Politik
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un genießt die Zuneigung seines Volkes - und den Rückhalt Chinas.
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un genießt die Zuneigung seines Volkes - und den Rückhalt Chinas.(Foto: REUTERS)
Montag, 06. März 2017

Kim rasselt erneut mit dem Säbel: "China braucht ein stabiles Nordkorea"

Mit Raketentests lässt Nordkorea erneut die Muskeln spielen. Im Interview mit n-tv.de erklärt Rüdiger Frank, was Kim Jong Un damit bezwecken will, welche Interessen China in Nordkorea verfolgt - und ob ein Treffen zwischen Kim und Donald Trump realistisch ist.

n-tv.de: Nordkorea soll vier Raketen in Richtung Japanisches Meer abgefeuert haben. Welchen Zweck verfolgt das Land damit?

Professor Rüdiger Frank ist Vorstand des Ostasien-Instituts an der Uni Wien und Autor des Buches "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates".
Professor Rüdiger Frank ist Vorstand des Ostasien-Instituts an der Uni Wien und Autor des Buches "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates".(Foto: Uni Wien/ EcoS)

Rüdiger Frank: Das wird wie bei allen vorangegangenen Raketen- und Atomtests der gleiche Zweck sein. Nordkoreas Führung hat die strategische Entscheidung getroffen, dass sie über solch eine Technologie verfügen will - sowohl, um eigene Satelliten in den Weltraum zu schießen als auch, um den atomaren Drohungen Glaubhaftigkeit zu verleihen. Deshalb testet Nordkorea. Der unmittelbare Auslöser zum jetzigen Zeitpunkt könnte das alljährlich stattfindende Militärmanöver zwischen Südkorea und den USA sein, das gerade begonnen hat. Darauf reagiert Nordkorea immer sehr empfindlich mit militärischen Signalen, und zwar mit Ankündigung. Da sollten wir uns mal nicht so überrascht stellen. Der Test könnte auch ein Signal des Missfallens an China sein, das Nordkorea gerade mit dem Importstopp von Kohle einen ökonomischen Schuss vor den Bug gesetzt hat.

Barack Obama soll seinem Nachfolger Donald Trump bei der Amtsübergabe gesagt haben, dass die Bedrohung durch Nordkorea das wahrscheinlich dringlichste Problem sei, dem sich der neue US-Präsident stellen müsse. Teilen Sie diese Ansicht?

Mit solchen Superlativen würde ich nicht arbeiten; als gäbe es international nicht noch andere Krisen. Es kommt immer auf die Perspektive an. Ist man in den USA wirklich der Meinung, dass Nordkorea weltweit das einzige Land ist, das eine atomare Bedrohung der USA darstellt? Was ist dann aber mit Russland und China? Aber wenn Herr Obama diese Einschätzung äußert, muss man das natürlich zur Kenntnis nehmen.

Welche Fehler kann Trump machen, wenn er sich des Nordkorea-Problems annimmt?

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Grundsätzlich wäre es ein echter Fortschritt, wenn er sich überhaupt einmal darum kümmern würde. Das Thema Nordkorea hat in den vergangenen Jahren vor allem darunter gelitten, dass es nicht wirklich ernst genommen wurde. Kein amerikanischer Präsident hat sich bisher die Mühe gemacht, mit dem jeweiligen herrschenden Kim zu sprechen – weder mit Kim Jong Il noch mit dessen Nachfolger Kim Jong Un. Die Politik, die schon über viele Jahre hinweg stattgefunden hat, nannte man "benign neglect". Man hat Nordkorea weitestgehend ignoriert und gehofft, dass sich das Problem irgendwie von selbst löst. Trump kann daher sicherlich nichts falsch machen, wenn er das Nordkorea-Problem ernster nimmt. Die Frage ist nur, welche Schlussfolgerungen er daraus zieht; versucht er den Dialog oder drückt er auf den roten Knopf?

Halten Sie es für realistisch, dass es zu solch einem Treffen kommt?

Trump macht doch auch sonst vieles, was man nicht erwartet hätte. Bei Hillary Clinton hätte ich einen Durchbruch für nahezu unmöglich gehalten, weil dabei eine Voraussetzungskette im Spiel ist, die Nordkorea nicht bereit ist zu erfüllen. Die bisherige amerikanische Linie ist, dass die Nordkoreaner zuerst ihr Atomprogramm nicht nur stoppen, sondern komplett abbauen müssen. Erst dann wären die USA bereit mit ihnen zu reden. Die Nordkoreaner lehnen solch eine vorauseilende Entwaffnung strikt ab und beharren darauf, dass es erst eine diplomatische Normalisierung und einen Friedensvertrag geben muss. Damit beißt sich die Katze in den Schwanz. Herr Trump hätte durchaus den Mumm, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Was wäre dann zu erwarten?

Südkoreaner verfolgen in Seoul einen TV-Bericht über die nordkoreanischen Raketentests.
Südkoreaner verfolgen in Seoul einen TV-Bericht über die nordkoreanischen Raketentests.(Foto: imago/Kyodo News)

Trump handelt ja gern unkonventionell. Ein Treffen zwischen ihm und Kim wäre zwar ungewöhnlich, aber technisch möglich und natürlich sehr interessant. Es wäre eine Zusammenkunft zweier Männer, die sehr autoritär veranlagt sind. Vielleicht können sie sich wirklich einigen. Und Kim kann gut mit schrägen Typen – er hat sich immerhin schon mit Dennis Rodman getroffen, da verkraftet er auch einen Trump.

Einem Zeitungsbericht zufolge sollen die USA seit Jahren versuchen, Nordkoreas Raketenprogramm durch Cyberattacken zu sabotieren. Ist diese Herangehensweise sinnvoll?

Jegliche Form von Attacken halte ich als Grundprinzip der bilateralen Beziehungen nicht für klug. Es folgt immer eine Gegenattacke, oder die Verteidigung wird verbessert. Man löst somit keine Konflikte. Man verlagert sie höchstens auf eine andere Ebene. Das größte Problem ist ideologisch bedingt und steckt in den Köpfen. Unseren Kindern würden wir vorwerfen, es sei kindisch, wenn man sagt: "Mit dem rede ich nicht." Bei Staaten akzeptieren wir das einfach so. Diese einfache Logik von Gut und Böse gibt es nur im Märchen, die Realität ist wesentlich komplexer. Das soll nicht über die vielen Schwierigkeiten einschließlich der Menschenrechtssituation in Nordkorea hinwegtäuschen. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob man diese als politisches Druckmittel benutzt oder ob man an einer wirklichen Lösung interessiert ist. Ich bin mir da auch bei unseren Politikern nicht immer ganz sicher.

Nicht nur in der internationalen Gemeinschaft, sondern auch in der Region steht Nordkorea isoliert da. Was kann der einzige Verbündete China noch bewirken, um die Lage nicht eskalieren zu lassen?

Zunächst müsste mir mal jemand erklären, worin dieses Bündnis bestehen soll.

Sie würden China also nicht als Bündnispartner Nordkoreas bezeichnen?

Nordkoreaner kaufen im Kwangbok-Einkaufszentrum ein, einem nach chinesischem Vorbild und mit chinesischer Unterstützung gebauten und betriebenen Konsumtempel in der Hauptstadt Pjöngjang.
Nordkoreaner kaufen im Kwangbok-Einkaufszentrum ein, einem nach chinesischem Vorbild und mit chinesischer Unterstützung gebauten und betriebenen Konsumtempel in der Hauptstadt Pjöngjang.(Foto: Privat/Rüdiger Frank)

Zwischen China und Nordkorea gibt es nichts, was einem Bündnis ähnlich sieht. Es gibt einen Vertrag für Frieden und Freundschaft aus dem Jahr 1961, aber das war es auch schon. Das ist im Prinzip nur ein Blatt Papier. Es gibt und gab keine gemeinsamen Militärmanöver, keine gemeinsamen Stellungnahmen und noch nicht mal eine institutionalisierte Form des Bündnisses, etwa eine Militärallianz wie die Nato oder eine Wirtschaftsallianz wie die EWG. Nichts. Einzig die bilateralen Beziehungen sind so eng, wie sie bei Nachbarländern fast zwangsläufig sind. Zumal sie dem Namen nach das gleiche politische sowie ökonomische System und historische Verbindungen aus dem Korea-Krieg haben. Doch das ist schon alles. Die These vom engen Bündnis halte ich dagegen für sehr gewagt.

Wie würden sie die Beziehung stattdessen bezeichnen?

Ich würde es einfach ein enges bilaterales Verhältnis nennen. Dieses verschlechtert sich derzeit eindeutig.

Ist von China dennoch eine Reaktion zu erwarten?

Auf jeden Fall. Die Chinesen verfolgen wie jedes andere Land auch ihre eigenen Interessen - insbesondere auf der koreanischen Halbinsel. China kann eindeutig nicht wollen, dass Nordkorea kollabiert. Das würde eine Destabilisierung bedeuten. Auf der Mikroebene stünde die Frage im Raum, was mit den vorhandenen Atomwaffen geschieht. Wenn die ausgelöst werden und auch nur die Atomwolke nach China weht, wäre das ein unvorstellbares Problem. Im geopolitischen Bereich würden die USA im Falle eines Nordkorea-Kollapses auf dem Wege der von Südkorea geführten Vereinigung per "Beitritt" ihren Einflussbereich bis an die chinesische Grenze ausweiten.

Es wäre also ein großer Fehler von China, wenn es Nordkorea kollabieren lassen würde. Und da der Rest der Welt das Märchen vom Bündnis China-Nordkorea glaubt, würde auch Chinas Reputation als Bündnispartner leiden. Das ist bei der derzeitigen Expansion, denken Sie an die Neue Seidenstraße, ein ziemlicher Rückschlag. Es ist zwar keine Liebesheirat zwischen den beiden. Aber beide wissen, dass sie sich gegenseitig brauchen. China braucht ein stabiles Nordkorea und wird alles versuchen, es auch stabil zu halten und gleichzeitig zu verändern, womit es übrigens sehr erfolgreich sind. Ich war Ende Februar in Nordkorea und konnte mich davon einmal mehr überzeugen. Die Nordkoreaner ihrerseits versuchen, soweit es geht, von China zu profitieren, ohne sich dabei verändern zu lassen. Das ist ein Kampf, ohne Zweifel. Aber es gibt weder ein enges Bündnis, noch würde China Nordkorea wirklich fallen lassen.

Mit Rüdiger Frank sprach Christoph Rieke

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Quelle: n-tv.de

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