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Macht sich die Klingel-Offensive bezahlt? In der aktuellen Forsa-Umfrage kommt die SPD nur auf 22 Prozent.
Macht sich die Klingel-Offensive bezahlt? In der aktuellen Forsa-Umfrage kommt die SPD nur auf 22 Prozent.(Foto: imago stock&people)
Mittwoch, 28. August 2013

Unterwegs mit Genossen: Die rote Drückerkolonne

Von Christian Rothenberg

An fünf Millionen Türen will die SPD bis zum Wahltag klingeln, um Unentschlossene zu überzeugen. Gut eine Million Hausbesuche haben die Genossen schon absolviert. Doch ob sich die aufwändige Tour durch die Treppenhäuser am Ende auch lohnt, ist ungewiss.

Mechthild Rawert sitzt seit 2005 für die SPD im Bundestag.
Mechthild Rawert sitzt seit 2005 für die SPD im Bundestag.(Foto: imago stock&people)

Im zehnten Stock eines Berliner Hochhauses riecht es nach Gulasch, aber zum essen ist jetzt keine Zeit. "Hallo, ich bin Ihre Bundestagsabgeordnete …". Weiter kommt Mechthild Rawert nicht. Krachend fällt die Tür vor ihr ins Schloss. "Die Politiker, diese ganze Kacke da", ruft der Rentner noch, dann ist es wieder still. Die Frau mit den blond gefärbten Haaren und den türkisen Schuhen steht wieder allein im dunklen Flur. In der Hand hält die 55-Jährige eine Tasche mit dem ganzen Arsenal wahlkämpferischer Überredungskünste: Gummibärchen, Luftballons, Kugelschreiber, Einkaufschips und SPD-Entchen.

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Fünf Millionen Hausbesuche wollen die Sozialdemokraten bis zum 22. September machen, über eine Million haben sie schon hinter sich. Generalsekretärin Andrea Nahles spricht vom modernsten Wahlkampf aller Parteien. Das Konzept mit den Hausbesuchen hat die SPD nicht neu erfunden. Nahles reiste mehrfach in die USA. Hier studierte sie bei einem, der zwei erfolgreiche Wahlkämpfe geführt und dafür an viele Türen geklopft hat: Barack Obama. In Niedersachsen, wo das Konzept vor der Landtagswahl getestet wurde, gelang es, 90.000 Nichtwähler zurückzugewinnen. "Das wichtigste technische Hilfsmittel im Wahlkampf ist nicht das Internet, es ist der Klingelknopf", sagte Parteichef Sigmar Gabriel im Juni.

"Den mag ich nicht"

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Es ist also Wahlkampf und die Genossen gehen seit Wochen fleißig von Tür zu Tür. Unter ihnen befindet sich auch Mechthild Rawert, die seit 2005 im Bundestag sitzt. Neue Tür, neues Glück: Ein älterer Herr öffnet. Geduldig lässt er die Wahlkämpferin ausreden. Doch dieser Wähler ist offenbar schon verloren. Kopfschüttelnd zeigt er auf das Steinbrück-Bild auf dem Flyer und sagt: "Den mag ich nicht." Die SPD stehe doch für ein Programm, erwidert Rawert. Aber es ist zwecklos. Der Mann hat schon gewählt, per Briefwahl. Die SPD war es diesmal offenbar nicht. Na dann. "Schönen Tag noch."

Die Sozialdemokraten haben ein Problem. Steinbrück und Gabriel betonen beharrlich, der Ausgang der Wahl sei vollkommen offen, aber so viel ist sicher: Die Sehnsucht der Deutschen nach der SPD hält sich in Grenzen. In Umfragen liegt die Partei vielfach sogar unter 25 Prozent. Teil des Problems ist auch Steinbrück selbst. Dass sich ausgerechnet ihr Kanzlerkandidat, ein Sozialdemokrat, Vorträge mit fünfstelligen Summen bezahlen ließ, ist für viele SPD-Anhänger schwer verständlich. Rawert will nicht sagen, ob sie sich lieber jemand anderen an der Spitze ihrer Partei gewünscht hätte. "Das ist müßig, das spielt jetzt keine Rolle mehr."

32 Prozent sind drin

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In den vergangenen Wochen hat Rawert mit ihrem Team von 130 Freiwilligen an über 2200 Türen geklingelt. Etwa jede Dritte wird geöffnet. Wenn sie nicht sofort zugeknallt wird, wirbt die SPD-Frau hier für zwei Dinge. "Gehen Sie wählen." Und: "Am besten natürlich die SPD." Die Wahlkämpfer schwärmen nicht wahllos aus in die Bezirke. Sie folgen gezielt den Empfehlungen ihrer Wahlanalyse. Besonders hoch ist der Mobilisierungsindex dort, wo SPD- und Nichtwähler-Anteile zuletzt gleichermaßen hoch waren. Für die Genossen, die im Bund in den vergangenen acht Jahren die Hälfte ihrer Wähler verloren haben, steht viel auf dem Spiel. Mehr als ein Drittel der Menschen sind noch unentschlossen. Schöpft die SPD ihr gesamtes Potenzial aus, so schätzt das Meinungsforschungsinstitut Insa, sind bei der Wahl 32 Prozent drin.

Zwischen zehn Sekunden und drei Minuten dauern die Gespräche, die die Sozialdemokraten mit den Menschen führen. Die Türschwelle übertreten sie dabei so gut wie nie. "Das dauert zu lange. Außerdem kommt man da nicht mehr so schnell raus", sagt eine der Freiwilligen. Rawert klingelt jetzt an einer Tür im achten Stock. Diesmal öffnet ein älterer Herr. "Sie haben mich vielleicht schon draußen hängen sehen", sagt Rawert und meint die Plakate. "Gehen Sie bitte wählen." Doch der 82-Jährige ist schwer enttäuscht von der Politik. "Was habe ich denn davon? Mir hilft doch keiner", sagt er. Rawert ist hartnäckig. "Freuen Sie sich Ihres Lebens. Ich bin Gesundheitspolitikern. Schlafen ist die beste Medizin", rät sie.

"Ach, Sie sind's"

Mindestlohn, Solidarrente, Erhöhung des Spitzensteuersatzes: Mit diesen Themen ziehen die Genossen drei Wochen vor der Wahl durch die Treppenhäuser der Republik. Doch viele Wähler beschäftigen ganz andere, vermeintlich profanere Dinge, wie der Zebrastreifen vor dem Haus oder die Kleingartenkolonie. Eine Wechselstimmung provozieren solche Themen nicht. Das weiß auch Rawert. "Der Kopf sagt: Uns geht's gut, aber der Bauch grummelt." Ob das am 22. September ausreicht, um die Kanzlerin zu stürzen?

Der Aufzug kommt, hier trifft die SPD-Frau auf einen weiteren Hausbewohner. "Ach, Sie sind's", sagt der Mann. "Sie hätte ich ja gar nicht wiedererkannt." Rawert schaut in den Spiegel. "Mein Lippenstift muss eine andere Struktur haben", sagt sie. Der Mann lacht. Ob sie gerade eine schwere Zeit habe, will er wissen und schaut mitleidig auf ihren Flyer. "Was kriegen Sie da eigentlich im Monat", fragt er. Etwas über acht Brutto, antwortet Rawert. Der Mann staunt. "Na, dafür lohnt es doch zu kämpfen."

Bei den letzten Bundestagswahlen erlebte die Berliner SPD eine heftige Schlappe. Sie stürzte um 14 Prozentpunkte ab auf 20,2 Prozent. Rawert verlor ihren Wahlbezirk Tempelhof-Schöneberg damals an die CDU. Nur über die Landesliste kam sie in den Bundestag. 2013 soll es mit dem Direktmandat wieder klappen. Die eine Seite ihres Flyers zeigt Steinbrück, die andere sie. Ihr Schicksal ist zwar verbunden, aber nicht bedingungslos. Es könnte gut sein, dass Steinbrück zwar nicht Kanzler wird, sie aber trotzdem wieder in den Bundestag kommt.

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Quelle: n-tv.de

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