Politik
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Montag, 04. September 2017

Merkel gegen Schulz: Die wichtigsten Szenen des TV-Duells

Von Christian Rothenberg und Hubertus Volmer

Schulz gegen Merkel: Gut 95 Minuten dauerte das Duell am Sonntagabend. Drei Wochen vor der Bundestagswahl standen sich die Kanzlerin und ihr SPD-Herausforderer in ihrem einzigen Schlagabtausch gegenüber. Hier die sieben wichtigsten Szenen.

20:18 Uhr: Schulz in der Defensive

Das Duell hat gerade erst begonnen und der SPD-Kanzlerkandidat ist bereits in der Defensive. In ihrer ersten Frage haben die Moderatoren Martin Schulz auf seinen Absturz in den Umfragen angesprochen. Dann fragen sie ihn nach seinem Vorwurf, Merkel verübe einen "Anschlag auf die Demokratie". Schulz reagiert selbstkritisch. Dies sei eine "harte und zugespitzte Formulierung gewesen", die eine notwendige Debatte ausgelöst habe. "Ich würde es in dieser Schärfe sicher nicht noch einmal sagen", räumt er ein. Damit ist Schulz zwar ehrlich, ausgerechnet zu Beginn des für ihn so wichtigen Duells gesteht er jedoch indirekt einen Fehler ein. Ein guter Start sieht anders aus.

Gut reagiert Schulz kurz danach, als Moderator Claus Strunz ihm seinen Satz "Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold" vorhält. Das Zitat sei nicht vollständig, merkt der SPD-Chef an. "Was die Menschen zu uns bringen, ist wertvoller als Gold, es ist der Glaube an Europa."

20:23 Uhr: Merkel kontert die Attacke

Nach dem durchwachsenen Start schaltet Schulz auf Angriff. Er kritisiert Merkels Aussage, sie würde erneut so handeln wie 2015, als sie die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge ins Land ließ. "Dazu kann ich nicht raten", sagt der SPD-Kanzlerkandidat. Die Kanzlerin habe damals keine solidarische europäische Lösung gewählt. Dass sie die EU-Mitgliedsstaaten vor vollendete Tatsachen gestellt habe, hätte dazu geführt, dass Ungarn und Polen sich aus der Verantwortung gezogen hätten. Merkel reagiert nicht nur deutlich ("Das sehe ich nun wirklich anders"), sie kontert auch. Und sie verweist auf Absprachen mit Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel, beides SPD-Politiker.

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Als Schulz sie auf das enge Verhältnis der CSU zum ungarischen Präsidenten Viktor Orban anspricht, sagt Merkel: "Sie sagen selbst immer, man müsse miteinander reden." Dann verweist sie auf den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico - ebenfalls ein Kritiker der deutschen Flüchtlingspolitik und wie Schulz Sozialdemokrat. Schulz sagt zu Merkel: "Sie hätten sagen müssen: Wir haben richtig gehandelt, aber das ein oder andere ist falsch gelaufen." Den Gefallen tut die Kanzlerin ihm. Sie räumt ein, man habe sich zu wenig um die Situation in Flüchtlingslagern in Afrika und in der Türkei gekümmert. Mit dem Zusatz: "Auch der Außeminister." Zur Erinnerung: Den stellt seit 2013 die SPD.

20:37 Uhr: Was will Schulz uns damit sagen?

Nach der Flüchtlingspolitik geht es um Integration. Auf einmal sagt Schulz, er habe in der Vorbereitung dieser Sendung "ein paar Sachen" über den Islam nachgelesen. Merkel unterbricht ihn: "Das ist gut." Schulz scheint leicht irritiert zu sein. "Ja, so wie Sie auch." Dann fängt er sich und erzählt, dass ihm dabei ein großartiges Zitat aufgefallen sei, dass er sich eigentlich für das Schlusswort habe aufbewahren wollen. Es lautet: "Jenseits von richtig oder falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns." Das sei "ein wunderbares Zitat eines großen schiitischen Philosophen" aus dem Iran. Schulz klingt jetzt ein wenig steif, als sei er wirklich schon beim Schlusswort angekommen. "Sie sehen, der Islam ist eine Religionsgemeinschaft wie jede andere auch, die integrierbar ist in unser Land."

Bei dem schiitischen Philosophen handelt es sich um Dschalal ad-Din al-Rumi, einen persischen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert. Ihn als Beleg für die Integrierbarkeit von Muslimen anzuführen, ist vielleicht ein bisschen gewagt. Aber natürlich hat Schulz Recht, wenn er sagt: "Wir reden, wenn wir über den Islam reden, über die 95 Prozent Muslime, die so gläubig sind im Islam wie die Christen im Christentum. Lassen Sie uns nicht aufzwingen, dass die 5 Prozent oder 3 Prozent fanatische Integristen den Islam in diesem Land diskreditieren und verleumden können." Er sagt wirklich Integristen. Vermutlich meint er Islamisten. Und vermutlich war er wirklich nervös.

21:01 Uhr: Punktsieg für Schulz

Inzwischen geht es um das Thema Türkei. Wieder geht Schulz nach vorn. Als Bundeskanzler werde er dem Europäischen Rat vorschlagen, die Beitrittsverhandlungen zu beenden und die Vorbeitrittshilfen zu stoppen. "Die einzige Sprache, die sie in Ankara verstehen, ist, jetzt ist Schluss." Auch Merkel spricht sich gegen Leisetreterei im Umgang mit Erdogan aus. Zugleich warnt sie vor einem allzu deutlichen Bruch. 50 Prozent der Menschen in der Türkei "hoffen auf uns", warnt sie Schulz und stichelt: "Ich breche die Verhandlungen nicht ab, nur weil wir uns im Wahlkampf übertreffen wollen." Fast etwas süffisant verweist sie auf Gespräche mit Außenminister Gabriel, wonach man die Beziehungen nicht abbrechen dürfe - ein Seitenhieb auf das angeknackste Verhältnis zwischen Schulz und seinem Parteifreund. Schließlich sagt Merkel, sie wolle sich ebenfalls für ein Ende der Beitrittsverhandlungen einsetzen. Sie macht also etwas, das sie kurz zuvor noch ausdrücklich ausgeschlossen hatte. Es ist ein Punktsieg für Schulz. Er kann für sich in Anspruch nehmen, Merkel zu einer Entscheidung gedrängt zu haben. Eine andere Frage ist, ob ihm das hilft.

21:15 Uhr: Merkel legt sich fest

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Erst nach einer Stunde leiten die Moderatoren zur Innenpolitik über. Es geht jetzt um soziale Gerechtigkeit. Wieder unternimmt Schulz einen Versuch, gegen Merkel zu punkten. Die Union wolle die Menschen bis 70 arbeiten lassen, sagt er. Die Kanzlerin widerspricht. Es gelte nach wie vor, "was wir unter Franz Müntefering vereinbart haben" - Merkel meint den SPD-Vizekanzler in der Großen Koalition von 2005 bis 2009. Schulz hakt ein, aber Merkel blockt ab und behauptet sich. Moderator Claus Strunz fragt die Kanzlerin: Sicher, dass wir nicht bis 70 arbeiten müssen? Merkel legt sich überraschend deutlich fest: "Ja, natürlich sage ich das ganz sicher. Da ändert sich überhaupt nichts." Von Schulz kommt ein Lob. "Das finde ich toll, Frau Merkel. À la bonne heure!", sagt er. "Zum ersten Mal heute Abend, dass man sagen kann, Frau Merkel hat eine klare Position in dieser Frage."

Schulz triumphiert, dankt ihr sogar, dabei hat die Kanzlerin im Vorbeigehen erneut ein Thema der Konkurrenz abgeräumt. Dann versucht Schulz, Merkels Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Er erinnert an die Maut, gegen die Merkel sich im Duell gegen Peer Steinbrück vor vier Jahren ausgesprochen hatte. Merkel lässt dies nicht gelten. Eine Maut, die den deutschen Autofahrer belastet, werde es nicht geben, das habe sie 2013 versichert. Die Maut betreffe nur Ausländer. Kurz darauf erinnert sie Schulz daran, dass auch SPD-geführte Länder der Maut zugestimmt haben. Schulz' Attacke verpufft.

21:31 Uhr: Schulz ist konkreter

Wie groß die steuerliche Entlastung unter einem SPD-Kanzler für eine vierköpfige Familie mit 3500 Euro Bruttogehalt sei, fragt RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel. Martin Schulz gerät ins Rechnen. Zwischen 200 und 250 Euro, sagt der Kanzlerkandidat. Zusätzlich erhalte jedes Elternteil pro Kind einen jährlichen Zuschlag von 150 Euro. Schulz wird damit konkret, Merkel nicht. "Ich kann das nicht ganz genau sagen, es kann durchaus signifikante Steuerentlastung bedeuten. Wir werden außerdem für jedes Kind das Kindergeld um 25 Euro pro Monat erhöhen, macht nochmal 50 Euro", sagt sie nur. Diese Runde geht an Schulz.

21:49 Uhr: Am Ende legt Merkel noch einen drauf

Schulz' Abschluss-Statement beginnt originell. "Wie viel Zeit hab' ich?", fragt er, als ihm das Wort erteilt wird. Eine Minute, lautet die Antwort. "60 Sekunden für ein Schlusswort? In 60 Sekunden, meine Damen und Herren, verdient eine Krankenschwester weniger als 40 Cent und ein Manager in einem großen Unternehmen mehr als 30 Euro. In 60 Sekunden kann ein verantwortungsloser Politiker mit einem Tweet die Welt an den Rand einer Krise führen. In der gleichen Zeitspanne können junge Menschen sich vernetzen und Diktaturen zum Einsturz bringen." Jetzt zerfasert die Metapher. Gewaltherrscher in einer Minute beseitigen? Wohl kaum.

Schulz hat nun schon 25 seiner 60 Sekunden aufgebraucht. Er spricht dann noch über den Mut zum Aufbruch, dass die Zukunft "zusammen mit unseren Freunden in Europa" gestaltet werden müsse. Wie genau? Dafür fehlt ihm die Zeit. Er habe sein ganzes Leben für die Idee eines europäischen Deutschlands in einem starken Europa gekämpft, sagt Schulz gerade, als er unterbrochen wird. "Die Minute ist um", sagt Sandra Maischberger. Schulz kann nur noch sagen, dass er um das Vertrauen bittet, "dass ich als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland unser Land dienend für unser Volk und für Europa gestalten kann".

Dann kommt Merkel. Die Kanzlerin lässt aufhorchen, sie nutzt ihr Schlusswort für eine Abrechnung mit dem Format, die es durchaus in sich hat. "Wir haben aus meiner Sicht nicht ausführlich darüber gesprochen, was eigentlich zur Entscheidung steht in den nächsten vier Jahren." Sie spricht von digitalem Fortschritt, von Bildung - von all den Themen, die in diesem Duell keine Rolle spielten. Ein überraschender Treffer, den Merkel nicht auswendig gelernt haben kann. Und Schulz kann dem nichts mehr entgegensetzen. Zum Abschluss wird es fast rührig: Die Kanzlerin wünscht, ganz brav, einen "schönen Abend".

Quelle: n-tv.de

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