Politik
Von 1974 bis 1982 regierte Helmut Schmidt die Bundesrepublik. Er ist damit der bislang am längsten amtierende SPD-Kanzler.
Von 1974 bis 1982 regierte Helmut Schmidt die Bundesrepublik. Er ist damit der bislang am längsten amtierende SPD-Kanzler.(Foto: AP)

Zum Tod von Helmut Schmidt: Der Anti-Visionär und Macher

Von Wolfram Neidhard

Helmut Schmidt war der fünfte deutsche Bundeskanzler - achteinhalb Jahre lenkte der leidenschaftliche Raucher die Geschicke der damals noch kleineren Bundesrepublik. Noch im hohen Alter nahm er Stellung zu wichtigen politischen Themen der Zeit.

Die Schlacht ist geschlagen: Am 1. Oktober 1982 verliert Helmut Schmidt im Bundestag das von der CDU/CSU beantragte konstruktive Misstrauensvotum gegen seine nunmehr nur noch von der SPD getragene Regierung. Beim Höflichkeitsgang zu seinem Nachfolger Helmut Kohl wirkt der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland müde und gesundheitlich angeschlagen.

Trotzdem ist Schmidt mit sich völlig im Reinen. An seinem Gesicht ist sogar irgendwie Erleichterung abzulesen, das schwierigste politische Amt, das in Deutschland zu vergeben ist, los zu sein. Vor Schmidts Abwahl war seine sozial-liberale Koalition zerbrochen. Es war das septemberliche Herbstbeben im politischen Bonn: Die FDP wollte nicht mehr mit den Sozialdemokraten regieren, die Gemeinsamkeiten sind nach 13 Jahren rot-gelber Regierungszeit aufgebraucht.

Am 1. Oktober wird Schmidt durch ein Konstruktives Misstrauensvotum im Bundestag gestürzt. Er gratuliert seinem Nachfolger Helmut Kohl.
Am 1. Oktober wird Schmidt durch ein Konstruktives Misstrauensvotum im Bundestag gestürzt. Er gratuliert seinem Nachfolger Helmut Kohl.

An diesem ersten Oktobertag des Jahres 1982 ist es müßig, nach den Schuldigen des Koalitionsbruchs zu suchen. Natürlich hat die FDP-Führung um Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff in Richtung Union geschielt. Der Frontwechsel ist gemeinsam mit Kohl vorbereitet worden. Lambsdorff hat mit einem für die SPD unannehmbaren Wirtschaftspapier die Katze aus dem Sack gelassen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn auch Sozialdemokraten haben diese Regierung torpediert. Die Genossen - allen voran Parteichef Willy Brandt - gingen ihrem Kanzler wegen dessen Nachrüstungspolitik von der Fahne. Bereits seit Wochen herrschte Endzeitstimmung im Bonner Kanzlerbungalow.

Weil dies so ist, fällt Helmut Schmidt der Abschied auch leicht. An den Rhein kommt er noch vier weitere Jahre als einfacher Bundestagsabgeordneter. Aber 1986 ist dann Schluss. Die norddeutsche Heimat wird wieder sein Lebensmittelpunkt. Er und seine langjährige Ehefrau Hannelore ("Loki") sind wieder Herr und Frau Schmidt aus Hamburg. Die Hansestädter sind es auch, die Schmidt an seinem Abwahltag als erste zu Gesicht bekommen. Sie jubeln dem vor ein paar Stunden aus dem Amt Gewählten zu. Für den Weltpolitiker und -ökonomen ist das Balsam für die Seele. Aus der großen weiten Welt kehrt er an die Alster zurück.

Nachfolger des Visionärs Brandt

Mai 1974: Willy Brandt tritt wegen der Guillaume-Affäre zurück. Schmidt wird sein Nachfolger.
Mai 1974: Willy Brandt tritt wegen der Guillaume-Affäre zurück. Schmidt wird sein Nachfolger.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Achteinhalb Jahre war Helmut Schmidt Bundeskanzler - achteinhalb bewegte Jahre. Er hatte gar nicht mit einer so langen Amtszeit gerechnet. Maximal zwei Jahre - bis zur Bundestagswahl 1976  - gab er sich. Schmidt hielt sich zwar für den Richtigen im Kanzleramt, aber eigentlich war er ja nur für den amtsmüden Willy Brandt eingesprungen, der im Mai 1974 die Guillaume-Affäre dazu nutzte, das Weite zu suchen. Zuvor schnarrte Schmidt mit militärischem Ton in die Mikrofone, dass er den Rücktritt der SPD-Ikone nicht verstehe. Dass es hinter den Kulissen Kritik an Brandts Regierungspolitik gab, erwähnte er nicht. Vor allem Fraktionschef Herbert Wehner ("Der Herr badet gerne lau") wollte den SPD-Chef aus dem Kanzleramt haben.

Dem Visionär Brandt folgt der Macher Schmidt, der das Vorhandensein von Visionen bei einem Menschen mit der Aufforderung zu einem Arztbesuch verbindet. Brandt wird von den Genossen verehrt, Schmidt wird allenfalls respektiert, aber wegen seiner mitunter scharfen, belehrenden und schnoddrigen Art auch gefürchtet. Wie jede Kanzlerschaft ist auch die des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers eine Abfolge von Hochs und Tiefs - wobei gegen Ende seiner Amtszeit die Tiefs überwiegen.

Von Anfang bis Ende seiner Zeit als Regierungschef hat es Schmidt mit ökonomischen Krisen zu tun. Er, der später als Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" über Richtiges und Unrichtiges der deutschen und europäischen Finanzpolitik befand und die amtierende politische Klasse mitunter mit Ratschlägen nervte, war auf ökonomischem Gebiet nicht gerade der erfolgreichste Bundeskanzler. Als Schmidt aus dem Bonner Bungalow auszieht, befindet sich Westdeutschland in der Rezession. Das Haushaltsloch wird immer größer, sein Lieblingsrivale Franz Josef Strauß, der 1980 für die Union die Bundestagswahl gegen Schmidt verlor, hält in dieser Frage immer wieder den Finger auf die Schmidtsche Wunde. Mehr als zwei Millionen Menschen sind ohne Job. Für arbeitsmarktpolitische Reformen gibt es keine Mehrheit in der SPD.

Der Krisenmanager

Schmidt neben der Witwe von Hanns Martin Schleyer.
Schmidt neben der Witwe von Hanns Martin Schleyer.(Foto: AP)

Dennoch ist Helmut Schmidt für die Jahre von 1974 bis 1982 der richtige Bundeskanzler. Der innenpolitischen Krise 1976/77, hervorgerufen durch den Terror der Rote-Armee-Fraktion (RAF), begegnet er mit Härte und Unnachgiebigkeit. Schmidt muss die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF in Kauf nehmen - er entschuldigt sich bei der Witwe für seine Entscheidung. Der Bundeskanzler gibt zudem grünes Licht für die Erstürmung der von Palästinensern entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. In seinem Schubfach liegt bereits das Rücktrittschreiben für den Fall bereit, dass die GSG-9-Aktion mit einem Blutbad endet.

Er setzt auch die Ost- und Deutschlandpolitik seines Vorgängers fort. Schmidt bemüht sich um Verständigung mit der Sowjetunion und ist im Dezember 1981 Gast von Erich Honecker in der DDR. Den Saarländer hat Schmidt bereits 1975 bei der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki getroffen. Mit dem SED-Chef verbindet Schmidt allerdings wenig, Honecker ist für ihn nur eine Marionette Moskaus.

Schmidt ist ein Macher - mit dem Rücken zur Wand läuft er zur Hochform auf. Bereits im Februar 1962 sorgt er bundesweit für Schlagzeilen - als Hamburger Polizeisenator während der großen Sturmflut in der Hansestadt. Er organisiert die Rettung von Betroffenen und geht dabei äußerst pragmatisch vor. "Ich habe das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen", sagt er einmal rückblickend. Nicht der damalige Erste Bürgermeister Paul Nevermann, sondern Schmidt bleibt als oberster Krisenbekämpfer in Erinnerung.

Und Ungemach erlebt Schmidt in seinem politischen Leben genug. Ölkrise, Wirtschaftskrise, Nahostkrise, Raketenkrise. Er drängt die Nato-Verbündeten zur atomaren Nachrüstung als Antwort auf die Stationierung von SS-20-Raketen durch die Sowjetunion. Der von ihm kritisch gesehene US-Präsident Jimmy Carter lenkt im Dezember 1979 schließlich ein - parallel dazu bekommt Schmidt Probleme mit seiner SPD.

Unfreiwilliger Grünen-Geburtshelfer

Bis zum Lebensende ist Schmidt ein leidenschaftlicher Raucher.
Bis zum Lebensende ist Schmidt ein leidenschaftlicher Raucher.(Foto: APN)

Schmidt und die Sozialdemokraten, das ist jahrzehntelang ein schwieriges Verhältnis. Der in globalen Zusammenhängen denkende Kanzler bemüht sich zum Ende seiner Amtszeit hin nicht mehr um seine Partei. Er wirft seinen Kritikern Kleingeistigkeit vor und kanzelt seine parteiinternen Gegner auch schon mal ab. Dabei ist es neben der Raketenstationierung die Akw-Problematik, die viele Menschen im Westen Deutschlands bewegt. Die Grünen betreten die politische Bühne. Schmidt wirkt - unfreiwillig - an der Gründung der Ökopartei mit. Leiden muss die SPD, die nicht nur Mitglieder, sondern auch Wählerstimmen verliert und erst 1998 mit Gerhard Schröder wieder den Kanzler stellen kann - in einer Koalition mit den Grünen.

In seinen letzten Lebensjahren hat sich Helmut Schmidt wieder mit seiner Partei arrangiert. Ansonsten widmete er sich der Außenpolitik, sein Lieblingsthema war dabei China. Der Aufstieg des bevölkerungsreichsten Landes zur Wirtschaftsgroßmacht faszinierte den Hamburger, der als Transatlantiker die Politik der USA zuletzt kritisch sah. Er geißelte zudem die Uneinigkeit der Europäer in wichtigen politischen Fragen. Schmidt, der in den 1970er Jahren eng mit dem damaligen französischen Staatschef Valery Giscard d’Estaing zusammengearbeitet und mit ihm das neue europäische Währungskonzept konzipiert hatte, sagte einen weiteren globalen Bedeutungsverlust der Europäer voraus.

Zahlreiche Bücher hat Helmut Schmidt geschrieben, unzählige Artikel in der "Zeit" veröffentlicht, weltweit Vorträge gehalten und in Talkshows - immer vor sich hin rauchend - den Zuschauern die Welt erklärt. Er gehörte zur zahlenmäßig überschaubaren Zahl der "Elder Statesmen". Mit seinem Tod verstummt eine wichtige Stimme der deutschen und internationalen Politik.

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Quelle: n-tv.de

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