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"Man kann nicht sagen, dass Donald Trump keine Chance hat, die Nominierung zu gewinnen."
"Man kann nicht sagen, dass Donald Trump keine Chance hat, die Nominierung zu gewinnen."(Foto: imago/ZUMA Press)

Wut im US-Wahlkampf: "Der amerikanische Traum funktioniert"

In den USA gehe es viel um Entertainment, sagt die Politologin Sudha David-Wilp. "Wir lieben markante Persönlichkeiten, und das ist Donald Trump ganz bestimmt. Aber er ist auch gefährlich, denn er hat keinen Plan."

n-tv.de: Was sagt es über die USA, dass bei Republikanern und Demokraten Präsidentschaftskandidaten erfolgreich sind, die sich als Außenseiter inszenieren und zum Teil keinerlei politische Erfahrung haben?

Sudha David-Wilp ist Senior Fellow des German Marshall Fund of the United States in Berlin.
Sudha David-Wilp ist Senior Fellow des German Marshall Fund of the United States in Berlin.(Foto: GMFUS.org)

Sudha David-Wilp: Es liegt wohl vor allem daran, dass die Wähler eine dynastische Präsidentschaftswahl haben kommen sehen, Bush gegen Clinton. Davon haben Außenseiter profitiert – bei den Republikanern Donald Trump und Ted Cruz, bei den Demokraten Bernie Sanders. Denn die Wähler wollten keine Wahl der Dynastien. Und es gibt in diesem Wahlkampf ein Thema, das lange ignoriert wurde: die Wut über die zunehmende soziale Ungleichheit, die auf beiden Seiten eine große Rolle spielt.

Apropos soziale Ungleichheit: Warum halten so viele US-Bürger eine öffentliche Krankenversicherung für gefährlich?

Wir haben ein interessantes Verhältnis zum Staat. Amerikaner bewundern Amtsträger für den Dienst, den sie am Land und an der Gesellschaft leisten. Wir haben großen Respekt vor unserem Militär. Aber wir denken auch, dass individuelle Rechte wichtig sind. Wir glauben nicht, dass der Staat sich von der Wiege bis zur Bahre um alles kümmern muss.

Bernie Sanders nennt als politisches Vorbild die skandinavischen Sozialstaaten und findet damit bei jungen Leuten viel Anklang. Ändert sich die Haltung der Amerikaner zum Staat gerade?

Die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung durch Barack Obama wird Amerika verändern, aber nicht so weit, dass man die USA mit den europäischen Sozialstaaten vergleichen kann. Sanders fordert eine Krankenversicherung für alle, was noch über Obamas Gesundheitsreform hinausgehen würde. Aber ich glaube nicht, dass das der zentrale Grund für seinen Erfolg ist. Sanders schwimmt eher auf einer Welle wirtschaftlicher Ängste: Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Unmut über das "eine Prozent" der Amerikaner, das fast so viel besitzt wie die unteren 90 Prozent, wie er immer sagt, und über das angebliche Verschwinden des amerikanischen Traums. Diese Art Unmut meint auch Donald Trump, wenn er sagt, "Let's make America great again".

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Funktioniert denn der amerikanische Traum, das Versprechen von Aufstiegsschancen, noch?

Natürlich! Ich glaube völlig an den amerikanischen Traum – ohne den amerikanischen Traum wäre Barack Obama nicht der 44. Präsident der Vereinigten Staaten. Seine Präsidentschaft bezeugt, dass der amerikanische Traum funktioniert. Amerika hat die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Aber natürlich müssen wir fragen, ob unser Bildungssystem noch ausreichend Chancengleichheit bietet, ob unterschiedliche Familienmodelle anerkannt werden. Das sind Fragen, die die amerikanischen Wähler hoffentlich bald stellen werden.

Das meinte wohl auch Hillary Clinton, als sie nach ihrer Niederlage in New Hampshire sagte: "Wut ist ein machtvolles Gefühl, aber es ist kein Plan." Nur scheinen die Wähler im Moment keinen Plan zu wollen, sondern jemanden, der ihre Wut artikuliert. Jemanden wie Trump oder Sanders.

Ich habe großes Vertrauen in die Amerikaner. Im Moment genießen wir die Dramatik des Wahlkampfes, und natürlich spielen Gefühle dabei eine große Rolle. Aber je länger die Vorwahlen dauern, umso mehr Wähler werden sich fragen, welche spezifischen Pläne die Kandidaten haben, was ihre Programme sind. Dass außenpolitische Fragen nicht gerade eine Stärke von Bernie Sanders sind, haben wir schon gesehen. Bei den Republikanern ist Marco Rubio in der Kandidatendebatte vor den Wahlen in New Hampshire von Chris Christie regelrecht demontiert worden – Christie hatte Rubio vorgeworfen, immer dieselben Sprüche zu wiederholen ...

... und den Nagel damit auf den Kopf getroffen.

Über kurz oder lang werden wir sehen, wer sich im Vorwahlkampf bewährt.

Wer unter den republikanischen Kandidaten könnte Donald Trump stoppen?

Trump ist ein ziemlich überraschendes Phänomen – ich dachte im letzten Sommer, er sei ein Strohfeuer, mehr nicht. Aber er hat die Aufmerksamkeit der Amerikaner auf sich gezogen.

Wie hat er das geschafft?

Bei uns geht es viel um Entertainment, wir lieben markante Persönlichkeiten, und das ist Donald Trump ganz bestimmt. Aber er ist auch gefährlich, denn er hat keinen Plan. Das republikanische Establishment weiß das. Sie müssen sich also auf einen Kandidaten einigen, den sie gemeinsam unterstützen – einen Kandidaten aus der Riege der Gouverneure, wie Jeb Bush oder John Kasich, den Gouverneur von Ohio. Oder Marco Rubio, auch wenn er nicht die Erfahrung eines Regierungsamtes vorweisen kann.

Können Sie sich vorstellen, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wird?

Man kann nicht sagen, dass Donald Trump keine Chance hat, die Nominierung zu gewinnen. Aber ich kann es mir im Moment nicht vorstellen, nein. Ich komme aus New York, ich kenne den Trump Tower und die Großspurigkeit, mit der Trump daherkommt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er im Oval Office sitzt und Entscheidungen trifft, bei denen es um Leben und Tod geht.

Sehen Sie einen Kandidaten, der es schaffen könnte, den USA ein Gefühl der Einigkeit zurückzugeben?

John Kasich wäre so jemand; er hat vermutlich mehr demokratische als republikanische Anhänger. Aber auch Hillary Clinton könnte das schaffen. Vielen Menschen außerhalb von Washington ist nicht klar, dass sie auch von ihren früheren republikanischen Senatskollegen sehr respektiert wird. Außerdem: Sobald ein Präsident das Weiße Haus betritt, weiß er, dass er für die ganzen USA da sein muss.

Mit Sudha David-Wilp sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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