überfahrt, Panzer. Sie kommen nicht zur Ruhe, nässen ein, isolieren sich. Oder sie klammern sich hysterisch an die Eltern, wenn die in das Beratungszimmer gehen sollen.

Niete in der Asyllotterie

Dass europäische Grenzschutzbehörden zu der Traumatisierung von Flüchtlingen beitragen, ist ein Skandal, findet Sozialarbeiter Joachim Rüffer. In den vergangenen Jahren habe Italien immer wieder Flüchtlingsboote im Mittelmeer versenkt oder zumindest nicht eingegriffen, wenn die See stürmisch war.

Weil sich die Misshandlungsfälle an den europäischen Außengrenzen zuletzt stark gehäuft haben, hat Rüffer das Aktionsbündnis "Stop Dublin 3" ins Leben gerufen. Das Dubliner Abkommen führe dazu, dass Flüchtlinge wie Mohammed, denen in Italien unter Zwang die Fingerabdrücke abgenommen wurden, dorthin zurück müssen, erklärt er. Von vielen Flüchtlingen hört Rüffer: "Lieber gehe ich zurück nach Syrien, wo Krieg herrscht, als nach Italien."

In seinen Augen hat das Abkommen entscheidende Konstruktionsfehler. "Dublin beruht auf der Annahme, dass es in allen europäischen Staaten mehr oder weniger vergleichbare Systeme der Aufnahme von Flüchtlingen gibt. Dass Flüchtlinge in jedem EU-Staat etwas zu essen, eine Unterkunft, Kleidung und gesundheitliche Versorgung erhalten", sagt Rüffer. Das sei eine Fehlannahme.

Aber nicht nur die Versorgung von Flüchtlingen ist von Land zu Land unterschiedlich. Es fehlt auch an europaweit einheitlichen Kriterien, die regeln, wann einem Asylantrag stattgegeben wird und wann nicht. Ein Roma-Flüchtling habe in Belgien ganz andere Chancen auf Anerkennung, als in Deutschland oder Polen. Bernward Ostrop, Rechtsanwalt für Aufenthaltsrecht, spricht gar von einer Asyllotterie. Ob ein Flüchtling Asyl erhalte, hängt davon ab, wo er aufgegriffen wird. Italien ist in dieser Lotterie eine Niete.

Mohammed hat es trotzdem nach Berlin geschafft. Er und sein Sohn leben heute in einem Wohnheim in Berlin-Marienfelde. Sogar einen Aufenthaltstitel hat er bekommen. Wie, kann er selbst nicht so genau sagen. Die Kriegsereignisse in Syrien verfolgen ihn noch immer. Mit den Misshandlungen durch die italienischen Grenzer ist es anders. Mohammed hat einen Weg gefunden, damit umzugehen: Er spricht darüber.

Quelle: n-tv.de

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