Politik
Stanislaw Petrow lebte zuletzt in einer kleinen Wohnung in einem Moskauer Vorort.
Stanislaw Petrow lebte zuletzt in einer kleinen Wohnung in einem Moskauer Vorort.(Foto: AP)
Dienstag, 19. September 2017

Zum Tod von Stanislaw Petrow: Der Mann, der den Atomkrieg verhinderte

Von Judith Görs

Im Herbst 1983 hat Stanislaw Petrow womöglich Millionen Menschen das Leben gerettet - doch sein Name ist heute nicht einmal eine Fußnote in den Geschichtsbüchern. Selbst der Tod des Helden, der keiner sein wollte, bleibt lange unbeachtet.

Vom Tod des Mannes, der die Welt vor einem Nuklearkrieg bewahrte, nimmt kaum jemand Notiz. Stanislaw Petrow stirbt am 19. Mai 2017 in Frjasino - 35 Kilometer nordöstlich von Moskau. Er hinterlässt Sohn Dimitri und Tochter Jelena, auch zwei Enkelkinder. Mehrere Monate später erreicht die Nachricht auch die westliche Welt. Vom "unbesungenen Helden" ist in einem der (in ihrer Anzahl überschaubaren) Nachrufe die Rede. Tatsächlich: Gemessen an der Bedeutung, die Petrow womöglich für den Verlauf der jüngeren Geschichte hatte, erscheint das Schweigen in Politik und Gesellschaft irgendwie unangebracht.

Nein, ein Held im klassischen Sinne ist Petrow zu Lebzeiten schon nicht. Er ist kein Jagdpilot, auch kein Spezialagent, sondern Ingenieur, spezialisiert auf die Ballistik von Satelliten. Am 26. September 1983 hat der 44-jährige Oberstleutnant die Nachtschicht in der geheimen Kommandozentrale des sowjetischen Raketenfrühwarnsystems bei Moskau. "Routinearbeit", wie sich Petrow später im Gespräch mit Blogger Markus Kompa erinnert. Doch es bleibt nicht dabei. Um 0.15 Uhr schlagen die Geräte plötzlich Alarm. Sie melden den Abschuss einer Rakete von einer US-Basis. Dann folgen vier weitere. Ist das der nukleare Erstschlag, der den Dritten Weltkrieg auslösen wird?

Petrow muss es in diesem Moment zumindest für möglich halten. Die Sowjetunion und die USA befinden sich im Kalten Krieg. Nur sechs Monate zuvor bezeichnet US-Präsident Ronald Reagan den Feindstaat als "teuflisches Reich". Die Nervosität auf der sowjetischen Seite ist immerhin so groß, dass wenige Wochen vor dem Nuklearalarm ein südkoreanisches Passagierflugzeug, als es sowjetisches Territorium überfliegt, abgeschossen wird. Zudem soll der 69-jährige sowjetische Führer Juri W. Andropow von der potenziellen Bedrohung durch einen US-amerikanischen Erstschlag geradezu besessen sein.

Petrow trifft Bauchentscheidung

Bilderserie

"Ungefähr 15 Sekunden lang standen wir unter Schock", erinnert sich Petrow später. "Wir mussten überlegen: Was passiert jetzt?" Der Meldemechanismus ist strikt festgelegt: Im Falle eines US-Angriffs hat Petrow zunächst die Leitung der Kommandozentrale zu informieren, die dann den Generalstab des sowjetischen Militärs einweihen muss. Am Ende dieser Kette steht Andropow. Er würde letztlich die Entscheidung über einen Gegenschlag fällen müssen. "Es gibt keine Vorschrift, wie schnell ich mich entscheiden muss", sagt Petrow später. "Aber je länger ich überlege, desto weniger Zeit bleibt den höheren Instanzen, zu reagieren."

Petrow braucht fünf Minuten. Dann meldet er - Fehlalarm. Später räumt er ein, dass es eine reine Bauchentscheidung war. Immer wieder sei ihm eingeschärft worden, dass ein US-amerikanischer Erstschlag massiv sein werde. "Wenn du einen Krieg anfangen willst, beginnst du nicht mit nur fünf Raketen", so Petrow. "Mit nur fünf Raketen kannst du wenig Schaden anrichten." Doch erst als das System nach 13 Minuten Entwarnung gibt, weiß der Oberstleutnant: Er hat die richtige Entscheidung getroffen.

Später Ruhm - und Hollywood-Glanz

Auch wenn Petrow später immer wieder betont, er habe nur seinen Job gemacht - zeitlebens ist er sich durchaus im Klaren darüber, dass er das Schicksal der Welt für ein paar Minuten in den eigenen Händen hielt. "Ein Schlag führt immer zum Gegenschlag - das war mir bewusst", sagt er im Nachhinein. "Es gab nur einen einzigen Unterschied: Derjenige, der den Erstschlag führt, lebt 20 Minuten länger." Für seine Entscheidung wird Petrow weder belohnt noch bestraft. 1984 verlässt der Familienvater das Militär. Spekulationen, er sei entlassen worden, dementiert er immer wieder.

Nach dem Tod seiner Frau Raisa 1997 erfährt Petrow übrigens noch späte Wertschätzung - vor allem durch die Veröffentlichung der Memoiren von Juri Wotinzew, einem früheren General bei der sowjetischen Raketenabwehr, der die Rolle des Oberstleutnants am Tag des 26. September 1983 ausführlich beschreibt. Westliche Friedensorganisationen werden auf den Russen aufmerksam. Er erhält diverse Preise. Und auch Hollywood ist begeistert. Bei der Arbeit an dem Doku-Drama "Der Mann, der die Welt rettete" von 2014 trifft Petrow die Schauspielstars Kevin Costner und Robert de Niro. Im kommenden Februar soll der Film in Russland erscheinen. "Ich bin kein Held", sagt Petrow darin. "Ich war bloß zur richtigen Zeit am richtigen Ort."

Quelle: n-tv.de

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