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"Wir werden trotz der weltweiten Koalition siegen":  Ein Plakat des IS in Syrien.
"Wir werden trotz der weltweiten Koalition siegen": Ein Plakat des IS in Syrien.(Foto: Reuters)

Nils D. vom "IS-Sturmtrupp": Der Islamist aus Dinslaken

Von Gudula Hörr

Nils D. kennt sich aus im Dschihad. Mehr als ein Jahr kämpft der Salafist für den Islamischen Staat in Syrien, jagt in einer Spitzeleinheit Deserteure und arbeitet in einem IS-Gefängnis. Jetzt steht er in Düsseldorf vor Gericht.

Eigentlich klingt alles ganz harmlos. Im Oktober 2013 reist der damals 24-jährige Nils D. nach Syrien, wo er sich in den ersten Monaten "nur umgeschaut" haben will. Dann arbeitet er nach eigenen Angaben in der Kleinstadt Manbidsch in der Nähe von Aleppo, betreut Gefangene, kocht und putzt. Der einzige Haken dabei: Nils D. ist Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). An diesem Mittwoch beginnt im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgericht Düsseldorf der Prozess gegen ihn.

Der Weg von Nils D. vom Außenseiter zum Gotteskrieger ist der einer klassischen Radikalisierung. In der Schule wird er Berichten zufolge oft gehänselt. Bereits als 15-Jähriger wird er Vater, eine Ausbildung zum Mechaniker bricht er ab, er hat Drogenprobleme, ist vorbestraft und findet keinen Job. Erst als er sich seinem älteren Cousin, dem Pizzaboten Philip Bergner, anschließt, bekommt sein Leben offenbar eine Richtung. Der Cousin führt ihn in den Kreis der "Lohberger Gruppe" ein, rund 25 Salafisten, die sich in den Jahren 2011 bis 2013 regelmäßig im Büro eines Bildungsvereins treffen - Tür an Tür mit dem Integrationsbeamten der Stadt Dinslaken.

Mindestens 13 der Männer und Jugendlichen reisen im Laufe der Zeit nach Syrien aus, wo sie sich dem IS anschließen. Sie nennen sich "Lohberger Brigade", posten Bilder von sich in martialischen Posen, einer von ihnen, Mustafa K., zeigt sich sogar mit dem abgeschlagenen Kopf eines Mannes. Auch von Nils D. entdecken die Behörden später Bilder aus dem selbst ernannten Kalifat. Auf einem bedroht er mit einer Pistole einen gefesselten Gefangenen, auf einem anderen trägt er einen Sprengstoffgürtel.

Schon bald wird der große Mann mit den rötlichen Haaren und der runden Brille Mitglied einer Spezialeinheit des IS, die Deserteure aufspüren soll. Auf der Straße zeigen sich die Angehörigen des sogenannten Sturmtrupps, den Ermittler auch die "Gestapo des IS" nennen, nur vermummt, sie bekommen einen speziellen Ausweis. Nils D. erhält, so heißt es beim Fachblog "Ojihad", ein eigenes Auto, ein AK-47-Sturmgewehr, ein M-16-Sturmgewehr und eine Browning. Wie alle Mitglieder des Trupps bekommt er offenbar auch eine bessere Bezahlung, Boni sowie einen Teil der Beute nach der Eroberung von Mossul.

Erschießungen auf einem "Hinrichtungsmarktplatz"

Nach eigenen Angaben ist Nils D. bei 10 bis 15 Festnahmen dabei - wobei er allerdings nur im Auto gesessen haben will. Nils D. berichtet außerdem, dass Gefangene durch Folter zu Geständnissen gezwungen worden seien. Regelmäßig gibt es offenbar Erschießungen und Enthauptungen auf einem "Hinrichtungsmarktplatz". Einmal soll er auch Zeuge der Kreuzigung eines IS-Kommandeurs gewesen sein, an dem die Dschihadisten ein Exempel statuieren wollen.

Nach 13 Monaten im Islamischen Staat kehrt Nils D. nach Deutschland zurück. Der Grund dafür könnte der Tod seines Cousins Philipp B. sein, der sich nahe Mossul in die Luft gesprengt hatte und bis zu 20 Menschen dabei umbrachte. Nils D. zieht wieder bei seiner Mutter in Dinslaken ein. Doch die Behörden, gewarnt durch bulgarische Grenzbeamte, haben ihn auf dem Schirm. Sie verwanzen sein Auto und bekommen so mit, wie er sich mit seiner Arbeit "direkt für den Emir" brüstet. Am Abend des 10. Januar 2015 schlagen die Ermittler eines Mobilen Einsatzkommandos zu, stoppen Nils D. in seinem silberfarbenen Polo und nehmen ihn fest. Am nächsten Tag steht er vor einem Haftrichter der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Nachdem Nils D. erst alles leugnet, ist irgendwann die Beweislast zu erdrückend. Er packt aus und wird zu einer wichtigen Quelle für die Sicherheitsbehörden. In rund 40 Vernehmungen und als Zeuge in Prozessen gegen andere Dschihadisten berichtet er ausführlich über seine 13 Monate bei der Terrormiliz, zeigt IS-Lager auf Satellitenbildern, berichtet über die engen Verbindungen zwischen deutschen und belgischen Dschihadisten. Bereits im August identifiziert er den späteren Attentäter von Paris, Abdelhamid Abaaoud, als Mitglied des IS. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, belastet er allerdings vor allem Dschihadisten in Syrien, die Rolle von Mitgliedern der deutschen Islamistenszene spielt er herunter.

Nun muss sich der Konvertit selbst wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat vor Gericht verantworten. Der Prozess ist auf neun Verhandlungstage angesetzt, im Falle eines Schuldspruchs drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft.

Quelle: n-tv.de

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