Politik
Ein Samstag in der Fußgängerzone von Peterborough.
Ein Samstag in der Fußgängerzone von Peterborough.(Foto: n-tv.de)
Samstag, 18. Juni 2016

Wo der Brexit zur Verheißung wird: Die Angst der Abgehängten in Peterborough

Von Gudula Hörr, Peterborough

Verstopfte Straßen, Überschwemmungen, Vergewaltigungen - die EU ist an allem schuld. Da sind sich die Einwohner der britischen Kleinstadt Peterborough weitgehend einig. "Wir wollen unsere Freiheit zurück", sagen sie.

Müde flattern die britischen Wimpel am Rathaus hinter dem kleinen Kriegerdenkmal von Peterborough. In der Nähe verteilen Wahlkämpfer Flugblätter, ihre roten T-Shirts leuchten in der Fußgängerzone. "Vote Leave", steht in weißen Buchstaben darauf. Wen sie verlassen wollen, müssen sie in dieser britischen Kleinstadt niemandem erklären. Es geht um die Europäische Union, am 23. Juni stimmen die Briten über einen möglichen Austritt ab. Hier, fernab von Brüssel, steht das Urteil bereits seit Langem fest.

"Wir wollen unsere Freiheit zurück", sagt Robert H. Brown, ein bärtiger ergrauter Mann. Er sitzt für die rechtspopulistische Ukip als Stadtrat im nahegelegenen Ramsey und listet bereitwillig die Nachteile der EU auf. "Wir lassen uns nicht gerne von ungewählten EU-Kommissaren die Gesetze diktieren." Auf seinem Ärmel prangt ein "Leave"-Button, er redet sich warm. "Wir wollen endlich wieder die Einwanderung kontrollieren." In Großbritannien gebe es nicht genug Platz, um all die Menschen zu ernähren. "Immer mehr wird zubetoniert, wodurch es zu Überschwemmungen kommt." Vergewaltigungen, Gewalt, Verbrechen würden rapide zunehmen, klagt Brown - was die jährliche Polizeistatistik der Stadt so allerdings nicht widerspiegelt. Doch den Verfechtern eines Brexits in Peterborough geht es um mehr als um Fakten.

Robert Brown und David Morrison (v.l.) sind sich einig in ihrer Ablehnung der EU.
Robert Brown und David Morrison (v.l.) sind sich einig in ihrer Ablehnung der EU.(Foto: n-tv.de)

Es geht auch um Stolz, Angst und Ressentiments. "Was ein Land groß macht, ist, dass es seine eigenen Entscheidungen fällen kann", sagt ein kahlköpfiger Mann mit großem Schnäuzer, der eine Jogginghose und zerschlissene Schuhe trägt. Er geht auf Brown zu und schüttelt ihm die Hand. Großbritannien hätte die besten Wissenschaftler, die besten Fabriken und Technologien in der Welt. "Wir müssen wieder auf unseren eigenen Beinen stehen, wir müssen wieder dorthin zurück, wo wir einmal waren", so David Morrison. Früher arbeitete er in einer Ziegelfabrik, jetzt ist er schon lange arbeitslos. Er nennt sich den "ärmsten Mann" von Castor, ein kleiner Ort in der Nähe von Peterborough. "Ich kann in meinem eigenen Land keinen Job mehr finden, weil immer jemand aus Rumänien oder Polen das Rennen macht."

Dabei gibt es in Peterborough weniger Arbeitslose als im Rest Großbritanniens, wo die Quote auch nur bei 5 Prozent liegt. Besonders seit der EU-Osterweiterung 2004 hat die Stadt zahlreiche Einwanderer angezogen. Abertausende Osteuropäer arbeiten nun in der fruchtbaren Umgebung auf Spargel-, Tomaten- oder Erdbeerfeldern. Andere putzen oder bedienen in Restaurants oder fegen die Straßen in der Innenstadt. Kaum eine andere britische Ortschaft wuchs in den vergangenen Jahren so schnell. Inzwischen sind rund ein Drittel der Einwohner keine gebürtigen Briten.

"Die EU will alles gleichmachen"

"Vor 30 Jahren war dies eine kleine Marktstadt. Hier wohnten nur Briten", sagen zwei mit Orden behängte Veteranen, die unter dem Kriegerdenkmal Anstecknadeln verkaufen und für den Tag der Streitkräfte am 25. Juni werben. Jetzt schlendern an ihrem Stand fremdländisch anmutende Frauen mit Schleier vorbei, umringt von dunkelhaarigen Kindern. Eine junge Schwarze singt mit ihrer Band in der Nähe, immer wieder wehen polnische, russische oder arabische Satzfetzen zu den ehemaligen Soldaten hinüber. "Die EU will alles gleichmachen", sagt der Veteran Malcom Byron. "Man kann einen Briten aber nicht in einen Deutschen verpflanzen oder umgekehrt."

Einwanderung in Großbritannien

Die Zuwanderung ist eines der dominierenden Themen des Wahlkampfs. Premierminister David Cameron hatte versprochen, sie auf unter 100.000 zu reduzieren. Tatsächlich lag die Netto-Zuwanderung im Jahr 2015 bei 333.000, wobei etwas mehr als die Hälfte der Einwanderer aus Nicht-EU-Ländern stammt.

Hier in Peterborough erscheint der Rest der Welt - wie in so vielen abgehängten Orten - vor allem als Bedrohung. Schon das 120 Kilometer entfernte London mit den gläsernen Türmen der Investmentbanken beäugen die Einwohner der Stadt, in der es keine Universität und nur ein heruntergekommenes Kino gibt, misstrauisch. In unendlicher Ferne aber liegen die EU-Staaten auf dem Kontinent - als befänden sie sich auf einem anderen Planeten. Einzig die Gefahren durch die EU scheinen nah und real.

So wie die EU jetzt beschaffen sei, wolle doch keiner mehr beitreten, klagt Colin Fairbrother, ein älterer Herr mit einer gelben Blume im Revers des weißen Jackets. Seine ganze Familie sei für einen EU-Austritt. Er habe nichts gegen Europa, sie hätten sogar mal ein Haus in der Bretagne besessen. Aber die Entscheidung von Kanzlerin Angela Merkel, die Grenzen zu öffnen, habe zu einem "absoluten Chaos" geführt. "Jetzt werden überall Zäune gebaut und das stört die Tiere, davon redet niemand." Die Wildschweine und Wölfe müssten sich jedoch frei bewegen können.

"Es geht den Bach runter"

Seine Frau Valerie, eine adrett gekleidete, freundliche ältere Dame mit grauen Haaren beklagt noch etwas: "Alles ist überfüllt, man kommt auf den Straßen kaum mehr voran. Parkplätze gibt es auch nicht." Ihr täten die Flüchtlinge leid, aber sie wisse auch keine Antwort auf das Problem. Großbritannien sei einfach zu klein. "Und überall liegt Müll, alles ist voller ausländischer Läden." Peterborough habe sich in den letzten Jahren wirklich verändert. "Es geht den Bach runter."

Matthew Mahabadi weiß: Er führt einen schweren Kampf.
Matthew Mahabadi weiß: Er führt einen schweren Kampf.(Foto: n-tv.de)

Tatsächlich scheint die 190.000-Einwohner-Stadt schon bessere Tage erlebt zu haben. Davon zeugen die prächtigen Altbauten in der Innenstadt und die gigantische normannisch-romanische Kathedrale, eine der bedeutendsten englischen Kirchen des Mittelalters. Inzwischen aber sind in der Fußgängerzone viele Läden verrammelt, ein Wettbüro, die Spielhölle "New Horizon" und Ramschläden wie das "Poundland" locken mit "Alles für ein Pfund"-Angeboten. Gleich mehrere Pfandläden bieten Bargeld für Goldringe und anderen Schmuck an.

Auf einer Decke in der Bridge Street nahe dem historischen Rathaus sitzt ein junger Mann mit Zopf und nur noch wenigen Zähnen im Schneidersitz. Vor ihm liegen einige Cent-Stücke, gelegentlich stimmt er ein Lied an, das er sich selbst ausgedacht hat: "Schenk mir ein Lächeln". Auch er ist gegen die EU. Alles Geld ginge doch nur in die Penthäuser nach London.

"Dies hier ist eine sehr euroskeptische Gegend, eine der ärmsten Regionen von Cambridgeshire", sagt Matthew Mahabadi, der zwischen den Geranientöpfen eines Blumenhändlers in der Nähe der Kathedrale steht und Flugblätter verteilt: "Warum die EU gut ist für den Umweltschutz". Er trägt das weiße "In"-T-Shirt der "Remain"-Kampagne und hat Verständnis für die Brexit-Anhänger. "Die Menschen sind deprimiert, viele haben keine, unsichere oder nur schlecht bezahlte Arbeit." Deshalb müsse die EU als Sündenbock herhalten für alles, was schieflaufe.

Mahabadi, der einen iranischen Vater hat und jeden Tag für seine Arbeit in einer Marketing-Agentur nach London pendelt, sieht die Schuld jedoch nicht bei der EU, sondern bei der Regierung. Diese habe seit Jahren das britische Sozialsystem vernachlässigt, weder Wohnungen gebaut noch die Wirtschaft unterstützt. Die Menschen in Peterborough fühlten sich enttäuscht, zumal sie nicht die Möglichkeiten wie in London hätten. "Wir müssen ihnen wieder Hoffnung geben." Für ihn ist die EU eine Herzensangelegenheit und wenn er auf Merkel zu sprechen kommt, strahlt er. Deren Humanität sei unglaublich, erklärt er. Der Stadtrat von Peterborough habe es dagegen noch nicht mal geschafft, sich für die Aufnahme von 20 Flüchtlingen auszusprechen.

Bis zum Referendum ist Mahabadi nun fast ununterbrochen im Einsatz. In seiner Freizeit klappert er Peterboroughs Vororte ab oder steht in der Einkaufsstraße beim Blumenstand nahe der Kathedrale. Oft kommt er dabei selbst kaum zum Reden, sondern hört sich vor allem die Klagen der Passanten an. Über die Gesundheit, die Veränderungen in der Stadt, die Zuwanderer. Dann versucht er, zu erklären, warum die EU doch wichtig ist. Warum sie Frieden bringt und die Rechte der Arbeiter stärkt. Doch Mahabadi weiß: Hier in Peterborough fällt das schwer.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen