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Ein Tag voller Symbolik: Aus der Großbaustelle soll eines Tages ein Großflughafen werden.
Ein Tag voller Symbolik: Aus der Großbaustelle soll eines Tages ein Großflughafen werden.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Fluchhafen BER: Desaster mit Ansage

Von Jan Gänger

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und so wird gemeinhin damit gerechnet, dass der Berliner Großflughafen eines Tages tatsächlich in Betrieb geht. Wann das sein wird, steht allerdings in den Sternen. Ein Blick zurück zeigt: Das ist nur konsequent.

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Es hätte so schön werden können. Sechs Männer rammen ihre Spaten stolz in den märkischen Sand und geben damit den Startschuss für den Bau eines der größten Infrastrukturprojekte Deutschlands: den neuen Großflughafen vor den Toren Berlins. An diesem reizvollen Septembertag des Jahres 2006 ist die Stimmung gelöst, ja heiter. Es riecht nach Zuversicht und Hoffnung.

Das Sextett strotzt vor Tatendrang. Das ist verständlich, schließlich blickt das Prestigeprojekt auf einen langen, beschwerlichen Weg zurück. Doch nun sind alle Hindernisse überwunden, jetzt ist der Weg frei, kann endlich nach Herzenslust gebaut werden. Was allerdings keiner der Herren weiß: Das Schlimmste kommt erst noch.

Und so freut sich Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee über einen "großen Tag für den Ostteil unseres Landes". Der Flughafen werde die Hauptstadtregion in eine neue Liga katapultieren. Berlins Regierender Bürgermeisters Klaus Wowereit spricht von einem Garanten für zehntausende neue Arbeitsplätze. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck ist sich sicher, dass sich auch für den Tourismus neue Perspektiven eröffnen.

Optimismus pur

Matthias Platzeck und Klaus Wowereit.
Matthias Platzeck und Klaus Wowereit.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Überschwang ist verständlich. Denn so glänzend die Zukunft ausgemalt wird, so schwierig waren die vergangenen 15 Jahre. Das Gezerre um den Standort, die zahllosen Klagen von Anwohnern, die gescheiterte Vergabe des Baus an ein privates Konsortium, die Verzögerung durch einen zeitweiligen Baustopp – all das gehört der Vergangenheit an.

Als die Spaten geschwungen werden, ist der locker ins Auge gefasste Eröffnungstermin bereits mehrfach verschoben worden – auf den 30. Oktober 2011. Ursprünglich sollte der Flughafen im Jahre 2007 in Betrieb gehen, dann 2008, dann 2009.

Doch die Zuversicht bleibt ungetrübt an jenem Spätsommertag, auch bei dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn, der angesichts der millionenschweren Investitionen des Staatskonzerns in einen unterirdischen Bahnhof einträchtig mitbuddeln darf. Was er nicht weiß: Rund sechs Jahre später wird die von ihm geführte Air Berlin die Betreiber des Flughafens auf millionenschweren Schadenersatz verklagen.

Nomen est omen

Dabei hätte im Rückblick spätestens im Jahre 2005 klar sein können, dass Ungemach droht. Das Bundesverwaltungsgericht hatte den Eilanträgen von 4000 Anwohnern stattgegeben und einen Baustopp verhängt. Damals erwarb sich Berlin Regierender Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft den Spitznamen, der ihm in den kommenden Jahren immer wieder angehängt wird: Wowi, der Bruchpilot.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im März 2006 gibt das Gericht zwar grünes Licht, lediglich die Lärmschutzauflagen werden verschärft. Dennoch steht das Projekt auch weiterhin unter keinem guten Stern. Im Juni 2010 wird verkündet, dass die Eröffnung im Oktober 2011 nicht stattfinden wird. Begründung: Die Pleite der Planungsfirma für den Innenausbau des Terminals, der kalte Winter und neue EU-Sicherheitsrichtlinien für die Gepäckkontrolle. Wowereit gibt sich energisch und nennt den 3. Juni 2012 als neuen Eröffnungstermin. Das ist recht ambitioniert, denn der Bau hängt dem Zeitplan Berichten zufolge nicht sieben Monate, sondern sehr viel länger hinterher - von den Mängeln einmal abgesehen.  Aber Wowereit verkündet: "Ohne Druck auf dem Kessel geht es nicht, sonst besteht das Risiko, dass sich das wie ein Kaugummi zieht."

Das ist Wowereit zweifellos gelungen – also das mit dem Druck auf dem Kessel. Und dieser nimmt sogar noch kräftig zu. Nur wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung ist er im Mai 2012 so groß, dass die Inbetriebnahme des Großflughafens erneut verschoben werden muss. Beim Brandschutz gibt es erhebliche Probleme.

"Eine Erfolgsgeschichte"

"Das ist kein guter Tag für den Flughafen Berlin-Brandenburg", gesteht Wowereit ein. "Man kann es als ein Desaster bezeichnen, da gibt es nichts zu beschönigen." Dennoch schreibt er allen Zweiflern ins Stammbuch: Der Flughafen ist bei allen Problemen "nach wie vor eine Erfolgsgeschichte. Dafür sind wir dankbar".

"Das Gefährlichste wäre jetzt, dass der Druck aus dem Kessel entweicht und so getan wird, als hätten wir unendlich viel Zeit und als sei es egal, ob es zwei, drei oder vier Monate dauert", sagt der Oberaufseher im Berliner Abgeordnetenhaus. "Nein! Wir müssen gemeinsam ein großes Interesse daran haben, dass dieser Flughafen so schnell wie möglich eröffnet wird."

Auf einen genauen Termin für die Eröffnung will er sich zunächst nicht festlegen, spricht aber von einem Datum nach dem Ende der Sommerschulferien am 3. August. Doch ganz so viel Druck im Kessel ist ihm dann wohl doch nicht geheuer. Kurz darauf wird der 17. März 2013 als neuer, endgültiger Termin verkündet.

Während viele Inhaber von Geschäften und Restaurants angesichts der kurzfristig anberaumten Verschiebung in ernste finanzielle Schwierigkeiten geraten, die Architekten gefeuert werden, an der Baustelle Stillstand herrscht, ein neuer Technikchef eingestellt wird und sich das wahre Ausmaß der Probleme abzeichnet, steht irgendwann fest, dass auch dieser Termin nicht zu halten ist. Der neue offizielle Termin wird der 27. Oktober 2013.

Doch auch daraus wird nichts. Im Januar – die Kosten sind mittlerweile von 2 Milliarden auf 4,3 Milliarden Euro gestiegen – wird die Eröffnung wieder verschoben. Auf einen neuen Termin will sich niemand festlegen. Vielleicht geht der Flughafen 2014 in Betrieb, vielleicht auch erst 2015 oder noch später. "Es ist dramatisch. Es ist ein Desaster", sagt der neue Aufsichtsratschef Platzeck angesichts der gravierenden Baumängel und tröstet: "Wir müssen wahrscheinlich nicht abreißen."

Quelle: n-tv.de

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