Politik
Ein Teilnehmer einer Demonstration weißer Nationalisten in Washington zeigt sich mit einer Mütze aus dem Trump-Wahlkampf.
Ein Teilnehmer einer Demonstration weißer Nationalisten in Washington zeigt sich mit einer Mütze aus dem Trump-Wahlkampf.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 06. August 2017

US-Politologe im Interview: "Die Alt-Right hielt immer zu Trump"

Es ist möglich, die Alt-Right-Bewegung als Strömung zu sehen, in der sich Rechtsradikale und Antisemiten tummeln, doch sie ist auch eine Reaktion auf die kulturelle Hegemonie der politischen Linken. Sicher ist: Ihr zentrales Thema ist die Ablehnung von Einwanderung.

n-tv.de: Wer hat den Begriff "Alt-Right" geprägt?

George Michael lehrt Strafjustiz an der Westfield State University in Massachusetts. Er hat mehrere Aufsätze zur Alt-Right-Bewegung veröffentlicht.
George Michael lehrt Strafjustiz an der Westfield State University in Massachusetts. Er hat mehrere Aufsätze zur Alt-Right-Bewegung veröffentlicht.(Foto: www.westfield.ma.edu)

George Michael: Das war ein jüdischer Intellektueller namens Paul Gottfried. Er benutzte den Begriff "alternative Rechte" 2008 in einem Vortrag, um eine rechtsgerichtete Ideologie zu beschreiben, die sich vom Mainstream-Konservatismus absetzte. Gottfried hatte schon den Begriff "Paläokonservative" eingeführt, um sich selbst und andere Intellektuelle von den Neokonservativen abzugrenzen, die damals, zur Zeit der Präsidentschaft von George W. Bush, die Republikanische Partei dominierten.

Die Neokonservativen waren sehr interventionistisch, einige von ihnen wollten beispielsweise einen Krieg mit dem Iran anfangen, sie propagierten freie Märkte und offene Grenzen. Aus Sicht der Paläokonservativen waren die Demokraten und die Neokonservativen zwei Seiten ein und derselben Medaille. Beide bewegten das Land im Grunde in dieselbe Richtung: offene Grenzen, Freihandel, Multikulturalismus. Und die Paläokonservativen glaubten, dass diese Trends zerstörerisch für die USA sein würden.

Gibt es ein zentrales Thema, das die Bewegung zusammenhält?

Ich würde sagen, das ist das Thema Einwanderung, die Ablehnung von Einwanderung. Die Alternative Rechte geht davon aus, dass die Masseneinwanderung aus Staaten Lateinamerikas die demographische Struktur der USA drastisch verändern wird. Um es direkt zu sagen: Das Land wird weniger weiß, und die Alt-Right-Bewegung glaubt, dass nur die weißen Amerikaner die Institutionen erhalten können, die wir mit der westlichen Zivilisation verbinden: Demokratie, einen eingeschränkten Staat, solche Dinge. Sie glauben, dass es ernsthafte Konsequenzen haben wird, wenn sich die ethnische Zusammensetzung der Nation verändert.

Wie weit nach rechts reicht diese Bewegung? Gehören auch Neonazis und weiße Suprematisten dazu?

Man kann sagen, dass Neonazis und weiße Suprematisten dazugehören, aber sie sind gewissermaßen eine Teilmenge der Bewegung. Ich glaube, dass man in den letzten Jahren zwischen dem harten Kern der Neonazis und den weißen Nationalisten auf der einen und der Alternativen Rechten auf der anderen Seite unterscheidet. Die Alternative Rechte versucht, ihre Argumente in den Floskeln von Selbstbestimmung zu entwerfen. Die Identitäre Bewegung etwa spielt eine wichtige Rolle in der Alt-Right. Sie sagen: Wir sind keine Suprematisten, wir wollen andere Völker nicht beherrschen. Wir wollen Selbstbestimmung.

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Die Alternative Rechte stellt ihren Nationalismus als natürliche Schlussfolgerung der Identitätspolitik dar. Zum Beispiel können African-Americans für ihre Identität eintreten und daran glauben, Teil einer "afrikanischen Diaspora" zu sein. Entsprechend sagen Alternative Rechte, Weiße sollten ihre eigene Nation haben, sie sollten stolz darauf sein, weiß zu sein.

Gibt es Umfragen, die zeigen, wie viele Amerikaner solche Ansichten teilen?

Ich kenne keine solchen Umfragen. Natürlich können wir uns die Wahl von Donald Trump ansehen – wobei ich nicht sagen will, dass alle seine Wähler weiße Nationalisten waren. Aber viele Themen, die Trump ins Weiße Haus getragen haben, treiben auch die Alternative Rechte an. Zum Beispiel eine Kritik an der Einwanderung oder Dinge wie die sich verändernde amerikanische Wirtschaft und ein Verlust vieler guter Jobs.

Spielt die Tea Party in der Alt-Right-Bewegung irgendeine Rolle?

Die Tea Party entstand nicht lange nachdem Präsident Barack Obama sein Amt angetreten hatte. Sie spielte eine Rolle, und die Tea Party war auch für die Beschränkung von Einwanderung, aber ihr zentrales Anliegen war es, den Einfluss des Staates sowie die staatlichen Ausgaben zu beschränken. Sie war eher libertär ausgerichtet, außerdem ein bisschen salonfähiger als die Alternative Rechte. Themen wie Rasse, Kultur und Identität waren innerhalb der Tea-Party-Bewegung nicht ganz so wichtig.

Steve Bannon, jetzt Trumps Chefstratege im Weißen Haus, hat die von ihm lange geleitete Internetseite Breitbart als "Plattform" der Alternativen Rechten bezeichnet. Gehört er zur Alt-Right-Bewegung oder ist er nur ein Konservativer, der ein bisschen exzentrischer ist?

Er teilt zweifellos einige Positionen der Alternativen Rechten. Zum Beispiel glaubt er, dass die westliche Zivilisation einer sehr ernsten Bedrohung durch den radikalen Islam ausgesetzt ist. Er glaubt außerdem, dass eine Politik der offenen Grenzen zerstörerisch ist und die Nation ruinieren wird. Auch wenn er nicht zum selben Segment gehört wie der weiße Nationalist Richard Spencer, steht er der Bewegung doch ziemlich nahe.

Wie stehen normale Konservative zur Alt-Right-Bewegung?

Im Moment halten sie Abstand, sie betrachten die Alternativen Rechten als radioaktiv – vor allem seit November 2016, als Richard Spencer bei einem Treffen seines "National Policy Institute" einen Auftritt hatte. Er hob sein Glas auf eine Art und Weise, die an den römischen Gruß erinnerte, der mit dem "Dritten Reich" in Verbindung gebracht wird. [Spencer rief dabei "Heil Trump"; im Publikum reagierten mehrere Zuschauer mit dem Hitlergruß; Anm.d.Red.] Das hat die Bewegung wirklich polarisiert. Einige Leute, die sich als Teil der Alternativen Rechten sahen, distanzierten sich daraufhin von diesem Begriff. Das ist wohl auch der Grund, warum sich kein Kongressmitglied offen zur Alt-Right bekannt hat. Spencer war es übrigens, der den Begriff bekannt machte, indem er 2010 die Webseite "The Alternative Right" gründete.

Wie stark ist Antisemitismus in der Alternativen Rechten vertreten?

In der Alternativen Rechten bezieht man sich gelegentlich auf die "JQ", die "jewish question", die jüdische Frage. Sie meinen damit, dass es in der Alternativen Rechten Leute gibt, die glauben, dass Rasse wichtig sei. Aber sie gehen nicht so weit, die Rolle von Juden in Amerika zu thematisieren. Die Grundlage für den Antisemitismus der Alternativen Rechten kommt von Kevin MacDonald. Er sagt im Grunde genommen, dass Juden seit Jahrhunderten eine feindliche Haltung zum Westen haben. Juden hätten das Ziel, Nationen zu vermischen und aufzulösen, um antisemitische Massenbewegungen zu verhindern.

Sieht (zumindest auf diesem Foto) aus wie Harry Potter, ist schwul, radikal rechts und exzentrisch: Milo Yiannopoulos, ein "Einfallstor" der Alt-Right-Bewegung.
Sieht (zumindest auf diesem Foto) aus wie Harry Potter, ist schwul, radikal rechts und exzentrisch: Milo Yiannopoulos, ein "Einfallstor" der Alt-Right-Bewegung.(Foto: AP)

Um Ihre Frage zu beantworten: Nicht in allen, aber in wichtigen Teilen der Alternativen Rechten spielt Antisemitismus eine große Rolle. Interessanterweise gilt das in gewisser Weise auch für jene Teile der Alternativen Rechten, die nicht explizit antisemitisch sind. Der Moderator Alex Jones von der Internetseite "InfoWars" beispielsweise verbreitet mitunter Verschwörungstheorien, die historisch gesehen aus antisemitischen Zusammenhängen kommen.

Wie wichtig waren Alt-Right-Aktivisten für Trumps Wahlsieg im November?

Viele Anhaltspunkte dazu sind Einzelberichte. Eines kann man sagen: Die Alternative Rechte schwankte zu keinem Zeitpunkt in ihrer Unterstützung für Donald Trump. Es gab Zeiten, zu denen Konservative auf Distanz zu Trump gegangen sind, beispielsweise Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses, nachdem die elf Jahre alten Aufnahmen bekannt wurden, in denen Donald Trump peinliche Bemerkungen darüber macht, wie er Frauen begrapscht hat. Wichtig war die Unterstützung der Alternativen Rechten sicher auch in Form von Internet-Trollen, die negative Geschichten über Hillary Clinton in sozialen Netzwerken und Foren teilten und verbreiteten. Diese Troll-Armee trug sicherlich zur Wahl von Donald Trump bei. Schließlich war es die erste Wahl, in der die alternativen Medien eine große Rolle dabei spielten, die etablierten Medien zu umgehen.

Würde man zu weit gehen, wenn man Trump als Alt-Right-Präsidenten bezeichnete?

Ja, ich glaube, das würde zu weit gehen. Er ist stark von Steve Bannon beeinflusst worden und einige Punkte in seiner Ideologie passen zur Alt-Right-Bewegung: die Idee, dass Grenzen verteidigt werden müssen, dass die USA bessere Handelsverträge brauchen, dass Amerika seine industrielle Basis aufmöbeln und sich um einfache Arbeiter kümmern muss. Aber ich würde nicht so weit gehen, ihn als Alt-Right-Präsidenten zu bezeichnen.

Lassen Sie uns über Milo Yiannopoulos sprechen. Spielt er nach seinem Interview, in dem er Sex zwischen Erwachsenen und Kindern verteidigt hat, noch eine Rolle in der Alt-Right-Bewegung?

Er spricht darin davon, wie er als 13-Jähriger Oralsex mit einem Priester hatte und machte einen Witz daraus. Milo Yiannopoulos ist weiterhin eine wichtige Figur. Er selbst weist die Zuschreibung "Alt-Right" zurück, aber auch er vertritt zahlreiche Positionen der Alternativen Rechten. Auch er glaubt, dass Grenzen verteidigt werden müssen, er hat Trumps Einreisebann gegen einige muslimische Länder unterstützt. Milo Yiannopoulos geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt, er hätte kein Problem damit, wenn Trump muslimische Einwanderung komplett verbieten würde. Aus seiner Sicht sollten die Alternativen Rechten nicht als weiße Nationalisten oder Suprematisten beschrieben werden, sondern als westliche Zivilisationssuprematisten. Wichtig ist er für die Alt-Right-Bewegung, weil er als eine Art Einfallstor fungiert. Er geht in die Universitäten und spricht über Migration, Feminismus und Multikulturalismus. Ich glaube, viele Leute finden das befreiend, denn es gibt in Amerika einen gewissen Widerwillen, offen über sensible Themen zu sprechen. Und im Internet ist er nur ein paar Klicks von Richard Spencer entfernt.

Glauben Sie wirklich, dass er mehr ist als nur ein Beispiel dafür, wie extrem gespalten und radikal die amerikanische Politik und Gesellschaft geworden sind? Denn er scheint doch vor allem Werbung für sich selbst zu machen.

Das stimmt, er ist extrem narzisstisch. Aber trotzdem denke ich, dass er an seine Botschaften glaubt. Und ja, er ist symptomatisch für die Polarisierung, die wir in der amerikanischen Politik sehen. Manche Leute sagen, das Land sei stärker gespalten als jemals seit dem Bürgerkrieg. Ich fürchte, das wird noch eine ganze Weile so bleiben.

Milo Yiannopoulos hat seine Autobiographie "Dangerous" genannt. Halten Sie die Alt-Right-Bewegung für gefährlich?

Das kommt auf die Perspektive des Betrachters an. Die Kultur wird seit einiger Zeit wirklich von der politischen Linken dominiert – weniger der Bereich der Wirtschaftspolitik, hier dominierte eher der Neoliberalismus. Aus der Perspektive der Linken ist die Alternative Rechte eine Herausforderung ihrer kulturellen Hegemonie.

Mit George Michael sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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