Sonntag, 12. September 2010
Putschisten verlieren Immunität: Die türkische Verfassungsreform
In der Türkei beginnt nach der Annahme einer tiefgreifenden Verfassungsreform durch die Volksabstimmung eine neue Ära. Das Militär verliert an Einfluss, Politik und Justiz werden gestärkt. Die wichtigsten Punkte der Reformen, die aus insgesamt 26 Einzelvorhaben bestehen.
Positive Diskriminierung
Fördermaßnahmen für Frauen, Kinder, Behinderte und Kriegsversehrte werden verfassungsrechtlich abgesichert. Damit sollen die Arbeitsmarktchancen dieser Gruppen verbessert werden.
Militär
Beschlüsse des Obersten Militärrates, der über Beförderungen und Entlassungen in der Armee entscheidet, unterliegen künftig der Kontrolle durch die zivile Justiz. Die Anführer des Putsches von 1980 verlieren ihre bisherige Immunität vor Strafverfolgung und dürfen wegen der vielen Menschenrechtsverletzungen nach dem Staatsstreich vor Gericht gestellt werden.
Justiz
Die Zahl der Verfassungsrichter wird von elf auf 17 erhöht. Die Rolle von Staatspräsident und Parlament bei der Auswahl neuer Verfassungsrichter wird gestärkt. Auch der Richterrat, ein Gremium zur Ernennung und Entlassung von Richtern und Staatsanwälten, wird von sieben auf 22 Mitglieder erweitert. Die Vertreter der höchsten Justizorgane, die als besonders erbitterte Gegner der Erdogan-Regierung gelten, verlieren an Einfluss. Die Opposition hatte die Neuregelgungen scharf kritisiert.
Gewerkschafts- und Beamtenrechte
Die Türken erhalten das Recht, gleichzeitig Mitglied in mehr als einer Gewerkschaft zu sein. Das Streikrecht wird ausgeweitet.
Ombudsmann
Das türkische Parlament soll künftig alle vier Jahre einen Ombudsmann wählen, der die Kontrolle über die Verwaltung verbessern und Beschwerden von Bürgern nachgehen soll.
AFP
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