Politik
Der beste Öffentlichkeitsarbeiter seiner Partei: Gregor Gysi.
Der beste Öffentlichkeitsarbeiter seiner Partei: Gregor Gysi.(Foto: dapd)

Gregor Gysi wird 65: Der linke Gaukler

Von Wolfram Neidhard

Im Bundestag gehört er zu den begnadetsten Rednern. Gregor Gysi ist derzeit aus der deutschen Politik nicht wegzudenken. Die Linkspartei benötigt nach wie vor die Dienste des nunmehr 65 Jahre alten Berliners. Der ewige Fraktionsvorsitzende weiß das und bleibt an Bord.

Ein Tag Ende Oktober 1989: Der Vertreter des DDR-Innenministeriums kommt ins Schwitzen. In einer Diskussionsrunde des DDR-Fernsehens zum Entwurf des Reisegesetzes hat er einen schweren Stand, von allen Seiten hagelt es Kritik. Besonders macht ihm ein kleiner, zierlicher Mann mit einer aus kleinen runden Gläsern bestehenden Nickelbrille zu schaffen: Er heißt Gregor Gysi und ist Rechtsanwalt. Dieser Gesetzentwurf sei nicht ausreichend und werde das Volk nicht beruhigen, sagt der Jurist sinngemäß. Der Offizier in Volkspolizeiuniform ist dem eloquenten Gysi nicht gewachsen. Genüsslich pflückt dieser Passagen des Gesetzentwurfs auseinander. Ein paar Tage später ist die Diskussion hinfällig: Am 9. November werden die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze durchlässig - Hunderttausende DDR-Bürger beginnen ihre Erkundungstouren im Westen.

Abgeordneter der Volkskammer 1990.
Abgeordneter der Volkskammer 1990.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Mann vom Ministerium ist nicht mehr im Fernsehen gesehen worden, Gysi dagegen umso mehr. Der Mann, der einer deutsch-jüdischen Familie entstammt, wird zu einem der wichtigsten Politiker der untergehenden DDR und später des vereinigten Deutschlands. Trotz eines über Jahrzehnte politisch aktiven Vaters, ist das in Gregor Gysis Lebenslauf eigentlich nicht vorgesehen. Nun sitzt Gysi mit 65 Jahren immer noch im Deutschen Bundestag. Und wird wohl bleiben, denn in der kommenden Legislaturperiode wird er von den Linken weiter als Fraktionschef gebraucht. Auch mehr als 22 Jahren nach der Wiedervereinigung Deutschlands würde sein Weggang eine zu große Lücke in die Linkspartei reißen.

Die Wendewirren von 1989/1990 schwemmen ihn in die Politik. Seinen nächsten Auftritt hat Gysi bei der riesigen Demonstration am Berliner Alexanderplatz am 4. November. Obwohl seine SED-Mitgliedschaft bekannt ist, wird seine Rede mit freundlichem Beifall bedacht. Gysi bemüht sich um Ausgleich und scheut sich nicht, den Sicherheitskräften Dank auszusprechen, garniert allerdings mit einer Forderung: "Unser Ziel muss sein, dass die Polizei friedliche Demonstranten schützt und damit den Begriff Volkspolizei rechtfertigt." Gysi ist die Anspannung anzumerken, er klebt während seiner Rede am Blatt.

Abgewirtschaftet: Egon Krenz und Günter Schabowski.
Abgewirtschaftet: Egon Krenz und Günter Schabowski.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Mehr als einen Monat später ist Gysi in aller Munde. Der revolutionäre Sturm hat Erich Honeckers Nachfolger Egon Krenz und das SED-Politbüro von der Macht gefegt. Die SED - sie hat ihren Führungsanspruch längst aufgegeben - steht ohne Spitze da. Ein außerordentlicher Parteitag ist notwendig:  in der Ostberliner Dynamo-Sporthalle, ganz ohne Pomp und den sonst üblichen Grußadressen. Vom 8. bis zum 9. Dezember wird debattiert, die Nacht wird zum Tag gemacht. Gysis ist plötzlich Vorsitzender, bekommt mit Ministerpräsident Hans Modrow und Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer zwei Stellvertreter zur Seite gestellt. Kein Politbüro, kein Zentralkomitee, dafür aber einen großen Besen. Und Gysi spricht Klartext:  "Unsere ehemalige Parteiführung, die sich zu einem beachtlichen Teil inzwischen in Untersuchungshaft befindet, hat uns und damit unser Land in eine tiefe Krise geführt." Einen demokratischen Sozialismus gibt er als Ziel aus. Krenz und das ehemalige Politbüromitglied Günter Schabowski sind auf dem Parteitag zugegen, sie sitzen sehr weit hinten - und haben nichts mehr zu sagen. Eine Woche später wird noch einmal getagt.

Gysi ist klar, dass die Partei, sie benennt sich bis zum 4. Februar 1990 zwei Mal um - erst in SED-PDS und danach in PDS - bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 in die Opposition geschickt wird. Allerdings kommt ein Großteil der Genossen mit der neuen Rolle nicht klar. Die Mitgliederzahl der PDS sinkt dramatisch, Hunderttausende verlassen die Partei - sie ist nicht mehr karrierefördernd, sondern karriereschädigend. Gysi sorgt aber dafür, dass die PDS nicht aufgelöst wird und damit von der Bildfläche verschwindet. Teile des Vermögens und Funktionärs-Arbeitsplätze werden so gerettet. Die undurchsichtige Vermögensfrage wird noch zu einem juristischen Problem, das zeitweise die Existenz der Partei gefährdet.

"Ihr habt die DDR vergessen"

Anders als die von Lothar de Maizière geführte DDR-Regierung will Gysi keine schnelle Einheit Deutschlands - den Zug aufhalten kann er aber nicht. Gysi sorgt immerhin dafür, dass der Volkskammerbeschluss ordentlich formuliert wird. "Die Volkskammer erklärt den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit Wirkung vom 3. Oktober 1990", heißt es ursprünglich. "Ihr habt die DDR vergessen", raunt er Volkskammer-Vizepräsident Reinhard Höppner zu. Dieser lässt umgehend korrigieren. Kurzum: Gysi sorgt für einen juristisch einwandfreien Beitritt und "rettet" damit die Wiedervereinigung mit.

Für Gysi und seine Mitstreiter ist Bonn ein heißes Pflaster, fast schon Feindesland. Er beklagt die Ausgrenzung durch die anderen Fraktionen - die PDS ist bis 1998 ohnehin nur mit einer Gruppe im Parlament vertreten. Sie bleibt bei den Bundestagswahlen 1990  und 1994 unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde, gewinnt aber in Berlin Direktmandate. Erst 1998, dem Jahr der Abwahl der Kohl-Regierung, geht es für die PDS über die Fünf-Prozent-Marke, die erste Legislaturperiode der rot-grünen Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder wird in Fraktionsstärke begleitet.

Betrachtung einer Szene aus dem Computerspiel "Captain Gysi - Galaxis Futura". Das Spiel ist eine Polit-Satire zur Bundestagswahl 1998.
Betrachtung einer Szene aus dem Computerspiel "Captain Gysi - Galaxis Futura". Das Spiel ist eine Polit-Satire zur Bundestagswahl 1998.(Foto: Associated Press)

Die Partei macht es ihm nicht leicht. Die Doppelbelastung als Parteichef und Vorsitzender der Bundestagsgruppe überfordert ihn. Gysi ist der mediale Einzelkämpfer und beklagt das mitunter auch. Ein Stück Eitelkeit ist wohl dabei. Dazu kommen Richtungskämpfe, vor allem mit der von Sahra Wagenknecht geleiteten Kommunistischen Plattform. Das ermüdet Gysi und er zieht die Reißleine - Anfang 1993 gibt er den PDS-Vorsitz an Lothar Bisky ab.

Gysis Akzeptanz in den Ländern der alten Bundesrepublik steigt. Mit seinem Unterhaltungstalent kommt er zwischen Schleswig-Holstein und Bayern gut an. Auf die PDS färbt das allerdings nicht ab. Gysi sei in der falschen Partei, heißt es. Im Bundestag verzichten die politischen Gegner zunehmend auf Zwischenfragen, weil der Redner seinen Gegenüber mitunter schlecht aussehen lässt. Gysis Ansehen bei den Parlamentskollegen wächst und damit auch der parteiübergreifende Respekt für seine Person.

Aber es gibt auch die Vorwürfe gegen Gysi wegen angeblicher Tätigkeit als Stasi-IM im Rahmen seiner Arbeit als Verteidiger in der DDR. Die entsprechende Feststellung des Bundestags-Immunitätsausschusses hat allerdings keine gravierenden Auswirkungen auf Gysis Arbeit. Der Rechtsanwalt agiert geschickt und klagt erfolgreich gegen seine Bezeichnung als "IM Notar". Neben der PDS stimmt auch die FDP dem Papier des Immunitätsausschusses nicht zu – wegen Fehlern und Mängeln im Verfahren.              

Berliner Kurzzeit-Senator

Nur ein paar Monate hält es Gysi - hier mit seinem ehemaligen Chef Klaus Wowereit - im Berliner Senat.
Nur ein paar Monate hält es Gysi - hier mit seinem ehemaligen Chef Klaus Wowereit - im Berliner Senat.(Foto: dapd)

Für die PDS ist die Dominanz Gysis überlebensnotwendig, sie ist aber auch kontraproduktiv. Der Ausflug des "Hansdampf in allen Gassen" in die Berliner Landespolitik bekommt dem Berliner Landesverband sehr gut - 22,6 Prozent bekommt die PDS bei der Abgeordnetenhauswahl 2001, mit der SPD geht sie eine Koalition ein, die zwei Legislaturperioden halten soll. Die Bundespartei erleidet bei der Bundestagswahl 2002 Schiffbruch. Auch der Berliner Wirtschaftssenator Gysi ist nur eine kurze Episode: Er nimmt nach einem halben Jahr Amtszeit die Bonusmeilen-Affäre als Vorwand zum überstürzten Rücktritt. Weg von der mühsamen Sacharbeit, das kommt auch in der eigenen Partei gar nicht gut an.    

Gysi geht es in den folgenden Jahren gesundheitlich nicht gut. Eine schwere Gehirnoperation steht 2004 an. Mehrere Herzinfarkte und ein Hörsturz legen ihn lahm. Auch die PDS liegt in dieser Zeit am Boden. Lothar Bisky muss die glücklose Gabi Zimmer 2003 als Parteichefin wieder ablösen. Er wartet sehnsüchtig auf den umtriebigen Gysi, der seinen Hilferuf auch erhört.

Die rot-grüne Agenda-Politik haucht der PDS wieder Leben ein, die Unzufriedenheit der Wähler mit der SPD räumt sogar den Weg zum Westen frei. Mit Oskar Lafontaine, der die WASG in die Ehe bringt, stößt ein weiteres Schwergewicht dazu. Der Saarländer wird natürlich  Chef - erst der Bundestagsfraktion, gemeinsam mit Gysi. Danach auch in der zur "Die Linke" erneut gehäuteten Partei. Gysi ist der Hoffnungsträger der Ost-Genossen, die sich vor der Dominanz Lafontaines fürchten. Er beruhigt seine alten Genossen: "Ein bisschen chefig bleibe ich schon."

Die linken Alphatiere.
Die linken Alphatiere.(Foto: dpa)

Ein fragiles Machtkonstrukt wird in der Linkspartei installiert. Zwei Alphatiere sollen vertraulich zusammenarbeiten. Das geht nicht lange gut. Gysi kommt zunächst Lafontaine entgegen und opfert seinen engen Weggefährten, Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, wegen dessen angeblicher Illoyalität Lafontaine gegenüber. Der Saarländer will aber mehr: Seine Lebensgefährtin Wagenknecht, der Gysi noch immer kritisch gegenübersteht, soll mit an die Fraktionsspitze. Das ist zu viel für den Berliner: Er wird "chefig" - sein Verhältnis zu Lafontaine ist seitdem gespannt.                  

Vor der Bundestagswahl 2013 steckt Gysi sein Feld ab. Fraktionschef will er bleiben und am sehr dicken Brett "Mehrheit links von der Mitte mit SPD und Grünen" feilen. Für Gysi ist es ein großes Projekt, das noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Er weiß, dass dabei auch seine Partei gefordert ist.

Die Politik lässt ihn nicht los, sie ist wohl auch eine Art Familienersatz. Erst Ende des vergangenen Jahres erscheint ein Artikel, der ihn als einsamen Menschen beschreibt. Seine zweite Frau Andrea, die auch für die PDS im Bundestag saß, die Partei 2002 aber verlassen hat, lebt mit der gemeinsamen Tochter getrennt von ihm. Auch die engen Freunde werden weniger: Das Verhältnis Gysis zu Bisky und Bartsch soll nicht mehr so eng sein.

Er weiß, dass sein Stern nicht mehr so hell leuchtet. Aber Gysis Gabe, Menschen begeistern zu können, unterscheidet ihn noch von seinen Mitstreitern. Wenn die Gesundheit es zulässt, dann wird Gregor Gysi noch einige Jahre eine wichtige Rolle auf der politischen Bühne Deutschlands spielen. Die Linke kann auf ihren Gaukler nicht verzichten.

Quelle: n-tv.de

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