Politik
Parteispitzen und Journalisten folgen dem Spaß-Account auf Twitter.
Parteispitzen und Journalisten folgen dem Spaß-Account auf Twitter.

Falscher Piraten-Chef im Interview: "Bernd Schlömer ist mir egal"

Die Piraten verlieren innerhalb von Monaten Millionen potenzielle Wähler. Die meisten wollen von der Partei nichts mehr wissen. Nicht so der anonyme Twitter-Nutzer "@GroeVaZ", der sich als Parteichef Bernd Schlömer ausgibt. "@GroeVaZ" steht für "Größter Vorsitzender aller Zeiten". Selbstbeschreibung: "PIFF PAFF alles kapottschießen!" Ständig halten ihn seine Follower für den echten Bundesvorsitzenden, einmal fällt sogar eine Journalistin auf ihn herein. Der "Spiegel" vermutet "Schlömer-Feinde" hinter dem Account. Doch das ist nicht richtig, sagt "@GroeVaZ". Bei n-tv.de erzählt er, warum ihn die Partei so wütend macht – und was er an ihr lustig findet.

n-tv.de: Was verbindet Sie mit der Piratenpartei?

"@GroeVaZ"-Profilbild: "Wenn man das mit Verstand liest, kann man nicht auf die Idee kommen, ich wäre wirklich der Parteivorsitzende."
"@GroeVaZ"-Profilbild: "Wenn man das mit Verstand liest, kann man nicht auf die Idee kommen, ich wäre wirklich der Parteivorsitzende."

"@GroeVaZ": Formal gar nichts. Ich bin weder Mitglied noch war ich es jemals. Ich bin in der Netzszene aktiv und kenne viele Parteimitglieder. Meinen Namen möchte ich nicht nennen, sonst würde "@GroeVaZ" nicht mehr funktionieren.

Haben Sie die Piraten schon einmal gewählt?

Ja, bei der Kommunalwahl in Niedersachsen. Und danach ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie kaputt die Partei eigentlich ist. Der gewählte Kommunalpolitiker redete nur über bundespolitische Themen und man merkte, dass das politische Niveau sehr dünn ist.

Was war für Sie der Grund, die Piraten zu wählen?

Die hatten sich Themen wie den Bürgerhaushalt auf die Fahnen geschrieben. Es gab in meiner Stadt viele Probleme mit intransparenten Bauprojekten. Aus dem Versprechen, da Transparenz zu schaffen, ist aber nicht viel geworden. In dieser Sache unternehmen die gewählten Piraten nichts.

Es waren doch wahrscheinlich nicht nur die Piraten, die für Transparenz sorgen wollten. Warum haben Sie keine andere gewählt?

Ich habe gedacht: Lass es die Piraten doch mal versuchen. Das Wahlprogramm deckte wichtige Punkte ab. Die Grünen hier sind sehr technikfeindlich, von denen hätte ich nicht erwartet, dass sie den Bürgern die Daten offen zur Verfügung stellen.

Parteivorsitzender Bernd Schlömer.
Parteivorsitzender Bernd Schlömer.(Foto: picture alliance / dpa)

Warum sind Sie so emotional beim Thema Piraten? Sie verbringen viel Zeit damit, Bernd Schlömer zu persiflieren. Der Spiegel vermutet hinter "@GroeVaZ" gar "Schlömer-Feinde".

Eigentlich ist mir Bernd Schlömer egal. Sollte jemand anders gewählt werden, kann ich das Bild tauschen und weitermachen. Aber den größten Erfolg habe ich immer, wenn ich echte Zitate von ihm poste. Mich trifft, dass viele meiner Bekannten sich in dieser Partei aufreiben und ich habe das Gefühl, dass da fast eine ganze politische Generation verbrannt wird. Ich hatte große Hoffnungen in diese Partei, aber da ist nichts gekommen. Fehler sind legitim, aber die Piraten wollen nicht dazulernen. Sie haben das Gefühl, die Welt verstanden zu haben und teilen das jetzt von oben herab mit. In Niedersachsen gab es einen ironischen Wahlkampf nach dem Motto: "Guckt mal, wie lustig wir sind." – Anstatt mit den Menschen ernsthaft zu sprechen. Wenn man sieht, wie einzelne Piraten über Journalisten sprechen, über die "Systemmedien" und wenn sie eine Journalistin als Prostituierte darstellen.

Im Grunde sind Sie ein ganz klassischer, enttäuschter Piratenwähler.

Das kann man so sagen.

Und Sie finden das, was mit der Piratenpartei passiert nicht nur lustig, sondern sind richtig sauer?

Ja, wobei ich das mittlerweile gut kanalisiere und mich über den Twitter-Account darüber lustig mache. Aber als die Piraten in Berlin gewählt wurden, war ich sehr euphorisch, ich kenne einige der Abgeordneten. Als die es dann nicht schafften, sich nach rechts abzugrenzen und Sexisten und Antisemiten ihre Schranken aufzuzeigen, da kam bei mir die Wut auf. Wie inkompetent kann man denn sein, sich so vereinnahmen zu lassen?

Sie sagen, Sie kennen einige Abgeordnete. Wissen die, dass Sie diesen Account betreiben?

Nein. Es gibt fünf, mit Ihnen jetzt sechs Leute, die wissen, wer den Account betreibt.

Wollen Sie mit "@GroeVaZ" etwas ändern an der Partei?

Ich glaube, dass die Partei nicht mehr änderbar ist. Die wird sich jetzt langsam auflösen. Das ist aber auch okay.

Wollen Sie der Partei schaden?

Nein. Der Account wird ja außerhalb der Partei auch kaum wahrgenommen. Mit der Ausnahme, dass einmal eine Journalistin geglaubt hat, dahinter stehe der echte Bernd Schlömer. Ich glaube nicht, dass jemand der Piratenpartei mehr schadet als die Piratenpartei selbst. Für mich ist das eher ein Ventil. Wenn ich mich aufrege, versuche ich, das in Tweet-Form zu fassen. Ich glaube, manchmal merken die Leute, dass sie etwas schlecht finden, nur weil sie dachten, dass es von Bernd Schlömer kommt.

Heißt das, dass Sie Bernd Schlömer eigentlich gut finden?

So weit würde ich nicht gehen. Er sagt schon unglaublich dämliches Zeug, zum Beispiel den Satz vom "Frauen fördern und fordern" neulich. Was bitte? Ansonsten ist der halt unauffällig. Und eine ruhige Person an der Spitze ist für so eine zerrissene Partei bestimmt hilfreich.

Sie posten häufig einfach Original-Zitate und man weiß gar nicht, dass das echt ist.

Ja, da geht immer was. Man kann das aber nicht an Herrn Schlömer festmachen. Ich glaube auch nicht, dass er das mit den Frauen böse meinte. Manchmal nutze ich auch Zitate von irgendwelchen Feldherren. Weil die Piraten so wenig einschätzbar sind, wird jedes Zitat als glaubhaft wahrgenommen. Es hat noch nie jemand gesagt: "Was ist das denn für absurdes Zeug?" Ganz häufig lese ich: "Bernd, das passt doch gar nicht zu unserem Programm."

Finden Sie es nicht erschreckend, wie viele Leute auf die Ironie hereinfallen?

Auf jeden Fall. Wenn man das mit Verstand liest, kann man nicht auf die Idee kommen, ich wäre wirklich der Parteivorsitzende. Und das bei der Partei, die sich für so medienkompetent hält und das Internet verstanden haben will. Ein Treppenwitz.

Die Piraten lagen in den Umfragen mal bei dreizehn Prozent, jetzt bei drei. Man fragt sich: Wo sind die verlorenen zehn Prozent jetzt? Wie ist es bei Ihnen, wie werden Sie sich engagieren?

Das ist eine sehr gute Frage. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen habe ich die SPD gewählt, obwohl ich da nicht mit allem zufrieden bin. Einfach nur, um die CDU abzuwählen. Ich werde mich weiter außerparteilich für Themen engagieren, die mir wichtig sind. Ich bin kein Parteimensch.

Mit "@GroeVaZ" sprach Christoph Herwartz

Quelle: n-tv.de

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