Politik
In der Nacht übernahm die "Mecklenburg-Vorpommern" mehrmals Flüchtlinge von anderen Booten.
In der Nacht übernahm die "Mecklenburg-Vorpommern" mehrmals Flüchtlinge von anderen Booten.(Foto: Issio Ehrich)
Freitag, 03. November 2017

Shitstorm voraus: Die Bundeswehr und das Schleppergeschäft

Von Issio Ehrich

Die Crew der "Mecklenburg-Vorpommern" rettet mit großem Einsatz Menschen aus Seenot. In sozialen Netzwerken gibt es dafür nicht nur Anerkennung.

"Betreibt die Bundeswehr jetzt Menschenhandel statt Grenzen zu schützen?" Oder: "Die Bundeswehr soll Deutschland beschützen – nicht zum Untergang beitragen." Oder: "Eindringlinge muss man stoppen, nicht noch helfen." Es gibt Tage, an denen ich meinen Twitter-Account nicht gern öffne. Am Mittwoch hatte ich darüber berichtet, dass die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" 124 Flüchtlinge aus Seenot gerettet hat. Und wie fast immer, wenn ich über Migranten schreibe, entwickelte sich daraufhin ein kleiner Shitstorm. Diesmal allerdings wetterten die Kommentarschreiber nicht gegen mein "Gutmenschentum" oder meinen "Propaganda-Journalismus", sondern gegen die Marine, mit der ich gerade im Einsatz im Mittelmeer unterwegs bin.

Ich selbst halte die Kritik ganz gut aus. Ich provoziere sie ja manchmal auch. Bei den 219 Männern und Frauen, mit denen ich gerade meinen Alltag teile, gibt es allerdings einen entscheidenden Unterschied. Soldaten können sich nicht für jeden Einsatz neu überlegen, ob sie in der Truppe bleiben möchten oder nicht. Sie haben in der Regel keine Wahl. Sie bekommen ein Mandat des Bundestages - und damit des deutschen Volkes.

Zur Ruhe kommen auf dem Flugdeck: Kinder bekommen an Bord ein bisschen Spielzeug.
Zur Ruhe kommen auf dem Flugdeck: Kinder bekommen an Bord ein bisschen Spielzeug.(Foto: Issio Ehrich)

Damit könnte die Debatte eigentlich auch schon vorbei sein. Doch auch wenn im Ton vergriffen, liegt in der Kritik, die in den sozialen Netzwerken aufkommt, eine gewisse Substanz. Es lässt sich zumindest theoretisch auch sachlich darüber streiten, ob die Präsenz von Hilfsorganisationen und Schiffen der EU-Mitgliedstaaten die Flucht über das Mittelmeer begünstigen. Deshalb halte ich es mit dem Vorwurf an die Bundeswehr so wie mit zumindest einigermaßen ernst zu nehmenden Vorwürfen gegen mich. Ich denke darüber nach. Was hält wohl die Besatzung an Bord davon?

No way?

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

In den sechs Tagen, die ich nun schon an Bord bin, habe ich mit etlichen Soldaten gesprochen. Twitter hin oder her - das Thema kam ganz von allein auf. Das Spektrum der Meinungen ist breit: Ein Offizier sagte mir: "Vielleicht sollte die EU mal über das Modell Australiens nachdenken." Dem Land ist es gelungen, die Migrationsströme aus der Nachbarschaft durch eine rigorose Rückschiebepolitik einzudämmen. Die Küstenwache patrouilliert und drängt Flüchtlingsboote ab, wenn sie sich den Hoheitsgewässern nähern. "No Way" (Keine Chance), so das Motto. Der Offizier sagte mir: "Wenn die Leute nicht mehr durchkommen, werden diese schon ausreichend Druck auf die Schlepper machen. Das Business würde zusammenbrechen."

Der Rechtsberater an Bord sagte mir dagegen: "Ich habe dazu eine juristische und eine menschliche Meinung. Beide sind identisch." Internationales Recht werde, so paradox das klingt, in verschiedenen Ländern unterschiedlich ausgelegt. In Deutschland sei diese allerdings eindeutig, wenn es darum geht, was mit den Geretteten geschieht. Sogenannte Push-Backs nach Libyen kommen derzeit nicht in Betracht. Was die menschliche Seite angeht, sagt der Jurist: "So viel Mitgefühl, die armen Teufel nicht ersaufen zu lassen, wird man doch wohl aufbringen können."

Ein Realitätscheck

Ein Arzt versorgt an Bord der Fregatte einen Flüchtling mit gebrochenem Arm.
Ein Arzt versorgt an Bord der Fregatte einen Flüchtling mit gebrochenem Arm.(Foto: Issio Ehrich)

Einer der Taucher an Bord sagte mir wiederum, dass viele Leute in Deutschland viel zu wenig über die Herkunftsländer von Flüchtlingen wüssten. Und er erinnert an einen Fall, der hier auf dem Schiff immer wieder hochkommt: Im vergangenen Jahr kam eine schwangere Frau an Bord. Das Kind sollte per Kaiserschnitt geholt werden. Die ganze Besatzung, so erzählt man es sich hier, habe auf die Geburt hingefiebert. Eine zweite "Sophia" sei auf dem Weg. Die "Mecklenburg-Vorpommern" ist im Rahmen der EU-Mission "Sophia" im Mittelmeer. Die hat ihren Namen von einem Kind, das auf der deutschen Fregatte "Schleswig-Holstein" zur Welt gekommen ist. Doch anders als Sophia überlebte das Kind nicht. Es war womöglich schon vor dem Kaiserschnitt tot.

"Man muss sich das mal vorstellen", sagt der Taucher. "Dass eine Mutter kurz vor der Entbindung in ein Schlauchboot steigt und sich auf diese Fahrt begibt. Was muss da in ihrer Heimat losgewesen sein?" Er plädiert dafür, die Menschen in Europa besser aufzuklären – und viel mehr Geld in die Entwicklung der Herkunftsländer zu stecken.

Ja, hier an Bord gibt es immer wieder Sprüche, die weit von jeder politischen Korrektheit sind. Das ist hier so oft der Ton, zum Teil der Humor. Eine Soldatin sagte mir allerdings, dass einige ihrer Kameraden sich damit wohl auch ein wenig von den Tragödien distanzieren, die sie hier immer wieder erleben. Selbstschutz.

Niemand, mit dem ich hier geredet habe, spricht sich übrigens dafür aus, dass die Bundeswehr einfach abzieht und die Menschen ihrem wie auch immer gearteten Schicksal überlässt. Im Internet ist das anders. Manch einem dort würde ein kleiner Realitätscheck wahrscheinlich ganz gut tun.

Dazu wird es allzu schnell allerdings kaum kommen. Ich befürchte vielmehr, dass der Shitstorm eher weiter wächst. In den vergangenen 24 Stunden haben wir weitere 300 Flüchtlinge an Bord genommen. Twitter hin oder her - die bringen wir jetzt nach Italien. Und das ist gut so. Bei einigen der Geschichten, die die Menschen aus den Schlauchbooten mitbringen, komme ich ins Grübeln. Einige klingen genauso qualvoll wie der Tod im Meer.

Hier lesen Sie, was am 5. Tag auf See geschah.

Quelle: n-tv.de

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