Politik
David Cameron begutachtet während einer Fabrikbesichtigung  ein Metallwerkstück.
David Cameron begutachtet während einer Fabrikbesichtigung ein Metallwerkstück.(Foto: REUTERS)

Camerons pannenreicher Abschied: Der Trottel in der Downing Street

Von Christian Rothenberg

Als jungenhaft und smart galt David Cameron bei seiner Wahl zum Premierminister. Fünf Jahre später hat er kaum Chancen auf seine Wiederwahl. Das liegt auch daran, dass der Konservative in zu viele Fettnäpfchen tritt.

Hat man erst mal einen Ruf, wird man ihn so schnell nicht los. David Cameron kennt das gut. Bei einem Wahlkampftermin verspeiste der britische Premier vor ein paar Tagen einen Hot Dog. Mit Besteck. "Was für eine Person isst einen Hot Dog mit Messer und Gabel?", ätzte David Jack von der Zeitung "The Times". Es ist nicht das erste Mal, dass ein britischer Politiker mit so einem Bild zu kämpfen hat. Labour-Chef Ed Miliband hatte sich im Mai 2014 Spott zugezogen, als er mit unvorteilhaftem Gesichtsausdruck ein Sandwich verdrückte.

Sicher ist sicher: Hotdog mit Messer und Gabel.
Sicher ist sicher: Hotdog mit Messer und Gabel.(Foto: REUTERS)

Doch im Fall Cameron sitzt das Problem tiefer. 2010 bescherte der Nachfahre des früheren Königs Wilhelm IV. den Tories nach 13 Jahren Abstinenz die Rückkehr in die Downing Street. Er galt als charismatisch und smart. Doch vor der Parlamentswahl am 7. Mai müssen die Konservativen um ihre Macht zittern. Das liegt auch an Camerons Pannen.

Im September stellte er sogar die Queen bloß. Bei einem Besuch in den USA traf Cameron Michael Bloomberg, den Ex-Bürgermeister von New York. Nicht ahnend, dass die Mikrofone der Kameras angeschaltet waren, sprach er über den Ausgang des gescheiterten schottischen Unabhängigkeitsreferendums - und die Reaktion der Königin. Diese habe vor Freude "gar nicht mehr aufgehört zu schnurren". Ein Affront. Cameron entschuldigte sich kleinlaut. "Mir ist das sehr peinlich. Es tut mir außerordentlich leid."

"Ein Profi-Politiker muss mehr aufpassen"

Cameron war in den 90ern als PR-Experte für ein britisches Medienunternehmen tätig. Doch in den vergangenen Monaten war davon wenig zu spüren. Vielmehr dürfte der Premier seinen Beratern immer neue Kopfschmerzen bereitet haben. "Er ist eigentlich kein Trottel, aber ein Profi-Politiker muss mehr aufpassen", sagt Großbritannien-Experte Gerhard Dannemann. Vor dem Start des Wahlkampfes unterlief Cameron im Januar erneut ein Fehler.

Es ging um die TV-Duelle. Das Format hat keine Tradition in Großbritannien. Der Premier hat da klare Vorstellungen. Er wollte kein direktes Duell mit Labour-Kandidat Miliband. Wenn die Grünen nicht teilnehmen, werde er auch nicht mitmachen, erklärte Cameron. Die Chefs von Labour, Liberalen und Ukip forderten den Premier daraufhin per Brief zur Teilnahme auf. Doch der blieb stur. Es schien, als habe er Angst vor der Auseinandersetzung mit seinem Herausforderer.

Ende März unterlief dem 48-Jährigen der nächste grobe Patzer. Cameron gab der BBC eine Homestory. Der Konservative stand in seiner Küche, richtete einen Salat an. Währenddessen erzählte er einem Journalisten, er wolle 2020 nicht zu einer dritten Amtszeit antreten. Sogar mögliche Nachfolger nannte er: den Londoner Bürgermeister Boris Johnson, Innenministerin Theresa May und Finanzminister Georg Osborne. Mitten im Wahlkampf eröffnete Cameron eine unnötige Nachfolgerdebatte.

Die Hoffnung Endspurt

In der Kritik steht der Premier auch für sein unglückliches Auftreten in der Außenpolitik. Nicht wenige Briten hadern mit der schwindenden Bedeutung ihres Landes in der Weltpolitik. "Als Cameron sein Amt antrat, hätte Barack Obama im Fall einer Krise in Europa zuerst ihn angerufen, heute ruft er Merkel an", sagt Dannemann. Sinnbildlich war sein unnötiger Machtkampf mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. "Cameron hätte Junkers Nominierung verhindern können, aber einer seiner ersten Amtshandlungen war es, für die Tories im EU-Parlament die Fraktion zu wechseln. Es war ihm wichtiger, sich mit anderen Euroskeptikern zusammenzutun", so Dannemann.

Drei Wochen vor der Wahl ist Camerons Machtperspektive mangelhaft. Die Meinungsforscher sehen die Konservativen nur bei 34 Prozent. Trotz des Mehrheitswahlrechts verlieren die großen britischen Parteien zugunsten der Kleinen. Die EU-kritische Ukip-Partei legte seit 2010 mächtig zu. Cameron wird vorgeworfen, das Schotten-Referendum unterschätzt und mit seinem Verhalten zum Erstarken der Schottischen Nationalpartei (SNP) beigetragen zu haben. Diese kann mit mehr als 50 Sitzen - statt bisher nur 6 - drittstärkste Fraktion im Unterhaus werden.

Für die Wahl hat das Konsequenzen: Tories und Liberaldemokraten regierten bisher gemeinsam, können aber nur mit 300 Sitzen rechnen. Für eine Mehrheit sind jedoch 326 nötig. Die Tories haben rechnerisch theoretisch zwei Möglichkeiten. Doch sowohl eine Große Koalition als auch Bündnis mit den links stehenden schottischen Nationalisten ist so gut wie unmöglich. "Für das Heraushandeln von mehr Freiheiten und das Kernziel der schottischen Unabhängigkeit kommt der größte Widerstand aus dem konservativen Lager. Das würde nicht funktionieren", sagt Dannemann.

Labour liegt in Umfragen zwar nur gleichauf und hat mit Miliband einen eher blassen Kandidaten, steht koalitionsstrategisch jedoch weit besser da. Als wahrscheinlich gilt, dass die SNP eine Labour-Minderheitsregierung toleriert. Eine Hoffnung hat Cameron noch. Bei Wahlen in Großbritannien kann der Amtsinhaber stets darauf vertrauen, kurz vor der Wahl noch etwas zuzulegen. Ob das genügt? Wenn nicht, könnte Camerons Nachfolger-Debatte doch noch zu etwas Nütze sein. Boris Johnson, der dann der Favorit wäre, umschiffte diese Frage zuletzt scherzhaft. Fünf Jahre seien eine sehr lange Zeit, und der nächste Chef der Tories sei möglicherweise ein "Baby, das noch nicht geboren wurde".

Quelle: n-tv.de

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