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Wie viel Nähe ist noch legitim? Brüderle mit Parteikollegin Pieper.
Wie viel Nähe ist noch legitim? Brüderle mit Parteikollegin Pieper.(Foto: dpa)

Wie viel Skandal steckt in der Sexismus-Debatte?: "Der 'Stern' will Brüderle schaden"

Alles beginnt an einer Bar in Stuttgart. FDP-Politiker Rainer Brüderle baggert eine junge "Stern"-Journalistin an. Ein Jahr später diskutiert Deutschland über Sexismus. Skandalforscher Hans Mathias Kepplinger hält die Aufregung für "medial gemacht". Die Empörung der Liberalen sei verständlich.

Im Mittelpunkt der Debatte: FDP-Politiker Rainer Brüderle und "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich (r.).
Im Mittelpunkt der Debatte: FDP-Politiker Rainer Brüderle und "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich (r.).(Foto: dapd)

n-tv.de: Guten Tag, Herr Kepplinger. Eine "Stern"-Journalistin hat Sexismus-Vorwürfe gegen FDP-Politiker Rainer Brüderle erhoben. Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie viel Skandal ist das?

Kepplinger: Das ist schon fünf oder sechs. Wir erleben eine starke Erregung. Es ist ein Skandal, weil die eindeutige Mehrheit der Reaktionen negativ ist. Der Tenor ist: Brüderle hat sich unmöglich verhalten. Aber es gibt eine enorme Diskrepanz zwischen Anlass und Wirkung.

Sie meinen, es ist viel Lärm um nichts?

Ich würde nicht sagen um nichts. Es ist ein Zustand, der von vielen Frauen als negativ erlebt wird. Es gibt eine Substanz wie bei fast allen Skandalen. Aber die Erregung, die produziert wird, ist medial gemacht.

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Sind die Vorwürfe der "Stern"-Journalistin etwa nicht angebracht?

Wenn sich die Reporterin direkt danach geäußert hätte, dann wäre das glaubhaft. Aber nach einem Jahr ist das an den Haaren herbeigezogen und instrumentalisiert. Aus meiner Sicht ist das, was der "Stern" macht, ebenso skandalös.

Was heißt das?

Die Frage ist, wer hat in größerem Maße gegen die Regeln verstoßen? Brüderle durch seine Bemerkungen oder der "Stern", indem er das Thema auf eine derart fragwürdige Weise nach einem Jahr, und nachdem die Reporterin offensichtlich weiterhin guten Kontakt zu Brüderle hatte, hochzieht? Ich würde sagen, der "Stern" hat den größeren Regelbruch begangen. Mit Neuigkeit und Nachrichtenwert hat das nichts mehr zu tun.

Dann teilen Sie die Haltung der FDP.

Für den "Stern" ist das ein großer Clou, ein grandios gemachtes Werbeunternehmen. Mit einem minimalen Aufwand hat er einen Anlass für eine Debatte geliefert.

Brüderle ist bekennender Pfälzer und Wein-Trinker.
Brüderle ist bekennender Pfälzer und Wein-Trinker.(Foto: picture-alliance / dpa)

Sie finden also, die Partei macht eine gute Figur?

Ich denke, die Empörung der FDP ist verständlich. Es ist eine Kampagne, die inszeniert wird, um über Brüderle der FDP zu schaden. Die Vorwürfe sind nicht aus der Luft gegriffen, aber sie sind endlos alt. Der klassische Fall einer instrumentellen Aktualisierung, des Hochspielens eines Sachverhaltes, nur um bestimmte Zwecke zu erfüllen.

Wie sehr schadet die Debatte der FDP?

Ich denke, sehr. Vor allem Brüderle ist erheblich beschädigt. Die Wählerschaft der FDP ist eher konservativ gestimmt, deshalb leidet er in seinem Ansehen. Die inneren Konflikte in der Partei brechen dadurch wieder auf. Allerdings wählt ja jemanden nicht, weil er den Busen einer Reporterin mag, sondern man wählt eine Partei für bestimmte Grundhaltungen oder Ziele. Brüderles Ansehen ist lädiert, aber die Wahlchancen der FDP eher nicht.

Hans Mathias Kepplinger ist Professor für Kommunikationsforschung an der Universität Mainz.
Hans Mathias Kepplinger ist Professor für Kommunikationsforschung an der Universität Mainz.

Laut einer Umfrage halten 90 Prozent der Menschen eine Entschuldigung für angebracht. Brüderle will zu den Vorwürfen jedoch nichts sagen. Ist das richtig in dieser Situation?

Es ist das einzig Richtige, in dieser Situation nichts zu sagen. Er hätte das machen müssen, wenn sich die Reporterin direkt an die Öffentlichkeit gewandt hätte. Dann wäre das sinnvoll und unausweichlich gewesen. Aber sich nach einem Jahr zu entschuldigen, wäre lächerlich.

Was hat der Vorfall für Konsequenzen für das Verhältnis von Politikern und Journalisten?

Ich denke, das Verhältnis von Journalisten und Politikern wird dadurch noch komplizierter, als es ohnehin schon ist. Hier sind Schranken der Berichterstattung gefallen, die dazu führen, dass das Misstrauen zunimmt. Das geht zu Lasten beider Seiten.

Die Debatte entwickelt sich allmählich weg von dem Fall Brüderle und hin zu einer allgemeinen Sexismus-Diskussion. Wie fruchtbar ist das für die Gesellschaft?

Die berechtigten Anliegen von Frauen, sich gegen solche Übergriffe zu schützen, nehmen dadurch eher Schaden. Viele Frauen werden ja tatsächlich ernsthaft von Männern unter Druck gesetzt oder sexuell ausgenutzt. Das ist ja nicht aus der Luft gegriffen. Aber wenn man ein so berechtigtes Anliegen an einem solchen Fall diskutiert, wird das Anliegen diskreditiert. Es könnte den Verdacht erregen, die Frauen regen sich ja über alles auf, das muss man nicht ernst nehmen. Das dient nicht dem Schutz der Frauen.

Mit Hans Mathias Kepplinger sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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